HORIZONT-Check: Warum "X Factor" eine Bereicherung für das deutsche Fernsehen ist

Mittwoch, 31. August 2011
Die neue Jury von "X Factor" mit Till Brönner, Sarah Connor und Das Bo
Die neue Jury von "X Factor" mit Till Brönner, Sarah Connor und Das Bo


Die Werbekampagne im Vorfeld hat es bereits angedeutet: Dieses Mal darf bei "X Factor" alles eine Nummer größer sein. Die Bühne, die Halle, die Zahl der Kandidaten, die mit über 25.000 Bewerbern einen neuen Rekord erzielte - nach dem erfolgreichen Auftakt im vergangenen Jahr will Vox mit der Castingshow in diesem Jahr noch eine Schippe drauflegen. Ob das gelingt, wird sich in den kommenden Wochen erst noch zeigen. Die erste Folge der neuen Staffel hat allerdings bereits deutlich gemacht: Vox ist mit "X Factor" eine Castingshow mit Herz gelungen, die eine große Bereicherung für die deutsche Fernsehlandschaft darstellt. Drei Gründe, warum "X Factor" ein erneuter Erfolg zu wünschen ist.

Die Jury

Zusammensetzung, Kompetenz und Sympathiewerte: Die Jury als Dreh- und Angelpunkt von "X Factor" überzeugt. Anders als bei manch anderer Castingshow entsteht hier bei keinem der Jurymitglieder der Eindruck, er sei ein reiner Zählkandidat oder nur hübsche Staffage. Auch die Art und Weise, wie die Jury den Kandidaten ihr Urteil verkündet, hebt sich wohltuend von den verbalen Vorschlaghammer-Methoden eines Dieter Bohlen oder den cholerischen Anfällen eines Detlef D. Soost ab. Die Jury macht "X Factor" zu einer Castingshow der eher leisen Töne - und hebt sich damit wohltuend von den Krawallshows der Konkurrenz ab.

Im Mittelpunkt der Jury steht wie bereits bei der ersten Staffel Sarah Connor. Die hochschwangere "Pop-Queen" überstrahlt ihre beiden männlichen Kollegen nicht nur optisch, auch im Gefüge der Jury kommt ihr erneut die Rolle der strengen, aber gütigen Übermutter zu. Trompeter und Musikprofessor Till Brönner, meist elegant im dunklen Zwirn, ist eher der Bad Cop in der Jury: Stets kritisch, nur schwer zu begeistern und im Zweifelsfall strenger als seine Kollegen. Sein professionelles Urteil ist über jeden Zweifel erhaben. Rapper Das Bo, der in der zweiten Staffel Produzent George Glück als Juror abgelöst hat, kommt die Rolle des lässigen Kumpeltyps zu. Mit einer spontanen Jam-Session mit einem Beatboxer-Kandidaten sorgte der Rapper für einen der Höhenpunkte der ersten Folge.


Rapper Das Bo mit Kandidat Michael Krappel. Bei DSDS hätte der Wiener wohl keine Chancen gehabt
Rapper Das Bo mit Kandidat Michael Krappel. Bei DSDS hätte der Wiener wohl keine Chancen gehabt

Die Kandidaten

Der Hauptunterschied von "X Factor" zu den beiden anderen großen Castingshows "Deutschland sucht den Superstar" und "Popstars" besteht darin, dass es bei Vox keine Altersgrenze gibt. Natürlich sind auch hier die meisten Kandidaten noch sehr jung und träumen von der großen Karriere im Musikbusiness - aber da gibt es eben auch Kandidaten wie den Berufsmusiker Volker Schlag, der das Publikum mit seiner Interpretation von "Ohne dich" von "Selig" von den Sitzen riss - bei RTL und Pro Sieben hätte der 44-Jährige gar nicht mehr auftreten dürfen. Für ein weiteres Highlight sorgte das Duo Nica Balyavskaya und Joe Guyton, bei dem die Luft nicht nur in musikalischer Hinsicht knisterte.

Überhaupt hat man den Eindruck, dass "X Factor" Kandidaten anzieht, denen es tatsächlich in erster Linie um die Musik geht - und nicht nur darum, sich einmal im Fernsehen vor einem Millionenpublikum zu präsentieren. Auch in dieser Hinsicht unterscheidet sich die Show angenehm von den Teenie-fixierten Castings der Konkurrenz.

In einem Punkt unterscheidet sich allerdings auch "X Factor" nicht von den Konkurrenz-Formaten: Auch von Edita Abdieski, Gewinnerin der ersten Ausgabe von "X Factor", hat man nach dem Ende der ersten Staffel nicht mehr viel gehört. Aber das zählt wohl leider zu den Gesetzmäßigkeiten deutscher Castingshows.


Noch glücklich vereint: Die Jury mit Moderator Jochen Schropp
Noch glücklich vereint: Die Jury mit Moderator Jochen Schropp

Das Konzept

Bei einigen Castingshows fragt man sich tatsächlich von Zeit zu Zeit, worum es bei dem ganzen Zirkus eigentlich geht. War da nicht was? Ach so, richtig: Musikalisches Talent. Was bei "DSDS" und "Popstars" mitunter in den Hintergrund rückt, steht bei "X Factor" tatsächlich noch im Mittelpunkt. Dazu trägt sicherlich auch das Konzept bei: Nachdem bei  den ersten Castings die Spreu vom Weizen getrennt wurde, nimmt jeder Juror die Kandidaten einer Kategorie (Sänger von 16 bis 24 Jahren, Sänger ab 25 Jahren und Gruppen und Duette) unter seine Fittiche. Der Juror wird zum Coach - und zum Konkurrenten seiner Jury-Kollegen. Das stachelt den Ehrgeiz der Juroren an und kommt im Idealfall der Qualität zugute. Scheitert ein Kandidat, blamiert sich im Zweifelsfall auch der prominente Coach. Damit können sich Sarah Connor, Till Brönner und Das Bo nicht in die  bequeme Position des Jurors zurückziehen, was sicherlich zum Reiz des Formats beiträgt.

Bleibt zu hoffen, dass die Produktionsfirma der Versuchung widerstehen konnte, zu viele Doku-Soap-artige Elemente in das Format einzubauen. Im Interview mit DWDL hat Ute Biernat, Chefin der Produktionsfirma Grundy LE angekündigt, das man in der neuen Staffel "noch näher herangekommen ist an die Kandidaten". Dazu gehören zum Beispiel Einspieler, in denen einige Kandidaten den Zuschauern kurz vorgestellt werden - DSDS lässt grüßen. In der zweiten Phase sollen dann die Unterschiede zwischen den Juroren und ihre Zusammenarbeit mit den Kandidaten noch deutlicher herausgestellt werden. Man darf also gespannt sein - auch darauf, wie die zweite Staffel beim Publikum ankommen wird.

Die erste Folge von "X Factor" kam mit 1,39 Millionen Zuschauern von 14 bis 49 Jahren auf einen guten Zielgruppen-Marktanteil von 12,1 Prozent. Da ist noch viel Luft nach oben. Zum Vergleich: Die ersten beiden Folgen der ersten Staffel erzielten bei Vox Marktanteile von 15 und 17 Prozent - allerdings hatte die Castingshow damals tatkräftige Unterstützung von der großen Schwester RTL bekommen, die die erste Folge ausgestrahlt hatte. In den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob die Zuschauer reif sind für eine Castingshow der leisen Töne - es wäre Vox und dem deutschen Fernsehen zu wünschen. dh
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