HORIZONT-Check: "The Voice" – Zeit ist reif für gute Stimmen

Freitag, 25. November 2011
Bei den Blind Auditions sitzen die Coaches mit dem Rücken zur Bühne
Bei den Blind Auditions sitzen die Coaches mit dem Rücken zur Bühne


Es ist das wichtigste Projekt, das Pro Sieben und Sat 1 in diesem Jahr stemmen. Nachdem Pro Sieben vor zwei Jahren mit der ARD paktiert hat, um "Unseren Star für Oslo" zu finden, kooperieren nun die beiden Konzernschwestersender miteinander, um "The Voice of Germany" zu finden - die einzig wahre Stimme Deutschlands. Pro Sieben Sat 1 ist seit Jahren auf der Suche nach einem Kontrapunkt zu RTLs Quotenbringer "Deutschland sucht den Superstar" mit Dieter Bohlen, für dessen Leistung in Sachen Quote bald auch das Superlativ "Poptitan" nicht mehr ausreicht. Bei "X Factor", einem weiteren international erfolgreichen Format, kam der Konzern aus Unterföhring nicht zum Zuge. Die Mediengruppe RTL Deutschland schnappte das Format gezielt weg, um einen Angriff aus Unterföhring zu verhindern, und lancierte es beim kleineren Sender Vox. Bereits die Jury mit Sarah Connor, Til Brönner und aktuell Das Bo trat mit dem Ziel an, nach musikalischem Können und nicht nach Freakfaktor zu casten. Und macht das auch sehr überzeugend.

Und nun also "The Voice". Die Show muss sich irgendwo zwischen dem pompösen "DSDS", Bohlens zweiter RTL-Show "Das Supertalent" und dem ebenfalls ambitionierten "X Factor" einfinden. Zu allem Unglück verlängerte RTL das "Supertalent" auch noch und programmierte es direkt gegen die "The Voice"-Auftaktsendung gestern Abend auf Pro Sieben. Ein Akt des Respekts, den die Kölner den Angreifern zollen.

Damit startete "The Voice" in jeder Hinsicht unter erschwerten Bedingungen. Trotzdem konnte die Show das "Supertalent" bei den 14- bis 49-Jährigen knapp schlagen. Pro Sieben holte 3,06 Millionen Zuschauer und einen Marktanteil von 23,8 Prozent, RTL 2,99 Millionen und 22,8 Prozent. Im Gesamtpublikum liegt "Das Supertalent" mit 5,83 Millionen und 18,1 Prozent allerdings deutlich vor den 3,89 Millionen Zuschauern von „The Voice" und dem damit erzielten Marktanteil von 12,4 Prozent. In Unterföhring dürften die Sektkorken heute Morgen trotzdem geknallt haben.

Aber was heißt das nun für die Chancen von „The Voice"? Ist die Zeit endlich reif für Musiker, die wirklich singen können? Und für eine weitere Casting-Show? Oder sind die Zuschauer nicht nur Bohlen, sondern auch Casting-Formaten überdrüssig?

Der Auftakt macht Hoffnung.
Die Jury von "The Voice of Germany"
Die Jury von "The Voice of Germany"

Die Jury ist einfach stark. Während bei "Supertalent" die aufgetakelten und ansonsten belanglosen Co-Juroren Motsi Mabuse und Sylvie van der Vaart Komparsenrollen neben Bohlen einnehmen, besteht die "Voice"-Jury durchweg aus starken Charakteren und nicht aus einer Frontfigur und ein paar Sidekicks. Xavier Naidoo - Juryintern wegen seines feinen Gehörs als "Dr. Ton" verspottet -, sitzt neben Rea Garvey von Reamonn, dem Duo The Boss Hoss und Nena. Diese kommt in Jeans und Lederjacke daher und verzichtet darauf, sich als sexy Quotenfrau zu positionieren.

Es ist eine Jury, die etwas von Musik versteht, was sie auch zeigt, bevor es mit den „Blind Auditions" losgeht: Beeindruckenden interpretieren sie David Bowies "Heroes".

Diese Jury hat außerdem ein echtes Interesse, die Sängerinnen und Sänger weiterzubringen. Groß ist Naidoos Enttäuschung, als Kandidat Josef sich für Rea Garvey entscheidet, statt für ihn. Denn die Show dreht den Spieß um: Die Juroren hören zu, ohne die Kandidaten zu sehen, was dann auch offensichtlich Schwule wie Rino und Übergewichtige wie die 30-jährige Nina weiterbringt. Doch wenn mehrere Juroren sich umdrehen und damit ihre Bereitschaft signalisieren, den Kandidaten zu coachen, darf dieser sich einen Betreuer aussuchen. Dieser Wettkampf zwischen den Juroren verspricht einiges Abgrenzungspotenzial zu den anderen Shows. Es könnte ein zweiter starker Erzählstrang neben dem Vorankommen der Kandidaten werden.

Generell hat Pro Sieben darauf verzichtet, Leute zu zeigen, die nicht singen können. Gesangscoach Charles Simmons klingt besser als Seal, Nina Kutschera schmettert zum Niederknien, Pamela Falcon wollen alle Juroren haben und Rino Galiano und Josef Prasil bringen so manches Mitglied dazu, sich schon nach drei Takten zu ihnen umzudrehen.

Auch die von der Jury verschmähten Bewerber legten gute Performances hin. Keine eingeblendeten Schäfchen wie zeitgleich bei „Supertalent", keine Beleidigungen, keine Vorführungen. Das ist angenehm für ein Publikum, das des Bohlenschen Gefeixes überdrüssig ist und sich nach Inhalten sehnt.

Die direkte Konkurrenz in Sachen Setting ist damit „X-Factor", nicht „DSDS". Sarah Connor, Til Brönner und Das Bo haben ebenfalls selbst beeindruckende Musikerkarrieren hingelegt und fördern ihre Kandidaten, statt sie zu beleidigen. Trotzdem können sie in der aktuell laufenden Staffel keine zweistelligen Marktanteile mehr holen.

Pro Sieben und Sat 1 bringen direkt mehr Quoten-PS auf die Straße als Vox. Und gerade Pro Sieben hat zudem auch ein deutlich anderes Publikum zu bieten. Es ist  jünger und unkonventioneller als das Publikum von RTL und Vox. Damit könnten Pro Sieben und Sat 1 es schaffen, die Zuschauer, die Bohlens despektierliche Witze leid sind oder die „DSDS" ohnehin nie gesehen haben, zu interessieren.

Der deutschen Privat-TV-Fernsehlandschaft, die den Trash in den vergangenen Jahren zunehmend zur billigen Quotenbeschaffungsmaschine erhoben hat, tut es auf jeden Fall gut, wieder eine Show zu produzieren, die auf Leistung basiert.

Die größte Chance von „The Voice" besteht darin, ihrem Sieger am Ende ein Lied auf den Leib zu schneidern. Es ist das große Unglück der meisten Casting-Show-Gewinner. Die ganzen Liveacts durch bleiben sie in der Songauswahl einer Musikfarbe treu und gewinnen damit die Herzen der Hörer. Als erste offizielle Single bekommen sie dann irgendetwas aus den Kellern der kooperierenden Plattenkonzerne vorgesetzt. Wie enttäuschend das ist, zeigte Edita Abdieski, Gewinnerin der 1. Staffel von „X-Factor", die unzweifelhaft das Zeug dazu gehabt hätte, eine erfolgreiche internationale Laufbahn einzuschlagen. Mit ihren Interpretation von „Heavy Cross" von Gossip oder „Empire State of Mind" von Alicia Keys fegte sie Zuschauer und Jury hinweg - und bekam dann den langweiligen Siegersong „I come to life" mit auf den Weg.

Es ist etwas, das keine der Shows geschafft hat - ein wirklich passendes Lied für ihren Sieger zu finden. Darin liegt eine der wirklich großen Chance von "The Voice".  pap
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