HORIZONT-Check: Rumms, hier kommt "Interview"!

Freitag, 27. Januar 2012
Die Launch-Ausgabe der deutschen "Interview" mit Coverstar Lana del Rey
Die Launch-Ausgabe der deutschen "Interview" mit Coverstar Lana del Rey

Die seit heute am Kiosk erhältliche Launch-Ausgabe von "Interview" ist ein Statement. Das Pop-/Mode-/Kunst-Magazin bricht über die Zeitschriften-Landschaft herein, wie es kein PR-Manager besser hätte inszenieren können: Eine qualitativ hochwertige Machart trifft auf exklusive Texte und exzellente Bilder. Und auch die Vermarktung scheint zu laufen wie geschmiert. Wenn jetzt noch die Leserschaft auf das Bohéme-Heft anspringt, dürfte einer Erfolgsgeschichte nichts im Wege stehen. Als im vergangenen Jahr die Meldung die Runde machte, dass der ehemalige Deutschland-Chef von Condé Nast Bernd Runge "Interview" nach Deutschland bringen möchte, war die Presselandschaft sofort hellhörig. Runge hat oft sein verlegerisches Händchen bewiesen, bevor ihn eine Affäre um seine Vergangenheit zunächst von der Bildfläche spülte. Nun drängt Runge mit Macht in die Medienlandschaft zurück, und sein Comeback kann sich sehen lassen.

Format und Layout

In Zeiten, in denen immer mehr Medien auf relativ kleine Tablet-PCs ausgeliefert werden, kommt "Interview" auf den ersten Blick wie ein Anti-iPad daher. Das Heft ist größer als das gängige Din-A4-Format und liegt zudem relativ schwer in der Hand. Was nicht nur an den insgesamt 270 Seiten der Launch-Ausgabe liegt, sondern auch an dem hochwertigen Papier. Klappt man das Heft auf, stößt man, egal auf welcher Seite, auf opulente Fotos oder großzügige grafische Elemente. Und obwohl sich das Verhältnis von Texten und Bildern wie auch die Typo ständig ändern, macht das Blatt keinen unaufgeräumten Eindruck. Vielmehr kommt einem die Lektüre wie ein Gang durch eine große Vernissage vor: Es gibt viele verschiedene Gänge mit unterschiedlichen Thematiken, der Premium-Charakter wird jedoch von Anfang bis Ende durchgezogen. Das dürfte auch den stolzen Copypreis von 6 Euro rechtfertigen.

Pop-Künstler Andy Warhol startete "Interview" im Jahre 1969
Pop-Künstler Andy Warhol startete "Interview" im Jahre 1969

Die Inhalte

 Tatsächlich ist der Titel hauptsächlich eine Reminiszenz an die Ursprünge des Magazins. Als Pop-Art-Künstler Andy Warhol "Interview" im Jahre 1969 gründete, füllte er sein Blatt in erster Linie mit Abschriften von Gesprächen unter Promis, die er im Nachtleben geführt hatte. Unautorisiert, versteht sich. In der Launch-Ausgabe dienen die großen Interviews dagegen lediglich als Gerüst. Es gibt fünf große Gespräche im Heft, die weniger durch ihren Inhalt bestechen als durch die Namen der Beteiligten: Angelina Jolie, Clint Eastwood, Chloé Sevigny, Ariana Huffington. Die aus der amerikanischen Originalausgabe übernommenen Interviews werden im Blatt charakterisiert als "Kleine Gespräche mit großen Leuten". Und genauso kommen sie auch an: Wer auf große, relevante Neuigkeiten hofft, wird eher enttäuscht sein. Wer jedoch Spaß an netten Plaudereien unter Branchengrößen hat, kommt ganz auf seine Kosten. Coverstory ist das Interview mit dem aufstrebenden Pop-Sternchen Lana del Rey. Hier haben die Blattmacher den Promi-Faktor hinten angestellt und ebenfalls den Wurzeln ihres Heftes gehuldigt: Del Rey und ihre Musik sind, im besten Sinne, Pop. Darüber hinaus dominieren Foto-Storys, Packshots und Produktinformationen. Alles recht avantgardistisch, ohne jedoch allzu abgehoben zu sein. Eines der Highlights des Hefts ist sicherlich die Bilderstrecke von und das Interview mit dem Fotografen James Nachtwey, der seine Wahl-Heimat Bangkok vorstellt.

Die Vermarktung

Die hohen Ambitionen von "Interview" zeigen sich nicht zuletzt an der Zusammensetzung der Anzeigenkunden. Die ersten 30 Seiten des Hefts sind vollgepackt mit ganzseitigen Annoncen namhafter Unternehmen. Das spült ordentlich Geld in die Kasse: Für eine Seite verlangt der Verlag 15.800 Euro, für eine Doppelseite 31.600. Keine Frage, hier hat Bernd Runge einige Kontakte aus seiner Zeit bei Condé Nast genutzt. Zu den Kunden gehören fast ausschließlich Big Spender wie Armani, Dolce & Gabbana oder Hugo Boss. Bei vergleichbaren Titeln wie "Gala" oder "Vogue" bewegen sich die Preise in vergleichbarer Größenordnung - bei ungleich höherer Auflage. "Interview" startet hierzulande mit 100.000 Exemplaren bei zehn Ausgaben im Jahr.

Chefredakteur Jörg Koch
Chefredakteur Jörg Koch

Das Team

Abgesehen von Bernd Runge und den prominenten Gast-Interviewern vereinigt der Verlag einige kreative Köpfe, die sich in der Medienlandschaft bereits einen Namen gemacht haben. Chefredakteur ist Jörg Koch, Gründer, Chefredakteur und Creative Director des in englischer Sprache erscheinenden Avantgarde-Magazins "032c". Weitere journalistische Kompetenz kommt von Jörg Harlan Rohleder und Adriano Sack. Sack leitete fünf Jahre lang das Kulturressort der "Welt am Sonntag" und wurde für das von ihm lancierte Magazin "I like my style" beim Lead Award 2011 als Newcomer des Jahres ausgezeichnet. Rohleder war bis Juni Mitglied der Chefredaktion des Axel Springer-Titels "Musikexpress". Zuvor schrieb er für "Focus" und "Vanity Fair" und arbeitete für MTV. Fashion Director ist Klaus Stockhausen, ehemals "GQ", als Art Director fungiert Mike Meiré, der mit Koch bei "032c" zusammenarbeitete und außerdem für Brand Eins und der "Neuen Zürcher Zeitung" seine Kreativität unter Beweis stellte. Die Zusammensetzung der Mannschaft unterstreicht die großen Ambitionen des Projekts.

Fazit

Ein erster großer Wurf ist mit der deutschen Launch-Ausgabe von "Interview" sicherlich gelungen. Ein Problem, vor dem die Deutschland-Ausgabe steht, ist die Markenbekanntheit. In den USA ist "Interview" seit vierzig Jahren ein Name mit Gewicht. Diesen Status wird sich das Heft hierzulande noch verdienen müssen. Wenn das Heft am Kiosk gut ankommt, dürfte sich allerdings auch das Niveau der Anzeigenbuchungen halten, ebenso die Qualität der Gast-Autoren. Die Voraussetzungen für eine weiterhin hohe Flughöhe von "Interview" sind zweifelsohne da. ire
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