"Gute Chance am Lesermarkt": Medienschaffende zur deutschen "Huffington Post"

Montag, 06. Mai 2013
Die "Huffington Post" startet mit Tomorrow Focus Media in Deutschland (Bild: Screenshot)
Die "Huffington Post" startet mit Tomorrow Focus Media in Deutschland (Bild: Screenshot)


Der bevorstehende Deutschland-Start der "Huffington Post" beschäftigt die Branche. Nicht nur wird mit Spannung erwartet, ob das Portal mit Hilfe von Tomorrow Focus seine ehrgeizigen Reichweitenziele erreichen kann. Auch die Bereitschaft deutscher Blogger, ohne Bezahlung für die "HuffPo" zu schreiben, wird kritisch hinterfragt. Wenn die deutsche Ausgabe voraussichtlich im Herbst startet, beginnt jedenfalls eines der spannendsten Medien-Projekte der vergangenen Jahre. HORIZONT.NET hat bei bloggenden Medienschaffenden nachgefragt, welche Impulse und Auswirkungen der "HuffPo" auf die deutsche Medienlandschaft sie erwarten. Lesen Sie im Folgenden die Antworten von Thomas Knüwer, Stephan Weichert, Stefan Plöchinger, Richard Gutjahr und Nico Lumma.
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Thomas Knüwer, Journalist, Blogger und Unternehmensberater

"Die deutsche HuffPo hat definitiv eine gute Chance im Lesermarkt. Denn die meisten deutschen Nachrichtenangebote haben noch immer nicht begriffen, wie sich das Sharing im Social Web für Nachrichtenseiten nutzen lässt. Wer dagegen Inhalte entsprechend konfiguriert kann sehr schnell eine signifikante Leserzahl aufbauen. Beispiele: 'Der Postillon' und die 'Deutschen Wirtschaftsnachrichten'. Die Skepsis, in Deutschland fänden sich keine 'kostenlosen Blogger', teile ich nicht. Denn auch bei der HuffPo-Mutter sind es ja nicht Blogger im klassischen Sinn, die jene Texte schreiben - sondern Promis. Hier könnten die guten Drähte des Burda-Imperiums in die Welt der schönen Unbedeutenden wertvolle Dienste leisten. Erwarten wir also schreiberische Höhepunkte von Veronica Ferres, Artikel von Blacky Fuchsberger - und selbstverständlich das Blog 'Ausländer in Deutschland' von Integrations-Bambinist Bushido."

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Stephan Weichert, Professor für Journalistik und Vocer-Herausgeber

"Der Einstieg der HuffPo in den deutschen Markt wurde ja in der Verlagsbranche mit großer Spannung erwartet. Dass man sich für die ToFo AG entschieden hat, kommt für Insider wenig überraschend, schließlich ist Arianna Huffington Schirmherrin von Hubert Burdas Digitalkonferenz DLD Woman. Die HuffPo ist dafür bekannt, dass sie durch aggressives Marketingmethoden und strategische Kooperationen ihr Angebot in kurzer Zeit zu einer großen Marke aufgeblasen hat, wovon vor allem die Eigentümerin profitierte. Es bleibt abzuwarten, ob sich die hiesigen Medienmacher von dieser Art Journalismus beeindrucken lassen, oder ob sie die HuffPo einfach links liegen lassen."

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Stefan Plöchinger, Chefredakteur von Süddeutsche.de

"Wenn Aggregatorenkritiker nun in der Aggregation ihr Heil suchen, wünsche ich best of luck, mehr ist dazu nicht zu sagen. Ich freue mich, wenn im Rahmen unserer Fair-use-Regeln sz.de/copyright von sonstwo auf unsere Inhalte verlinkt wird, damit mehr Leser unseren Journalismus kennen und von anderen zu unterscheiden lernen."
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Richard Gutjahr, Journalist und Blogger

"Eine deutsche Huffington Post ist für mich mehr als nur betreutes Bloggen. Ich erhoffe mir von einem solchen Projekt frischen Wind für die gesamte deutsche Medienszene. Sie kann dazu beitragen, die Fronten zwischen Verlegern und Bloggern abzubauen. Die Bereitschaft erhöhen, voneinander zu lernen, statt sich zehn weitere Jahre gegenseitig die Köpfe einzuschlagen."
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Nico Lumma, freier Berater und Blogger

"Innovationsschübe gehen selten von den Etablierten aus, sondern kommen in der Regel von außen. Bei der Huffington Post bekommen viele Fachleute oder Prominente die Möglichkeit, sich zu Themen zu äußern, die sie interessieren und mit denen sie sich gut auskennen. Für Journalisten wird die Comfort Zone dadurch natürlich deutlich kleiner werden. Insofern finde ich es nicht verkehrt, dass die Huffington Post nun nach Deutschland kommt. Sie wird das Establishment sicher dazu bringen, über die eigenen Angebote nachzudenken. Aus Bloggersicht wird das Ganze dann attraktiv, wenn die Huffington Post es schafft, die Blog-Beiträge ordentlich anzufeaturen und für reichlich Traffic zu sorgen. Nichtsdestotrotz sollten die Blogger generell in irgendeiner Form davon profitieren, dass ihre Artikel von der Huffington Post aggregiert werden, sei es durch Reichweite, Aufmerksamkeit, Geld oder auch alles zusammen."
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