Günter Grass, FAS, SZ: Ein Fall für die Titanic

Mittwoch, 30. Mai 2012
"Titanic" schaltet sich in die Debatte um Grass ein
"Titanic" schaltet sich in die Debatte um Grass ein

Wenn Günter Grass, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Titanic aufeinandertreffen, muss etwas Außergewöhnliches passiert sein. Ist es auch: Die SZ hat ein weiteres Grass-Gedicht veröffentlicht. Die FAS-Konkurrenz verulkt die SZ-Kollegen und den greisen Dichter. Und die Titanic fordert die „Konfliktparteien auf, sich wieder auf ihr Kerngeschäft zu besinnen". Satire darf bekanntlich alles. Die Erkenntnis von Kurt Tucholsky hat sich FAS-Autor Volker Weidermann zu Herzen genommen und sich am Wochenende in einem Text über die Kollegen der SZ lustig gemacht: „Dem Satiremagazin Titanic", schreibt Weidermann, "ist es gelungen, ein Gedicht unter dem Namen ,Günter Grass' im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung zu platzieren." .

Was war passiert: Die SZ hatte in ihrer Pfingst-Ausgabe das jüngste Grass-Gedicht „Europas Schande" veröffentlicht - wohl in der Hoffnung, mit dem Werk für ähnlich viel publizistische Furore zu sorgen wie seinerzeit mit der Veröffentlichung des unsäglichen „Was gesagt werden muss"-Textes. In „Europas Schande" beschäftigt sich die „politische Stimme" (SZ) mit - Griechenland. Textprobe: „Verfluchen im Chor, was eigen Dir ist, werden die Götter, deren Olymp zu enteignen Dein Wille verlangt. Geistlos verkümmern wirst Du ohne das Land, dessen Geist Dich, Europa, erdachte."

Der Text liest sich in der Tat so, als sei er nicht von einem Literatur-Nobelpreisträger verfasst worden. Und entsprechend authentisch beschreibt FAS-Autor Weidermann die diebische Freude der Titanic-Macher angesichts ihres Scoops: „Als am Freitagnachmittag die Redakteure der Humorzeitschrift die Nachricht erreichte, dass die SZ dieses besonders alberne und unglaubwürdig schlechte Gedicht unter der Überschrift „Europas Schande" als echtes Grass-Gedicht in ihrer Samstagsausgabe publizieren würde, lagen sich die Kollegen der Titanic lachend in den Armen. So einfach war es ihnen in all den Jahren voller lustiger Aktionen bisher noch nicht gemacht worden."

Das Problem am FAS-Text: Nur den wenigsten Lesern war offensichtlich aufgefallen, dass es sich dabei Satire handelte, Feuilleton-Redakteur Weidermann sich als Satiriker versuchte. Gegenüber Meedia.de hat die SZ rasch klargestellt, dass das Grass-Gedicht vom Literatur-Nobelpreisträger selbst stammt.

Soweit, so gut. Aber es wird noch besser. In einer Pressemitteilung mit der Überschrift „Schluß mit dem Unsinn" meldet sich nun die Titanic zu Wort: „Mit Sorge und Unverständnis beobachten wir die Auseinandersetzungen zwischen den Feuilletons von SZ und FAZ auf dem für sie fremden humoristischen Gebiet." Beide Blätter, fordert das Satire-Magazin, sollten sich wieder auf ihr Kerngeschäft „besinnen: stumpfe Glossen, verstaubte Karikaturen, tantige Aprilscherze, antisemitische Gedichte und mittelguten Journalismus."

Und Weidermann? Spiegel Online schreibt: „Der Autor des Fakes, der für das Feuilleton der FAS verantwortlich zeichnet, sieht seinen Beitrag nicht als Satire oder als Scherz. "Fiktion und Wahrheit sind ja nicht mehr wirklich zu unterscheiden", sagte Weidermann am Sonntag. "Ob sich das jetzt die Titanic oder Günter Grass ausdenkt, ist für mich kein großer Unterschied." Entschuldigen in einem ernsthaften Sinne wolle er sich "ganz bestimmt nicht". "Günter Grass wird es immer weiter treiben mit der Absurdität seiner Selbstgewissheit und das ist dann genauso lustig, wie wenn es die Titanic schreibt."

Liebe Kollegen von der FAS: Überlasst die Satire den Profis. Liebe Kollegen von der SZ: Grass-Gedichte ziehen nicht mehr.vs
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