Grosso unter Druck: Rewe sucht Direktkontakt zu Verlagen

Freitag, 22. Oktober 2010
Der Pressevertrieb bleibt ein heikles Thema
Der Pressevertrieb bleibt ein heikles Thema

Gerüchte gibt es seit langem - und nun sind sie bestätigt: Der Einzelhandelsriese Rewe Group (Rewe, Toom, Penny) verhandelt mit Verlagen. Dabei geht es offenkundig um die Direktbelieferung mit Zeitungen und Zeitschriften, am Grosso vorbei. „Es ist richtig, dass wir derzeit mit den führenden Verlagen über das Thema ,Pressesortiment‘ im Gespräch sind", erklärt ein Rewe-Sprecher gegenüber dem HORIZONT-Schwestertitel „Lebensmittel Zeitung" („LZ"). Mit welchen Verlagen Rewe redet, ist bisher unklar. Ziel von Rewe dürfte sein, seine Erträge im Pressegeschäft zu verbessern. Dies erhofft sich der Kölner Handelskonzern nun wohl davon, die Grossisten als Zwischenhändler zu umgehen, um deren Marge selbst einzustreichen - oder sie sich mit den Verlagen zu teilen. Denn auch diese suchen seit langem nach Wegen, ihre Vertriebsspannen zu erhöhen. Besonders forsch agiert die Bauer Media Group, die im Juni mit einem „eigenen Weg" gedroht hat, falls es aus ihrer Sicht nicht gelingt, das Grosso-System effizient zu reformieren, etwa durch leistungs- und kostengerechte Handelsspannen, Fusionen der bisher etwa 70 Grossisten und besseren Service.

Mit "Laviva" gibt Rewe ein eigenes Magazin heraus
Mit "Laviva" gibt Rewe ein eigenes Magazin heraus
Rewe dürfte also bei Bauer und anderen Großverlagen offene Türen einrennen - einerseits. Andererseits sägt Rewe mit seinem Vorstoß an Pfeilern des deutschen Vertriebssystems: am Alleinauslieferungsrecht des Grosso und damit indirekt auch an seinem Dispositionsrecht und an der Preisbindung. Danach genießen die Grossisten bis auf wenige Ausnahmen (Bahnhofsbuchhandel, Früh- und Sonderverkaufsstellen) ein Gebietsmonopol für die Belieferung des Einzelhandels. Außerdem gelten einheitliche Margen, und die Grossisten bestimmen das Sortiment im Einzelhandel.

Es bleibt abzuwarten, ob und welche Verlage mit bilateralen Liefer- und Preisabsprachen mit Einzelhändlern aus der Einheitsfront ausbrechen. Die Folge wäre ein harter Wettbewerb um Konditionen, Präsenz und Platz im Supermarktregal - wie in anderen Branchen längst üblich. Kleinere Verlage dürften Schwierigkeiten haben, hier mitzuhalten. Deshalb sind besonders sie gegen entsprechende Veränderungen. Außerdem könnte das gesamte System ins Wanken geraten, wenn auflagenstarke Titel, die bisher die Grosso-Strukturen ausgelastet und damit finanziert haben, eigene Vertriebswege gehen.

Schnelle Erfolge wird Rewe allerdings kaum erzielen können. Denn die im Frühjahr 2009 nach heftigen Streitereien abgeschlossenen Grosso-Verträge laufen bei den meisten Verlagen bis Anfang 2014; Bauer hingegen soll dem Vernehmen nach nur Dreijahresverträge bis Frühjahr 2012 haben. Obwohl es bis dahin noch lange hin ist, sehen die Grossisten den Rewe-Vorstoß in diesem Zusammenhang: „Das ist das übliche Geklingel, wenn es darum geht, Konditionen zu verhandeln", zitiert die „LZ" Grosso-Kreise. Dass der Einzelhandel tatsächlich eine Direktbelieferung durch die Verlage anpeilt, glaubt man nicht: „Die müssten dann schließlich selbst die Feindistribution übernehmen."

Vor Jahren hat Axel Springer („Bild") einmal versucht, lukrative große Einzelhandelsketten und -filialen direkt zu beliefern - sich dann aber von der Branchenräson einfangen lassen. Am Ende stand 2004 die "Gemeinsame Erklärung" mit dem Kollektivbekenntnis zu den Essentials des Systems. Für den Grosso-Verband haben die zwei Seiten quasi Bibelrang, während etwa Bauer darin nur eine rechtlich unverbindliche Absichtserklärung von Verbänden sieht. Seit Monaten streiten die Verlage - untereinander und mit dem Grosso-Verband - auch über Kündigungsrechte und Beteiligungen der Verlage gegenüber und an einzelnen Grossisten. rp
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