Grosso: Vertriebsstreit eskaliert / VDZ distanziert sich von Bauer

Montag, 29. November 2010
Der Kampf um die besten Plätze im Zeitschriftenregal geht weiter
Der Kampf um die besten Plätze im Zeitschriftenregal geht weiter

Der Streit „Bauer gegen den Rest der Verlags- und Vertriebswelt" eskaliert mal wieder. Stein des Anstoßes diesmal ist Bauers jüngste Aktion im Lebensmitteleinzelhandel (LEH), die darauf abzielt, die umsatzstärksten Zeitschriften im Presseregal besser zu platzieren. Bauer argumentiert in Richtung LEH, auf diese Weise könne der Presseabsatz insgesamt gesteigert werden; die anderen Verlage und der Grosso argwöhnen dagegen, Bauer strebe eine bevorzugte Behandlung der eigenen Titel an, die etwa ein Viertel der Top-Seller ausmachen. Und nun meldet sich der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) zu Wort - und „verurteilt" Bauers Initiative. „In erster Linie" müsse weiterhin der Presse-Grossist vor Ort für ein adäquates Sortiment beim jeweiligen Einzelhändler sorgen. Die „Öffentlichkeitskampagne" - mittlerweile ist auch eine Website freigeschaltet - erwecke den Eindruck, als befände sich das Pressesortiment im Einzelhandel in einem generell schlechten und für den Einzelhändler unattraktiven Zustand. Bauers Kommunikation sei daher „nicht zielführend".

VDZ-Mann Torsten Brandt
VDZ-Mann Torsten Brandt
Zitatgeber in der Verbandsmitteilung - wenn auch mit eher allgemeinen Statements - ist Torsten Brandt in seiner Eigenschaft als Sprecher des VDZ-Arbeitskreises Pressemarkt Vertrieb. Im Hauptjob ist Brandt indes Vertriebschef bei Axel Springer - einem Großverlag („Bild"), dem ähnliche Interessen wie Bauer nachgesagt werden, allerdings auch ein besseres Gespür für Diplomatie und fürs Machbare. Und wer die komplizierten Prozesse der Meinungsbildung bei den Verlagen und dadurch erst recht beim VDZ kennt, der ahnt: Es muss auf der Telefonkonferenz der Vertriebschefs Ende vergangener Woche ziemlich gekracht haben, dass der sonst so auf Konsens bedachte VDZ eine solche Mitteilung gegen ein wichtiges Mitglied verschickt.

Bauers Reaktion lässt denn auch nicht lange auf sich warten: Man setze die Marketingkampagne im LEH fort und halte an der direkten Kommunikation mit dem Einzelhandel fest. Wie für die Mitbewerber auch, sei es das Ziel, die eigene Position dort „aktiv zu vermarkten". Bauer wörtlich weiter: „Umso verwunderlicher ist es, dass die übrigen Verlage an einer gewissen Distanz zum Einzelhandel festhalten."

Das sieht immer mehr nach einer offenen Konfrontation aus. Verlags- und Vertriebsinsider meinen dafür zwei Erklärungen zu haben: Bauer wolle im Vorfeld der Verhandlungen über die Grosso-Handelsspannen die Leistung des Grosso schlecht reden und damit den Druck in bisher ungekannter Weise erhöhen. Hintergrund: An die bisherigen Grosso-Verträge aller Verlage, Anfang 2009 nach harten Verhandlungen bis 2014 festgezurrt, fühlen sich dem Vernehmen nach Bauer und auch Axel Springer durch Sonderklauseln nur bis 2012 gebunden. Der konkrete Konditionenpoker könnte also bald wieder losgehen. Andere Kreise unterstellen Bauer gar, seinen Austritt aus dem VDZ vorbereiten oder den Rausschmiss provozieren zu wollen. Schließlich gibt es auch beim Anzeigen-Forschungsprojekt Ad Impact Monitor Ärger.

Unterdessen meldet sich auch der sonst eher zurückhaltende G+J-Vertriebschef Olaf Conrad zu Wort: „Bauers Aktion beschädigt wichtige Essentials des Vertriebssystems: das Dispositionsrecht sowie die Sortimentshoheit des Presse-Grosso." Die Umkehrung des Dispositionsrechts würde die Position des Presse-Grosso schwächen und zu wirtschaftlichen Fehlentwicklungen sowohl im Einzelhandel wie auch bei den Verlagen führen, kritisiert Conrad. Zuvor hatten bereits der Arbeitskreis Mittelständische Verlage (AMV), die Burda- und WAZ-Vertriebsorganisation MZV sowie im Interview mit HORIZONT.NET Grosso-Verbandschef Frank Nolte scharf gegen Bauers Aktion protestiert. rp
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