Grosso-Streit: Die brisanten Fragen des Manfred Braun

Donnerstag, 25. August 2011
Manfred Braun überraschte mit Fragen zum Grosso-System
Manfred Braun überraschte mit Fragen zum Grosso-System

Neuer Zündstoff im Grosso-Streit: Die im Verlegerverband VDZ organisierten Verlage - also eigentlich alle größeren außer der abtrünnigen Bauer Media Group - werfen einen brisanten Gedanken in die Debatte, den man so bisher eben nur von Bauer kannte. "Ist eine einheitliche Handelsspanne für alle Grossisten wirklich nötig?", fragte Manfred Braun, Sprecher der VDZ-Publikumszeitschriften und im Hauptberuf Zeitschriftenboss der WAZ-Gruppe, auf einer VDZ-Veranstaltung in Hamburg (siehe unten). Und rief zum Nachdenken darüber auf. Brisant ist der Punkt deshalb, weil er einen der jahrzehntelang gepflegten Grundsätze des deutschen Pressesystems hinterfragt. Bisher erhält jeder der rund 70 Grossisten von einem Verlag dieselben Handelsspannen - egal, ob ein Grossist ein ländliches Flächengebiet betreut und weite Strecken fahren muss für wenige Heftexemplare. Oder ob ein Großstadt-Grossist hohe Umsätze erzielt mit weniger Aufwand. Unterschiedliche Konditionen für Grossisten (und noch einiges andere) hatte bisher nur Bauer gefordert in seinem Bemühen, das System zu "modernisieren" (Bauer) beziehungsweise zu "zerstören" (Grosso-Verband).

Auch einige andere Bauer-Forderungen adelte Braun durch Erwähnung in Frageform: Erstens die Differenzierung der Konditionen nach Servicegrad, den ein Verlag im Handel abruft; Titel, die in jedem Kiosk und an jedem Tag ausliegen wollen, müssten demnach mehr zahlen (Braun: "Verursacherprinzip"). Und zweitens, bei aller Neutralität gegenüber allen Titeln, Markteintrittsbarrieren für allzu billige und Marktaustrittsregeln für verkaufsschwache Hefte gegen die "Regalverstopfung" - Braun benutzte jetzt dieses Wort, das sonst nur im Bauer-Wortschatz vorkommt. Beide Ideen hatte Braun indes bereits im April gegenüber HORIZONT formuliert und sie damit - ebenso wie jetzt neu mögliche Gebietskonditionen - auf die langfristige Verhandlungsagenda zwischen VDZ und Grosso-Verband gesetzt.

Denn interessant sind Rahmen und Zeitpunkt, die Braun jetzt für seine Worte wählte: die Keynote zur Eröffnung des 3. VDZ Dialogmarketing-Tags - ein Kongress, bei dem es eigentlich nur um die Abonnementsparte des Vertriebs geht und weniger um Pressehandel und Einzelverkauf. Und er sprach am Mittwochnachmittag - am Vortag der großen Verabschiedung von Hermann Schmidt, dem langjährigen Vertriebschef des Jahreszeiten Verlags und verdienstvollen streitbaren Interessenwahrer der (kleineren) mittelständischen Verlage (und damit in manchen Punkten indirekt auch der Grossisten). Zu dem Anlass kommt an diesem Donnerstag wohl die ganze Verlags- und Vertriebswelt in Hamburg zusammen, mit feierlichen Reden, die einmal mehr eine direkte Verbindung zwischen dem Fortbestand einzelner Pressegroßhandelsklauseln und dem Fortbestand des Abendlandes beschwören. Brauns Keynote könnte in dieser Runde für Gesprächstoff sorgen.

Doch warum bewegt sich VDZ-Mann Braun durch rhetorische Fragen und Kritik ans eigene Verlagslager inklusive Bauer („Wir brauchen wieder wie früher Manager, die langfristig denken und auch mal gegen das kurzfristige Interesse des eigenen Hauses handeln") sowie in Richtung Grosso („Wir brauchen keine Denkmalpfleger, sondern Unternehmertypen, die bereit sind, auch Risiken einzugehen") einmal mehr ein Stück auf Bauer zu, ohne den Familienverlag natürlich auch nur einmal zu erwähnen? Folgendes darf man vermuten: Braun will Bauer zur Rückkehr in den VDZ oder zumindest an die Seite der Verlage am Verhandlungstisch mit den Grossisten ermuntern. Und vielleicht beide Streithähne, Bauer und den Grosso-Verband, zur Rücknahme ihrer jeweiligen Klagen vor dem Bundesgerichtshof und dem Landgericht Köln bewegen.

Der Ausgang der Verfahren ist ungewiss und könnte nach Einschaltung der Politik das Grosso-System mehr verändern als es sogar Bauer lieb ist (HORIZONT 28/2011). Braun warnt: "Gerichtsverfahren bringen keine Klärung und erst recht keine Lösung. Und die Politik kann nur als Moderator auftreten - aber keinen Weg zeigen. Wenn wir, Verlage und Grossisten, nicht die Kraft haben, das System selber zu gestalten, dann besteht die Gefahr, dass es so nicht bestehen bleibt. Und es lohnt sich, für dieses System zu kämpfen!" rp
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