Grosso-Streit: Bauer droht mit "eigenem Weg" / Grosso-Verband sieht sich verunglimpft

Mittwoch, 23. Juni 2010
Die Drohung findet sich in der Bauer-Broschüre "Wunderwelt Vertrieb"
Die Drohung findet sich in der Bauer-Broschüre "Wunderwelt Vertrieb"

Der Satz steht klein und unscheinbar fast ganz am Ende der Informationsbroschüre zum Vertriebsmarkt, die der Bauer-Verlag in der vergangenen Woche in der Fachwelt verteilt hat - und die bisher offenbar niemand bis zum Schluss durchgelesen hat: Grossisten und Verlage müssten "das Problem" gemeinsam lösen - "oder die Bauer Media Group wird einen eigenen Weg gehen". Das klingt wie die klare Drohung, im Ernstfall entgegen allen eigenen Bekenntnissen zum bestehenden Grosso-System dann doch auszuscheren. Was heißt "eigener Weg"? Marketing und Verkaufsförderung im Einzelhandel selbst zu übernehmen, Grossisten nur noch als Logistik-Dienstleister einzusetzen und deren Handelsspanne (nach Bauer-Angaben 20 Prozent) entsprechend um ein paar Prozentpunkte zu kürzen? Diese Variante deutet Bauer zumindest in seiner Broschüre an. Oder meint der "eigene Weg", dass Bauer im Falle des Falles vielleicht versucht, lukrative große Einzelhandelsketten und -filialen direkt zu beliefern?

Genau das hatte vor Jahren einmal Axel Springer versucht - und sich dann aber von der Branchenräson einfangen lassen. Am Ende stand 2004 die "Gemeinsame Erklärung" mit dem Kollektivbekenntnis zu Dispositions- und Remissionsrecht, Preis- und Verwendungsbindung sowie Neutralitätsverpflichtung des Grosso. Für den Grosso-Verband haben die zwei Seiten quasi Bibelrang, während Bauer darin nur eine rechtlich unverbindliche Absichtserklärung von Verbänden sieht, die die Kündigung einzelner Grossisten nicht ausschließt.

Also: Was heißt "eigener Weg"? Bauer mag sich auf Anfrage dazu nicht äußern. Klar scheint nur, wann für den Großverlag der Ernstfall eintritt: Wenn es aus Bauers Sicht nicht gelingt, das Grosso-System zu reformieren und effizienter zu gestalten, etwa durch leistungs- oder kostengerechte Handelsspannen, Fusionen der bisher über 70 deutschen Grossobetriebe und besseren Service. „Wir freuen uns auf einen Termin mit dem Grosso-Verband, um vorbehaltlos alle wichtigen Punkte gemeinsam diskutieren zu können", teilt der Verlag nun lediglich mit.

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"Maßlos über das Ziel hinausgeschossen": Frank Nolte
"Maßlos über das Ziel hinausgeschossen": Frank Nolte
Doch das Gesprächsklima könnte besser sein, denn beim Grosso-Verband ist man schwer vergrätzt über den Stil der Gesprächsofferte, über die damit verbundenen neuen alten Forderungen und über die verbreitete Info-Broschüre. "Der Verlag ist maßlos über das Ziel hinausgeschossen", sagt Verbandsvorstand Frank Nolte: "Das Vorgehen und der Stil sind in der Kommunikationsarbeit ohne Beispiel." Die Aufmachung der Broschüre wirke "unseriös, viele Inhalte sind sachlich schlicht falsch, verzerrt oder überzogen dargestellt". Nolte: "Hier sollen eine ganze Branche und ihr Verband verunglimpft werden." Vom Gesprächsangebot habe man aus der Presse erfahren, "dieses Umweges hätte es nicht bedurft". Wie so oft im Leben gehe es dem Verlag wohl vor allem ums Geld, schimpft Nolte. Abgesehen davon, dass Bauer daraus in seiner Broschüre kaum einen Hehl macht: Um was geht es denn den Grossisten?

Dennoch schlägt Nolte die Tür nicht zu: "Grundsätzlich kann es eine Chance sein, wenn der Bauer-Verlag nun seine Sprachlosigkeit gegenüber dem Grosso-Verband beendet." Selbstverständlich stehe man für "sachliche, zukunftsorientierte und unvoreingenommene" Gespräche zur Verfügung. Ein Termin werde derzeit koordiniert. rp

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