Grosso-Chefs Nolte und Albrecht: „Wir werden uns ordentlich zur Decke strecken müssen"

Mittwoch, 15. September 2010
Die Nachfrage nach Zeitungen sinkt
Die Nachfrage nach Zeitungen sinkt

In den vergangenen zehn Jahren ist der Presseabsatz über den Groß- und Einzelhandel um rund 1,2 Milliarden Exemplare zurückgegangen. Das entspricht einem Umsatzverlust von rund 400 Millionen Euro. So die ernüchternde Bilanz des Bundesverband Presse-Grosso (BVPG). Die aktuellen Rückgänge sind auf Vorjahresniveau: Wie HORIZONT.NET bereits berichtete, sank der Presseabsatz im ersten Halbjahr 2010 um 3,5 Prozent auf 1,325 Milliarden Exemplare. Der Umsatz ging um 1,13 Prozent auf 1,3 Milliarden Euro zurück - zählt man Non-Press-Produkte hinzu (Sammelbilder zur Fußball-WM etc.) verbessern sich diese Werte.

Stabil ist dagegen die Zahl der Verkaufsstellen mit aktuell 123.106 (Vorjahr: 123.033). Die Anzahl der Grossobetriebe sank zwischen 1997 und 2010 um 32 Prozent auf aktuell 69 Grossisten. Mit Verbesserungen im Vertriebsmarketing, Datenmanagement und durch die Qualitätsoffensive „Grosso, die tun was", versucht der Verband der Entwicklung entgegenzusteuern. se

Im Interview mit HORIZONT.NET erklären die BVPG-Geschäftsführer Kai-Christian Albrecht und Frank Nolte, warum der Konjunkturaufschwung bisher nicht beim Pressehandel angekommen ist und wie die Prognose fürs Gesamtjahr 2010 ausfällt. Zum Interview 

Presseabsatz und -umsatz sind im ersten Halbjahr erneut zurückgegangen. Wie beurteilen Sie diese Ergebnisse?

Frank Nolte (l.) und Kai-Christian Albrecht
Frank Nolte (l.) und Kai-Christian Albrecht
Frank Nolte: Der Konjunkturaufschwung ist bisher nicht beim Pressehandel angekommen. Während sich die Anzeigenmärkte wieder erholen, erkenne ich trotz intensiver Marktaktivitäten der Grossisten keine Trendwende im Vertrieb. Als Sondereffekte wirken sich im WM-Jahr Sportmagazine und Sammelbilder aus. An den herausragenden Verkaufserfolg zur WM 2006 im eigenen Land können wir aber nicht anknüpfen.

Welche Entwicklung prognostizieren Sie für das Gesamtjahr 2010?

Nolte: Das hängt von vielen Faktoren ab. Wir setzen jedenfalls alles daran, dass sich der Absatzrückgang durch intensive Vertriebsarbeit und Marketing abflacht. Insgesamt werden wir uns ordentlich zur Decke strecken müssen.

Aus Grosso-Sicht - was ist zurzeit das dringendste Problem?

Nolte: Die bewährten Essentials gemäß der Gemeinsamen Erklärung dürfen nicht aufgeweicht werden. Die Grundlagen des Grosso-Systems gibt es ja deshalb, weil Presse ein Kulturgut ist und der Pressehandel einen gemeinwohlorientierten Versorgungsauftrag zu verrichten hat. Maximaler Wettbewerb am Point of Sale setzt Unabhängigkeit und Vertriebspflicht durch gebietsbezogenen Vollsortimentsgroßhandel voraus. Verlage als Preisbinder und teilweise Marktbeherrscher müssen Grossisten ihrerseits gleich behandeln. Aus diesem Grund müssen für die Zusammenarbeit zwischen Verlagen und Grossisten besondere Spielregeln gelten. Grundlose Kündigungen passen nicht dazu.

Und wie packen Sie dieses Thema an?

Nolte: Bestehende Differenzen lassen sich doch nur auflösen, wenn man miteinander und nicht übereinander spricht. Daher begrüße ich es, dass die Verlegerverbände nun Bereitschaft signalisiert haben, mit uns zeitnah über die Zukunft des Grosso-Systems zu beraten. Dies war ja auch der Wunsch der Bundesregierung. Überzogene, unsachliche Positionen und Forderungen führen uns aber nicht weiter. Basis der Gespräche ist für uns der Geist und Inhalt der Gemeinsamen Erklärung 2004. Der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien übernimmt die Rolle eines Moderators.

Die Konzentration im Grosso-Markt hat - wie vorauszusehen war - weiter zugenommen, in einem Fall auch mit Verlagsbeteiligung. Heute sind noch 69 Betriebe am tätig, 54 verlagsunabhängige Unternehmen gehören dem Verband an. Ist damit nun erstmal die „Untergrenze" erreicht?

Kai-Christian Albrecht: Die Grossisten haben sich zu allen Zeiten unternehmerisch gegen Absatzrückgang und Margendruck gestemmt. Nur durch permanente betriebliche Optimierungen, Kooperationen und letztlich auch Fusionen konnte die Effizienz stetig gesteigert werden. Der Konsolidierungsprozess setzte bereits in den 90erJahren ein. Diese Entwicklung wird wohl weitergehen, die Synergien benötigen die Betriebe, um gestärkt in die Zukunft zu gehen.

Auch mit Verlagsbeteiligungen?

Albrecht: Bei allen notwendigen Anpassungen muss bedacht werden, dass eine mittelständische überwiegend verlagsunabhängige Struktur die besten Voraussetzungen für Kundennähe, Neutralität sowie Innovationen bietet. Diese Struktur ist von der Politik und auch von den Verlagen gewollt - nicht ohne Grund steht in der Gemeinsamen Erklärung, dass eine Ausweitung des verlagsbeteiligten Grosso gerade nicht vorgesehen ist.

Im Vorjahr haben Sie im Rahmen der Tagung ein Gütesiegel vorgestellt, mit dem sie einen hohen Leistungsstandard der Mitgliedsunternehmen sicherstellen wollten. Davon hat man dann nicht mehr viel gehört...

Albrecht: Das wundert uns, das ambitionierte Projekt läuft auf Hochtouren auch unter Einbindung der Verlagsseite. Das Qualitäts- und Leistungsmanagement ist Bestandteil des Veränderungsprogramms, das unser Verband auf den Weg gebracht hat. Die Aufgabe ist sehr komplex und bedarf intensiver Vorarbeiten. Das QLM ist eine verbindliche Selbstverpflichtung des Berufsstandes zu mehr Transparenz über die Marktleistungen, Standardisierung und Hebung des Leistungsniveaus insgesamt.

Wo gibt es noch Probleme?

Albrecht: Es greift in die Privatautonomie der Unternehmen ein. Man kann sich vorstellen, dass dies kein Selbstläufer ist. Wir sind jetzt auf einem sehr guten Weg. Nach Präsentation auf der Grosso-Jahrestagung stehen Praxistests des Kennzahlensystems an. Während das Leistungsmanagement zur Pflicht wird, ist das Gütesiegel die Kür. Damit ist das Presse-Grosso Vorreiter in Sachen Leistung.

Das diesjährige Tagungsmotto lautet „Erlebniswelt 3.0 Internet, iPad und E-Kiosk". Beschäftigen Sie sich damit, weil Sie fürchten, dass der alternative Vertriebskanal zum großen Problem für den ohnehin schon strapazierten - klassischen Zeitschriftenvertrieb werden wird?

Nolte: iPad und Co. sind völlig neue Casual Devices, die die Mediennutzung verändern werden. Daran kommt niemand vorbei. Daher wollen wir uns im 60zigsten Jahr des Bestehens unseres Verbandes ganz bewusst mit diesem Thema auseinandersetzen. Experten vertreten die Auffassung, dass das iPad insbesondere solche Menschen anspricht, die noch nie Leser waren oder bereits abgesprungen sind. Ich meine auch, es geht nicht um ein ‚entweder oder' sondern um ein ‚sowohl als auch'. Wenn über die neuen Medien gerade auch junge Zielgruppen wieder an Print herangeführt werden, dann liegen darin auch für den Handel Chancen.

Nämlich welche?

Albrecht: Das Presse-Grosso war immer offen für Innovationen und neue technische Entwicklungen. Wir müssen uns sachlich damit auseinandersetzen und Kooperationsmöglichkeiten auf Verbands- und Unternehmensebene mit Playern der digitalen Welt ausloten. Das Presse-Grosso ist täglich beim Kunden vor Ort. Wir pflegen bundesweit ein Netzwerk von 120.000 Verkaufsstellen oder Points of Interest. Wir haben die lokale Marketingkompetenz, die wir Verlagen und anderen Providern gerne anbieten. Interview: se
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