Grosso-Chef Nolte: "Keine Lex Springer"

Donnerstag, 06. Januar 2011
Grosso-Chef Frank Nolte
Grosso-Chef Frank Nolte

Unter Geschäftsleuten gilt Schweigen vertragsrechtlich gemeinhin als Zustimmung. Dies dürfte bei Axel Springers überraschend vor Weihnachten abgeschlossenem Handelsvertrag mit dem Bundesverband Presse-Grosso, den beide Parteien auch allen anderen Verlagen als "Pilotabschluss" bis 2017 empfehlen wollen, allerdings nicht der Fall sein: MZV, der mächtige Vertrieb von Burda und WAZ-Gruppe, sowie erwartungsgemäß die Bauer Media Group schweigen derart beredt, dass ihr "Nein" nicht zu überhören ist. Und auch G+J-Chef Bernd Buchholz, der den "systemerhaltenden Charakter" des Springer-Deals lobt, lässt sich eine Hintertür offen: Die Details müsse man noch bewerten; hier komme es auf ein „faires und gerechtes Verteilungsmodell" an. Nur Hermann Schmidt, Vorsitzender des Arbeitskreises Mittelständischer Verlage, die ihr Geld meist mit teuren Special-Interest-Titeln verdienen, lobt Springers Deal schon jetzt als "Vereinbarung mit Ziel und Augenmaß".

Ohne MZV und Bauer geht aber nichts im deutschen Grosso; beide zusammen kommen dort auf einen Umsatzanteil von über 30 Prozent. Die Zeichen stehen also auf Nachverhandlungen. Dazu zwei Fragen an Frank Nolte, den Vorsitzenden des Grosso-Verbandes.

Frank Nolte: "Sehr attraktives Angebot"

Herr Nolte, Sie sagten vor zwei Wochen beim "Pilotabschluss", der Grosso-Vorstand wolle diesen nun auch allen übrigen Verlagen anbieten, mit dem Ziel einer branchenweiten Lösung. In der vergangenen Woche bestätigten Sie dann noch "Gesprächsbedarf, was die Details auf der wirtschaftlichen Seite angeht". Aber haben die übrigen Verlage wegen der Gleichbehandlungsgebote im deutschen Grosso-System überhaupt eine echte Wahl und noch Verhandlungsspielraum?
Ich bin davon überzeugt, dass wir ein für die Verlage sehr attraktives, systemstabilisierendes und zugleich zukunftsweisendes Angebot vorgelegt haben. Es besteht aus einem vertriebspolitischen Teil sowie einer zusätzlichen umsatzabhängigen Bonifikation zugunsten der Zeitschriften und "Bild". Der Zeit-Verlag und andere Partner bezeichnen das Gesamtpaket als intelligente Lösung. Wir werden uns die Zeit nehmen, das Zukunftsmodell für die Branche allen Zeitschriftenverlage und Nationalvertrieben persönlich vorzustellen und in Ruhe zu erläutern. Unter Partnerschaft verstehen wir auch, dass wir uns mit sachlichen Argumenten der Lieferanten konstruktiv auseinandersetzen.

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Manche unken, Springers Abschluss sei vor allem auf „Bild" zugeschnitten - gerade dann, wenn „Bild" 2011 wie offenkundig geplant seinen Copypreis erhöht, die Absätze stabil hält und dann 2012 gegenüber 2010 höhere Umsätze ausweist. Ist das so?
Ich kann das nicht nachvollziehen. Wer sich mit dem Pilotabschluss inhaltlich befasst, der erkennt, dass es gerade keine Lex Springer oder Lex „Bild" ist. Vielmehr genießen grundsätzlich alle Zeitschriften die Chance auf eine Bonifikation. Die Verlage haben es selbst in der Hand, den Umsatz der eigenen Titel besser als der Markttrend zu gestalten. Der Umsatz ist bekanntlich das Produkt aus Auflage und Preis. Also auch Absatz steigernde Marketingmaßnahmen, nicht nur Preiserhöhungen, können ein Rezept sein. Incentiviert werden danach gerade solche Printmarken, die in den Markt investieren und zur wirtschaftlichen Stabilisierung des aufwendigen Vertriebsnetzes maßgeblich beitragen.
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