Grosso-Chef Frank Nolte: "Pauschalkritik weise ich mit Nachdruck zurück"

Donnerstag, 18. November 2010
Grosso-Chef Frank Nolte
Grosso-Chef Frank Nolte

Die Konkurrenzreaktionen auf Bauers Offensive für eine bessere Platzierung der umsatzstarken Zeitschriften im Supermarktregal reichen von demonstrativer Gelassenheit ("Alles nichts Neues") bis hin zur Furcht um die Pressevielfalt ("Hände weg vom Regal!"). Doch was sagt der Grosso-Verband? Vorstandschef Frank Nolte nimmt Stellung.  Wie bewerten Sie Bauers Aktivitäten?
Frank Nolte:
Die Untersuchung des Bauer-Verlags im Lebensmitteleinzelhandel ist nicht überzeugend, zumal lediglich bei zehn Händlern getestet wurde. Rückschlüsse auf die Gesamtheit der 120.000 Händler werden der Vielfalt und Dynamik im Handel nicht gerecht. Auch dürfte dies statistisch sehr dünnes Eis sein. Weiterhin ist unklar, wie der Verlag nun konkret im Markt vorgehen will. Auf Gesprächsangebote hat das Management bisher leider nicht reagiert. Das erklärte Ziel von Bauer, möglichst viele eigene Titel in Vollsicht zu präsentieren, ist nichts Neues. Wettbewerber haben sich rechtlich dagegen zur Wehr gesetzt. Weiterhin gilt, dass dieses verlags­indivi­duelle Ziel mit dem Grosso-Auftrag nicht kompatibel ist. Wir halten solche Aktivi­täten insgesamt für schädlich, da die von allen Verlagen gewünschte Puffer­funk­tion, die das Grosso-System bietet, ausgehöhlt wird.

Bauer hält die "überfüllten" Presseregale für "alarmierend" unübersichtlich. Eine angemessene Beschreibung der Situation?
Die enorme Vielfalt im Handel gut zu präsentieren war und ist eine Herausforderung. Verlage und Vertriebe tragen durch ihre Produkt- und Mengenpolitik dazu bei. Unsere Funktion als "Category Captain" für Presse wird immer anspruchsvoller. Verkaufs­orientierte Sortimentsgestaltung, filigrane Disposition, Platzierungsempfehlungen und Beratung sind unser täglicher Job. Daran arbeiten wir im Innen- und Außendienst mit großer Motivation und vor allem unter Betrachtung der Verkäufe aller Titel und unter Beachtung des Neutralitätsgebots. Dabei steht natürlich die Maximierung des Presse­umsatzes jedes einzelnen Einzelhandelsgeschäfts im Vordergrund.

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Lesen Sie Bauers Kampagne als Kritik am Einzelhandel - oder als Kritik an der Betreuung durch den Grosso?
Mit konstruktiver Kritik würden wir uns befassen. Pauschalierende Aussagen weise ich mit Nachdruck zurück. Wir dokumentieren - auch in den zuständigen gemeinsamen Gremien mit VDZ-Verlagen - unsere qualifizierte Vertriebsarbeit. Alleine mit der Qualitätsoffensive haben wir in den letzten Jahren über 19.000 Einzelmaßnahmen im Handel realisiert. Dazu zählen Maßnahmen zur Modernisierung der Läden und Regale sowie zur Qualifizierung des Personals, auch Platzierungsempfehlungen zur Verbesserung der Pressepräsentation anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Bauer will seine eigenen Titel besser platziert sehen und kaschiert dies mit der These, dass alle etwas davon hätten, weil der Gesamtumsatz steige. Die kleineren Verlage dagegen wollen ihren Regalplatz quasi als subventionierte Werbefläche behalten und begründen dies mit der Meinungsvielfalt. Und der Grosso sieht sich als neutraler Vermittler dazwischen. Doch sind beide Positionen nicht letztlich unversöhnlich?
Das "Leuchtturmprinzip" ist aus unserer Sicht der Königsweg. Dazu liegt seit einiger Zeit ein Konzept unseres Verbandes vor, das von den Grossisten erfolgreich im Handel angewendet wird. Der Unterschied: Wir setzen die Outlet-spezifischen Segmentmarktführer im Regal in Szene und eben nicht nur die Top 10. Beim Bauer-Ansatz bleibt die Vollsichtplatzierung auf wenige Objektgruppen beschränkt, in denen die eigenen Titel führend sind. Außerdem würde dadurch auch beim Einzelhandel zukünftig weniger der Sortimentsgedanke im Vordergrund stehen als die Konzentration auf wenige Toptitel aus wenigen Objektgruppen. Die Vielfalt würde mittelfristig leiden. Das vom Grosso entwickelte Leuchtturmprinzip fördert hingegen die Orientierung der Konsumenten und steigert den Gesamtumsatz. Das zeigt uns die Erfahrung aus der Praxis.

Was wird der Grosso-Verband gegen Bauers Offensive unternehmen? Eine "Gegenkampagne", etwa Information und verstärkte Betreuung des Handels? Oder rechtliche Schritte?
Wir werden in erster Linie unseren guten Job in Sachen Marktbearbeitung fortsetzen, um das Pressesortiment noch stärker zu profilieren. Wir sind jeden Tag im Kontakt mit unseren Kunden. Der Einzelhandel ist mit der vertrieblichen Betreuung und Abwicklung des Pressesortiments äußerst zufrieden. Für die Großkunden stehen zentral kompe­tente Ansprechpartner und schlanke Prozesse zur Verfügung. Was die Bauer-Offensive angeht, so setze ich weiterhin auf ein Gespräch über die weiteren Planungen des Verlages. Auch eine Diskussion in den zuständigen VDZ-Gremien ist sicher erforderlich und bereits von anderen Verlagen eingefordert worden.

Interview: Roland Pimpl
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