Grosso: Bauer will mehr Wettbewerb / Verband will weiter mit G+J sprechen

Donnerstag, 12. Februar 2009
Yvonne Bauer prüft Belieferung über dritten Grossisten
Yvonne Bauer prüft Belieferung über dritten Grossisten

Die Zeichen stehen auf Sturm: Beim Gefeilsche zwischen den Verlagen und dem Bundesverband Presse-Grosso um die neuen Handelsspannen schlagen die Wellen immer höher - und könnten das gesamte System ins Wanken bringen. Nach der öffentlichen Aufkündigung der Verhandlungen seitens Gruner + Jahr legt nun wieder mal die Bauer Media Group vor: Der Großverlag will über sein Hamburger Grosso-Tochterunternehmen Pressevertrieb Nord (PVN) den Wettbewerb zwischen den Großhändlern, die bisher Gebietsschutz genießen, entfachen. So soll PVN in den Gebieten der von Bauer gekündigten Grossisten Grade und Mügge nicht mehr nur die verlagseigenen Titel betreuen. Im Gegenteil: „PVN ist hier ebenso wie in Hamburg daran interessiert, ein möglichst großes Portfolio anzubieten, und in der Akquise weiterer Verlage aktiv", sagt Vertriebschefin Yvonne Bauer gegenüber HORIZONT. Einige hätten bereits ernsthaftes Interesse bekundet. Im Zuge einer „Strukturreform" könne es zudem sein, dass die Belieferung in den beiden genannten Gebieten langfristig an einen dritten Grossisten abgegeben werde, so die Verlegertochter. Das kann man so lesen, als gehe es Bauer weniger um den Aufbau verlagseigener Grossisten - sondern um mehr Wettbewerb in der Hoffnung auf sinkende Vertriebskosten. Gut möglich also, dass Bauer den Gebietsschutz auch weiterer Grossisten, mit denen der Verlag unzufrieden ist, aufbrechen will. Die Monopolstellung (vornehmer: Alleinvertriebsrecht) der bundesweit 73 Grossisten in ihrem Gebiet gilt als eines der „Essentials" des deutschen Pressevertriebssystems.

Kai-Christian Albrecht, Chef des Grosso-Verbands: Wir nehmen die Auffassung von G+J konstruktiv auf und werden sie im Rahmen des Gesamtpaktes für alle Verlage prüfen“
Einen weiteren Grundpfeiler, die Neutralität der Zwischenhändler, sieht nun Europas größter Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr gefährdet: Der jüngste Handelsspannen-Vorschlag des Grosso-Verbandes führe „zu nicht tolerierbaren Wettbewerbsverzerrungen zwischen den Verlagen", weil wöchentliche, hochauflagige Titel zulasten kleinerer (Monats-) Titel mit hohen Copypreisen profitierten. „Das Grosso verlässt seine Position der Neutralität", wettert G+J-Vertriebschef Olaf Conrad. Die Formulierung Conrads, der erst gestern die Position von G+J in Form einer Erklärung öffentlich machte, lässt ahnen, dass er den jüngsten Vorschlag als Konzession an Axel Springer und Bauer sieht, die in den vergangenen Wochen laut gegen die angeblich ineffiziente und zu teuere Grosso-Performance gestänkert haben. Mit Conrads Wortmeldung wird ein einheitlicher Branchenvertrag immer unwahrscheinlicher. Der alte - noch einheitliche - Vertrag läuft Ende Februar aus. Der Grosso-Verband bemüht sich derweil um Deeskalation: „Wir nehmen die Auffassung von G+J konstruktiv auf und werden sie im Rahmen des Gesamtpaktes für alle Verlage prüfen", sagt Hauptgeschäftsführer Kai-Christian Albrecht gegenüber HORIZONT.NET. Mit Conrad und auch G+J-Chef Bernd Buchholz stehe man in Kontakt. Albrecht: „Die Gespräche werden fortgesetzt."

Will mit G+J reden: Kai-Christian Albrecht, Chef des Grosso-Verbands
Will mit G+J reden: Kai-Christian Albrecht, Chef des Grosso-Verbands
Doch auch der Grosso-Verband sieht das System gefährdet - durch die angebliche Preisdrückerei der Verlage. „Eine rund 10-prozentige Absenkung der Vertriebskosten ist angemessen und sollte machbar sein", fordert Conrad. Diese Absenkung soll nach seiner Vorstellung „paritätisch" allen Verlagen zugute kommen. Auch Burda-Vertriebschef Tobias Mai nennt diesen Richtwert. Die Zahl bezieht sich auf jährlich über 500 Millionen Euro Vertriebsprovisionen, die die Verlage insgesamt an die 73 Grossisten zahlen. Eine Summe, die Andreas Wiele, Vorstand „Bild"-Gruppe und Zeitschriften bei Axel Springer, in Horizont.NET ins Spiel gebracht hatte, und die seiner Meinung nach „für einen reinen Dienstleister ohne Warenrisiko deutlich zu viel" sei. Mit Blick auf die geforderten 10 Prozent zieht nun der Grosso-Verband die Grundsatzkarte: „Das wäre nicht machbar, ohne das Gesamtsystem zu sprengen", sagt Geschäftsführer Albrecht. rp/se

Mehr zum Thema in der HORIZONT-Ausgabe 7/2008, die am Donnerstag dieser Woche erscheint.
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