"Grazia" startet: Neuer Mix aus Altbekanntem

Donnerstag, 11. Februar 2010
Die italienische Ausgabe von "Grazia"
Die italienische Ausgabe von "Grazia"

"News & Shoes im Wochenbeat" - das will die deutsche Ausgabe der "Grazia", die die Mediengruppe Klambt heute zum Einführungspreis von 1 Euro an den Kiosk bringt, seinen Leserinnen bieten. Ein Magazin, das solide gemacht ist, der Damenwelt von allem etwas zeigt - und sich dabei nicht so recht entscheiden kann, was es eigentlich sein will. Die starke, internationale Marke "Grazia" dabei im Rücken zu haben, ist sicher ein kluger Schachzug von Verleger Lars Rose. Das Magazin ist für Klambt die größte Investition in seiner Historie. In der vergangenen Woche feierte das Heft schon Generalprobe und verteilte 450.000 Probehefte an ausgewählte Haushalte, darunter 100.000 Douglas-Kundinnen. Jetzt hat HORIZONT.NET die Erstausgabe unter die Lupe genommen.

Auf den ersten Blick wirkt das Magazin wie ein Peopleheft: Jennifer Aniston und Victoria Beckham sind auf dem Cover - in lockerer Pose, mehr Schnappschuss als Shooting. Diesen lässigen Look pflegt das Magazin im ersten Drittel, wo es - poppig gelb unterlegt - vor allem um modische Neuheiten und Stargerüchte geht. Die Titelstory widmet sich Hollywood-Star Jennifer Aniston ("Sie dachte wirklich, er kommt zurück").

Konträr zu dem schrillen Look und den leichten Inhalten der ersten Seiten gibt es in der Heftmitte auch Sozialkritisches. Eine Reportage über eine Krebserkrankte zum Beispiel. Oder - in einer der "Storys der Woche" - geht es um Kinder in Neu-Delhi, die auf einer Baustelle schuften. Eine Seite später dreht sich in einer weiteren Story der Woche alles um ein Medikament, dass angeblich Stars jung macht ("Die neue Beauty-Droge"). Der Wechsel zwischen Tiefe und Leichtigkeit der Artikel ist gewöhnungsbedürftig.

Das Magazin ist unterteilt in die Ressorts "Themen der Woche", "Report", "Fashion", "Beauty", "Lifestyle", "Entertainment" und "Metropolis". Im zweiten Drittel beginnt der 35-seitige Modeteil. Die Bilderstrecken sind stilvoll und hochwertig fotografiert. Wie schon im ersten Drittel sind die Seiten sehr kleinteilig aufgebaut: Es gibt Modenews, Taschentrends und eine Style-Jury, die die Promi-Outfits unter die Lupe nimmt - auch das ein Element, das zum Repertoire der jungen People-Zeitschriften gehört.

Im letzte Heftdrittel wird es noch bunter: Hier widmet sich das People- und Fashion-Magazin Beauty-Trends - erneut gezeigt an Prominenten - und gibt Tipps zur Wohnungseinrichtung, zum Reisen ("Warum die Stars Berlin lieben"), Kochen und aktuellen Kinohits. Diese Mischung ähnelt stark der einer klassischen monatlichen Frauenzeitschrift. Seine eigentliche Stärke, die hohe Aktualität, spielt das Magazin bislang nur in zwei Rubriken aus: Den "Newcomern der Woche", die zeigen, welche Artikel in dieser Woche in die Shops kommen, und der Fotoseite "Partys der Woche".

Fazit: Die einzelnen Rubriken sind bekannt, neu ist die Mischung. Doch ob die einzigartig genug ist, um als Differenzierungsmerkmal im eng besetzten Markt der Frauenmagazine wahrgenommen zu werden, bleibt abzuwarten.

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Die italienische Ausgabe von "Grazia"

In 15 Ländern gibt es "Grazia" mittlerweile, das Ursprungsland ist Italien: Hier ist der Titel seit 1938 auf dem Markt. Und zwar mit einem gänzlich anderen Look: Die Aufmachung des Mondadori-Titels (Copypreis: 1,80 Euro) ist deutlich ruhiger und eleganter, die Lesestrecken sind länger und die Seiten weniger kleinteilig. Weitere Besonderheit: Die Ausgabe konzentriert sich stark auf die italienischen Stars. Mit über 200 Seiten ist das Magazin zudem deutlich umfangreicher als die deutsche Ausgabe mit 134 Seiten.

Auf der nächsten Seite: "Grazia" in Großbritannien

Die englische Ausgabe von "Grazia"

Und die Ausgabe aus Großbritannien.
Und die Ausgabe aus Großbritannien.
Die britische "Grazia" ist der deutschen Version sehr ähnlich. Im Innenteil arbeiten beide Länderausgaben mit bunter Schrift und farblichen Hinterlegungen, wodurch die Optik sehr grell wirkt. Schräg angeordnete Textbausteine und Bilder geben dem Layout die Anmutung einer Pop-Art-Kollage.

Auch bei der Themensetzung erinnert die deutsche Variante von "Grazia" sehr stark an die Ausgabe in Großbritannien. Beide Titel widmen sich im Titelthema der Schauspielerin Jennifer Aniston und ihrer Hoffnung auf die Rückkehr ihres Ex-Ehemanns Brad Pitt. Neben Promi-Klatsch und Fotostrecken rund um Beauty, Mode und Lifestyle gibt es in beiden Heften auch Beiträge zu ernsten Themen. So steht in der britischen Ausgabe beispielsweise ein Artikel über eine Frau, die ein Kind aus der Krisenregion Haiti adoptiert, und den Selbstmord einer Jugendlichen, die an einer schweren chronischen Krankheit litt. Bei den Rubriken gibt es ebenfalls viele Parallelen. In beiden Länderausgaben finden sich die Rubriken "Easy Chic" und in der deutschen werden aktuelle Geschichten unter der Überschrift "10 Storys der Woche" zusammengefasst, was im britischen Heft "10 Hot Storys" heißt.

Der Hauptunterschied besteht im Cover. Die deutsche "Grazia" wirkt bereits schrill, aber die britische Version übertrifft dies mit den zahlreichen verschiedenen Farben, Schriftarten und Gestaltungselementen noch um Längen. Für Großbritannien ist das jedoch nicht ungewöhnlich: Hier sind nicht nur Zeitschriften extrem knallig gestaltet, sondern sogar Bücher. Offenbar hat der Kampf um die Gunst der Leser hier zu einem optischen Wettrüsten geführt, was uns zum Glück bisher erspart geblieben ist. se/bn

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