Google-Manager Schindler: "Mobile wird eine der größten technologischen Revolutionen"

Freitag, 16. September 2011
Philipp Schindler verantwortet die Google-Aktivitäten in Europa
Philipp Schindler verantwortet die Google-Aktivitäten in Europa


Er ist einer der Top-Manager von Google in Europa, doch Interviews gibt Philipp Schindler nur selten. Im Gespräch mit HORIZONT spricht der Nord- und Zentraleuropa-Chef des global agierenden Technologiekonzerns über Display-Werbung, die Tradingplattformen der Agenturen und die Bedeutung des deutschen Marktes.

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Display erlebt eine kleine Renaissance und ist wieder stark im Kommen. Warum? Display erlebt aus mehreren Gründen eine Renaissance, um Ihr Wort zu gebrauchen. Zum einen verbringen immer mehr Menschen immer mehr Zeit in der digitalen Welt und sind deshalb über Onlinewerbung ansprechbar. Zum anderen erleben wir derzeit eine Revolution der Werbeformate, besonders im Bewegtbild-Bereich. Wir haben zudem deutlich besseres Targeting als noch vor zwei Jahren und eine bessere Infrastruktur durch Ad Exchanges. Und last but not least hat es in den vergangen Jahren einen Durchbruch im Bereich der Online-Werbewirkungsforschung gegeben.

Agenturen haben angefangen, eigene Targeting- und Tradingplattformen aufzubauen. Beunruhigt Sie das? Grob gesprochen gibt es drei Modelle. Man entwickelt eigene Technologien, nutzt unsere Ad-Exchange-Plattform oder baut Hybridformate. Der Markt ist groß genug für alle Modelle. Unsere Empfehlung dazu ist: Wir sind ein Technologie-Unternehmen, in dem tausende von Programmierern daran arbeiten, die Möglichkeiten digitaler Werbung zu verbessern. Als Agenturmanager würde ich mir genau überlegen, ob ich das replizieren möchte oder unsere Technologiekompetenz nutze. Meiner Meinung nach sollte jedes Unternehmen vor allen Dingen seine Kernkompetenzen ausbauen. Aber wie gesagt: Der Markt ist groß genug für alle.

Seit Jahren wird prognostiziert, dass Mobile das große Werbe-Ding ist. Wann ist es so weit? Ich bin der Überzeugung: Mobile wird eine der größten technologischen Revolutionen, die die jetzigen Generationen erleben werden. In der Vergangenheit hat man vielleicht nicht genug gesehen, welche Komponenten zusammenkommen müssen, damit Mobile abhebt. Jetzt ist es aber so weit: Wir haben - auch dank der Innovationskraft zum Beispiel von Apple - leistungsfähige und nutzerfreundliche Endgeräte. Wir haben eine Connectivity, die Menschen den Umgang mit interessanten Anwendungen erst ermöglicht. Und wir haben die Cloud mit extrem leistungsfähigen Supercomputern – zahlreiche Apps laufen ja nicht direkt auf dem Handy, sondern sind dorthin nur ausgelagert.

Kann es sein, dass Mobile weniger Werbeplattform ist, sondern sich zunehmend als Entertain-, Service- oder ECommerce- Tool etabliert? Es gibt zwei gleich starke Nutzungsszenarien für Mobile- Geräte jenseits der Telefonie: Zum einen als Zeitvertreib, zum anderen aber um konkret nach Informationen zu suchen. Für beide Nutzungsdimensionen braucht man eine sehr unterschiedliche Werbeansprache, und hier stehen wir erst am Anfang einer ungeheuer dynamischen Entwicklung.

Und Google liefert nicht nur das passende Betriebssystem, sondern auch die Vermarktung der Inhalte. 2010 hat Google eine Milliarde Dollar mit mobiler Werbung umgesetzt. Admob liefert täglich zwei Milliarden Mobile-Anzeigen aus, vor allem in Apps. Die Adwords-Anzeigen in der mobilen Suche sind dabei noch gar nicht eingerechnet.

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Wird Suche auch mobil eine zentrale Rolle einnehmen? Unsere Studien zeigen zwei Richtungen digitaler Navigation. Zum einen gibt es den Trend zur empfehlungsbasierten Navigation durch soziale Netzwerke oder Location Based Services. Der zweite große Trend ist der zur suchzentrischen Navigation. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat man im Internet noch gesurft, hatte seine Liste von Bookmarks und einige Internet-Kataloge. Dann kam die Informationsexplosion und man hat angefangen, Suche ganz gezielt einzusetzen. Das hat Google nicht erfunden, sondern die Konsumenten – aber wir profitieren von dem Verhalten der Konsumenten. Diese suchzentrische Navigation schwappt nun auf neue Endgeräte und digitale Plattformen über.

Wird Mobile nicht auch noch einen zusätzlichen Schub bekommen, wenn das Handy zum Portemonnaie wird, mit dem man überall bezahlen kann?
Man kann heute schon sehr bequem in jedem Supermarkt bargeldlos bezahlen. Von daher glaube ich nicht, dass die Bezahlfunktion alleine genügen wird. Entscheidend ist die Verbindung der Payment-Funktion mit der Möglichkeit, beim Händler seiner Wahl beispielsweise Coupons einzulösen.

In den USA testen Sie ja schon diese Wallet-Funktion des Handys, wann kommt sie nach Europa
? In der Tat laufen in den USA intensive Tests. Und wir prüfen derzeit, wann wir damit in Europa starten.

Google ist seit zehn Jahren in Deutschland. Welchen Stellenwert hat Deutschland im internationalen Vergleich für das Unternehmen? Es ist der nach den USA und Großbritannien größte Google- Markt. Es ist ein Markt mit bekanntermaßen bestimmten Sensibilitäten im Datenschutz, die wir sehr ernst nehmen und nutzen, um in unserem Forschungszentrum in München Datenschutzprodukte für den globalen Einsatz zu entwickeln. Deutschland setzt weltweit Maßstäbe in Sachen Werbewirkungsforschung. Und nicht zuletzt ist Deutschland in Sachen Agenturzusammenarbeit führend – Agenturen sind für uns entscheidende Partner bei der Aufgabe, Werbungtreibende noch erfolgreicher zu machen. Und umgekehrt sind wir für Agenturen der mit Abstand bedeutendste Technologiepartner, der sie bei dieser Aufgabe unterstützt. Mit anderen Worten: Google liebt Deutschland. vs
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