"Glamour allein reicht nicht": "Park Avenue"-Erfinder Holger Christmann zur Einstellung von "Vanity Fair"

Dienstag, 24. Februar 2009
Holger Christmann
Holger Christmann

Holger Christmann war der Erfinder und Entwicklungschef des G+J-Magazins „Park Avenue". Kurz nach dem Start des Blattes im Juni 2005 unter Chefredakteur Alexander von Schönburg verließ Christmann den Verlag. Er arbeitet heute als redaktioneller Berater und Autor. "Park Avenue" wurde Ende vergangenen Jahres eingestellt. Für HORIZONT.NET kommentiert er exklusiv die Einstellung des einstigen Rivalen "Vanity Fair". Als ich 2005 die Arbeit an dem Magazin begann, das bald den Namen "Park Avenue" bekam, konnte es dafür nur ein Vorbild geben: die amerikanische "Vanity Fair". Sie ist das glamouröseste Magazin der Welt und gleichzeitig das journalistisch ernsthafteste und ehrgeizigste. „VF"-Reporter recherchieren wochenlang im Irak oder gehen monatelang einem Bankenskandal in Genf nach. Und wenn sie den Modemacher Valentino porträtieren, besuchen sie ihn auf seinem Schloss in Paris, in seinem Atelier in Rom und auf seiner Yacht. In der 50.000 Zeichen langen Geschichte (viel länger als jede „Geo"-Reportage) kommen 50 Wegbegleiter Valentinos zu Wort. Das ist Journalismus in XXL.

Im Zeitalter der Verknappung und der Second-Hand-News im Internet lässt die US-„Vanity Fair" mit Mammut-Reportagen, Enthüllungen und den besten Fotografen der Welt die Muskeln des Journalismus' und der Magazinkunst spielen. Und behauptet sich gerade dadurch unangefochten.

Wer so erfolgreich sein will wie "Vanity Fair", der muss es auch so machen wie "VF". Als Wochenheft vergab die deutsche "Vanity Fair" aber ihren größten Trumpf neben der Fotografie: die Lektüre-Qualität. In Italien funktioniert das Weekly-Konzept, weil Italiener anders sind. Dort zeigen sich Politiker gern mit ihren vielen Freundinnen. Sie reden auch jede Woche gern offen über ihr Privatleben. Und - um es mit Berlusconi zu sagen - sie sind auch immer gut gebräunt. Für ein Weekly ein idealer Nährboden. Deutschland ist verschlossener. Und die Deutschen schätzen es, gut über Vorgänge in der Welt informiert zu sein. Der investigative und politische Ansatz der US-"Vanity Fair" hätte hier mehr Erfolg versprochen. Und auch in Amerika ist "Vanity Fair" viel erfolgreicher, seit sich der jetzige Chefredakteur Graydon Carter vom reinen Star-Kurs Tina Browns verabschiedete.

„Was Deutschland nicht brauchte, war ein Magazin, das sich durch Status definierte. Es geht nicht darum, die Nase oben zu haben - sondern vorn.“
Die angeblich fehlenden deutschen Stars sind nicht das Problem für so ein Magazin. Erstens sind Hollywoodstars auch unsere Stars. Zweitens, denkt man europäisch und nimmt Deutschland, Frankreich, Italien, England, Russland zusammen, dann gibt es hier genug Mächtige, Kreative und Stars: farbige Stoffe für Geschichten. Viele davon stehen aber zuerst in der US-"Vanity Fair", und dann erst bei uns. Was Deutschland nicht brauchte, war ein Magazin, das sich durch Status definierte. Es geht nicht darum, die Nase oben zu haben - sondern vorn. Nicht die Gattung war also das Problem, sondern beide Male die Umsetzung.

Schließlich erlagen beide Magazine, "Park Avenue" ab einem bestimmten Moment und "Vanity Fair" besonders am Anfang, auch einer Fehleinschätzung: In einem Land, dem Glamour fehlt, werde Glamour allein schon reichen. Es reicht nicht, gerade hier. Dennoch haben beide Magazine oft genug neue Qualitätsmaßstäbe gesetzt: manchmal journalistisch, aber vor allem in Porträt-Fotografie und Design. Dies kombiniert mit inhaltlichem Gewicht, und Deutschland bekommt vielleicht die Zeitschrift, die es haben wollte." Holger Christmann
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