Giovanni di Lorenzo: „Wir brauchen Paid Content!“

Mittwoch, 06. Oktober 2010
Di Lorenzo: Ich habe nichts gegen das Internet - wohl aber gegen die Ideologie des Internets
Di Lorenzo: Ich habe nichts gegen das Internet - wohl aber gegen die Ideologie des Internets

Klare Worte an die Kollegen: „Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo fordert deutlich wie nie einen realistischeren - und letztlich auch kaufmännischeren - Umgang mit dem Internet. „Solange wir Verlage mit digitalen Medien kein Geld verdienen können, um unsere Redaktionen zu finanzieren, solange müssen wir mit ganzer Kraft unser Print-Geschäft stützen und schützen", sagte di Lorenzo auf dem World Editors Forum (WEF). Das jährliche Treffen internationaler Chefredakteure findet in diesen Tagen in Hamburg statt. "Ich habe nichts gegen das Internet - wohl aber gegen die Ideologie des Internets", so der „Zeit"-Chef. Vor allem müsse die Branche endlich aufhören, Print permanent schlecht- und totzureden, immerhin subventioniere das Stammgeschäft seit langem die meisten digitalen Medienausflüge und sorge nach wie vor in vielen Verlagshäusern für „sehr ordentliche Renditen". Und weil seit Jahrzehnten keine der Prognosen „so genannter Medienexperten" eingetroffen sei, gilt für ihn: „Mein Glaube ans iPad ist mit einer Portion Skepsis vermischt."

Doch immerhin seien Tablets eine Chance, Bezahlinhalte in digitalen Medienkanälen zu etablieren, um Qualitätsjournalismus auch in Zukunft finanzieren zu können: „Wir brauchen Paid Content!" Dabei dürften sich die Redaktionen ihre Formate und Inhalte nicht von iPad und Co diktieren lassen, „sondern wir müssen die Geräte für uns nutzbar machen".

Gleichwohl fordert di Lorenzo von seiner Zunft mehr Flexibilität und offenere Ohren für die Leser - hier böten digitale Medien neue Chancen: „Journalismus benötigt nicht nur Sendungsbewusstsein, sondern auch Empfangsbereitschaft." Dennoch dürften die Grenzen zwischen (Laien-) Lesern und (professionellen) Journalisten nicht verwischen. Dies wollten die Leser auch gar nicht, sondern Auswahl, Einordnung und Analyse. „Die Zeitung der Zukunft zeigt nicht den Informationsfluss, sondern die Ufer." Di Lorenzo gestand jedoch ein, dass es Wochentitel hier einfacher haben als Tageszeitungen. Auf den Printmarkt generell bezogen, rechnet der „Zeit"-Chef in den kommenden Jahren mit einer Marktbereinigung, bei der die führenden Titel jedes Segments aber bestehen bleiben - „und zwar mit guten Renditen." rp
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