Gesagt, getan: Ab Mittwoch bittet Springer Welt Online-Leser zur Kasse

Montag, 10. Dezember 2012
Jan Bayer glaubt an ein journalistisches Geschäftsmodell in der digitalen Welt
Jan Bayer glaubt an ein journalistisches Geschäftsmodell in der digitalen Welt

Für die Printbranche ist es ein einschneidender Schritt: Als erste der großen überregionalen Nachrichtenseiten startet Axel Springers Tageszeitung „Die Welt" am morgigen Mittwoch ein Bezahlmodell für die bisher kostenfreie Website. Wie der Konzern bei einem Hintergrundgespräch mit Journalisten mitteilte, handelt es sich dabei um ein sogenanntes Metered Model, bei dem der User die Artikel zunächst kostenfrei lesen kann. „Es geht nicht darum, eine Mauer zu errichten", betonte Romanus Otte, General Manager Digital bei der Welt-Gruppe. „Danke, dass Sie sich immer wieder für ,Die Welt' entscheiden": Diesen Satz liest der Nutzer von Welt Online ab Mittwoch auf der Homepage, bevor er zum kostenpflichtigen Digital-Abonnement weitergeleitet wird. Es dauert jedoch, bis die Bezahlschranke nach unten geht: Bis zu 20 Artikel können monatlich gelesen werden, erst der 21. Text kostet Geld. Für Zeitungsabonnenten bleibt der Zugang zu allen Angeboten frei. Doch auch Nicht-Abonnenten können die Bezahlschranke umgehen: Die Startseite ist ohnehin frei, aber auch alle Artikel, die die User via Suchmaschinen, soziale Netzwerke oder andere Seiten, die auf "Welt"-Artikel verlinken, ansteuern. „Wir wollen unsere Leser mit guten Angeboten zu fairen Preisen und einem guten Service überzeugen", beschreibt Otte das Modell, für das sich Springer nach dem erfolgreichen Vorbild der „New York Times" entschlossen hat. Angekündigt hatte Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner den Schritt schon Ende 2011, im Oktober bekräftigte er erneut und terminierte den Start auf Jahresende.

Gesagt, getan. Für die „Welt" sind zunächst drei unterschiedliche Abo-Pakete verfügbar, die auf verschiedene Mediennutzungsgewohnheiten zugeschnitten sind. Im Basis-Angebot gibt es den Zugang zum Online-Auftritt zusammen mit der Smartphone-App für 6,99 Euro im Monat, gefolgt von einem Komplett-Paket (Online sowie Apps für Smartphone und Tablet) für 12,99 Euro und dem Plus-Paket (alle Digital-Angebote plus „Welt am Sonntag") für monatlich 14,99 Euro. Die neuen digitalen Angebote können im ersten Monat für je 99 Cent getestet werden.

Jan Bayer, Vorstand Welt-Gruppe und Technik, zeigte sich überzeugt, dass ein nachhaltiges Geschäftsmodell für journalistische Angebote genau wie in der analogen Welt auch digital auf Vertriebs- und Werbeerlösen basieren sollte. „Bei den Werbeerlösen sind wir bereits sehr erfolgreich" - nun müsste der digitale Vertrieb als zweite Geldquelle ausgebaut werden. Dass man parallel dazu auch den „sehr klaren Rückgang an Reichweite" kompensieren müsse, sei allen Verantwortlichen bewusst. „Wir wissen aber auch, dass sich die Reichweite stabilisieren kann. Leser, die Geld für Inhalte bezahlen, sind auf lange Sicht besser vermarktbar", so Bayer.

Für Vorstandsvorsitzenden Döpfner entsteht mit dem Bezahlmodell eine neue Währung, die loyale, an eine bestimmte Marke gebundene Leser abbilden kann. Demnach gehe es grundsätzlich um weit mehr als um die Durchsetzung eines Abo-Modells: „Das ist nicht nur die Transformationen unseres Unternehmens, sondern die der ganzen Branche." Eine Zeitung sei schließlich nicht schicksalhaft an Print gebunden, sondern könne durch die Digitalisierung viel schnelleren und auch ökologischeren Journalismus liefern: „Wenn Sie glauben, dass die Zeitung nur Papier ist, haben Sie noch ein paar Jahrzehnte vor sich, aber dann wird es ganz eng. Und ob man bei Jahrzehnten unbedingt im Plural sprechen sollte, ließe sich auch diskutieren."

Wo die Bezahlschranke als nächstes nach unten gehen wird, ist bereits bekannt: Im Jahr 2013 wird Springer auch für den Online-Auftritt seines Flaggschiffes „Bild" ein Paid-Modell einführen. Dasselbe wie bei der „Welt" soll es nicht sein. Wie letzteres bei den Lesern aufgenommen wird, will Jan-Eric Peters, Chefredakteur der Welt-Titel, bereits heute im Chat mit den Lesern herausfinden. Übrigens keine einmalige Aktion: Die Kommunikation mit den Usern soll künftig fester und großer Bestandteil auf Welt Online sein. kl
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