Gerhard Zeilers Comeback: Acht Grundsätze für die Zukunft des Fernsehens

Mittwoch, 24. Oktober 2012
Gerhard Zeiler hielt die Keynote bei den Medientagen München
Gerhard Zeiler hielt die Keynote bei den Medientagen München


Es war der erste große Auftritt für Gerhard Zeiler als Auslandschef des US-Konzerns Turner. Zeiler, der bis zum Frühjahr Europas größten TV-Konzern RTL Group leitete. Und er konnte sich der ungeteilten Aufmerksamkeit des Publikums bei den Medientagen München sicher sein, denn was der Manager sagt, hat Gewicht. Was er sagt, beschäftigt die Branche.
Zeiler, der sich selbst als Optimist bezeichnet, glaubt an die Zukunft des Fernsehens – auch in einer zunehmend digitalen, zunehmend fragmentierten Welt, in der es für die Sender immer schwieriger wird, die Zuschauer zu finden. „Wir werden viel verändern müssen“, sagte er vor rund 800 Zuhörern. "Aber ich bin überzeugt, dass die Zukunft der Industrie mehr Chancen als Risiken bietet."

In acht Grundsätzen fasste er seine Linie zusammen – am Bemerkenswertesten dürfte der 8. sein, in dem er an die Aktionäre appelliert, den TV-Unternehmen genug Geld für Investitionen in den kreativen Prozess zu lassen. Zeiler hatte RTL überraschend verlassen, nachdem sein Vertrag erst 2011 verlängert worden war. Auch Unstimmigkeiten über die Strategie mit Haupteigentümer Bertelsmann sollen ein Grund dafür gewesen sein.

Die Leitlinien

1. Mache es Zuschauern leicht, alle seine Programme, zu jeder Zeit, auf allen Geräten konsumieren zu können

Der Konsument ist ungeduldig und sucht sich die Inhalte sonst auf anderen, auch illegalen Plattformen.

2. You have to be local

Auch wenn Zeiler nun bei einem internationalen Großkonzern unter Vertrag steht, glaubt er an die Relevanz der Nachricht vor Ort und nicht die alleinige Dominanz von Hollywood-Ware. "Es sind die lokalen Inhalte, die einen Sender auf Dauer erfolgreich sein lassen."

3. Fragmentiere Dich selbst, bevor Dich andere fragmentieren

In einem Markt, in dem immer neue Player auftauchen, ist es sinnvoller, sich breiter aufzustellen, als allein auf wenige Flaggschiffe zu setzen. Sei es über neue Sender oder Catch-up-TV-Angebote.


4. Habe keine Angst vor Facebook, Twitter und Youtube. Im Gegenteil: Nutze Sie, so gut Du kannst

Eine bemerkenswerte Regel – verfolgte Zeiler zu RTL-Zeiten für die Gruppe doch klar den Weg, die eigenen Inhalte nicht auf den großen Plattformen zur Verfügung zu stellen. Die Plattformen verschaffen den TV-Formaten "Mundpropaganda per Tastendruck in Echtzeit" und sind damit wichtige Verbündete, wenn es darum geht, gefunden zu werden.

5. Positioniere Deine Marke richtig

Ein leidiges Thema im TV – die Sendermarken gehen häufig unter. „Der Markenwert wird in unserer Industrie fast sträflich unterschätzt“, warnt Zeiler.

6. Die Pay-TV-Industrie ist ein essentieller Teil der Fernsehlandschaft

Zeiler glaubt, dass die deutsche TV-Landschaft nur schwer weiterzuentwickeln ist, ohne die Bezahlsender, die sich – nicht zuletzt seit dem Vormarsch von Sky – in den vergangenen drei Jahren deutlich nach oben entwickelt hat. Nachdem das Geschäft hierzulande jahrzehntelang als unmöglich galt, weist Deutschland nun innerhalb Europas die höchsten Wachstumsraten auf.

7. Fail often, fail fast, fail cheaply

Das ist eine Weisheit, die Zeiler nicht müde wird, weiterzugeben. Gerade im TV sei der Mut zum Scheitern unerlässlich. "Wir benötigen eine Industriekultur, die auf Risikobereitschaft aufgebaut ist", fordert er.

8. Respektiere den kreativen Prozess und investiere in ihn

Sie richtet sich direkt an Shareholder. "So schön die Bilanzen auch sein mögen, man kann sie nicht zu Fernsehprogrammen machen." Die Basis der TV-Industrie seien die Kreation und Produktion von Fernsehprogrammen. "In den kreativen Prozess muss man investieren. Beträchtlich investieren", sagte er. Dass diese Botschaft am Schluss steht, dürfte kein Zufall sein. Zeiler war überraschend bei RTL ausgestiegen, nachdem zum Jahresbeginn Finanzvorstand Thomas Rabe das Ruder bei der RTL-Mutter Bertelsmann übernommen hatte. Bertelsmann hat die RTL Group, aber auch den Verlag Gruner + Jahr in den vergangenen Jahren eher kurz gehalten. Statt üppig zu investieren, haben die Medienhäuser satte Renditen nach Gütersloh abgeführt. pap
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