Georg Mascolo und Kurt Kister im Gespräch: "Der Spiegel kauft uns die Leute weg"

Mittwoch, 27. Juni 2012
Wollte eigentlich nie einen Fuß bei der SZ ins haus setzen: Georg Mascolo
Wollte eigentlich nie einen Fuß bei der SZ ins haus setzen: Georg Mascolo


Eigentlich hatte er ja einst "beschlossen, niemals einen Fuß in dieses Haus zu setzen", flachste "Spiegel"-Chefredakteur Georg Mascolo hoch oben in der "Panorama Lounge" im gläsernen Verlagshaus der "Süddeutschen Zeitung" in München. Und nun saß er doch dort, neben dem Hausherrn, seinem "SZ"-Kollegen Kurt Kister. Der Anlass: Beide Chefredakteure sprachen im Rahmen der neuen Vermarktungskooperation zwischen "Spiegel" und "SZ" im exklusiven Kreis wichtiger Anzeigenkunden über den Stellenwert und die Zukunft von Qualitätsjournalismus. Die rund 60 handverlesenen Gäste - die meisten von werbungtreibenden Unternehmen, außerdem ein paar Agenturleute - erlebten einen Georg Mascolo, der selbstkritischer und -ironischer und weniger staatstragend daherkam als in TV-Talkshows. Und einen gewohnt launigen Kurt Kister, der sonst nie in Talkshows geht - und seinem Kollegen Mascolo per SMS selbst immer vergeblich davon abrät, diese zu besuchen. Doch nun saßen beide zusammen und talkten.

Über Qualitätsjournalismus:
Dieser entstehe nur dann, wenn ein Verlag zuerst die journalistischen Fragen stellt und beantwortet - und erst dann die kaufmännischen, sagt Mascolo; Journalismus dürfe niemals zuerst ein Geschäft sein: "Wenn man das beherzigt, ist es meist auch ein gutes Geschäft." Gleichwohl lassen ihn die Gedanken ans Geschäft, "an das Geld bei der Tageszeitung", bisweilen schlecht schlafen, bemerkt Kister.

Über den (vermeintlichen) Qualitätsverfall im Journalismus:
Er sei ja mittlerweile in einem Alter, in dem man zu glauben beginne, dass früher alles besser gewesen sei, kokettiert Kister. Doch der 55-Jährige meint: "Auch im Journalismus war damals nicht alles besser"; man möge doch bitte nur mal eine Zeitung von heute mit einer von früher vergleichen. Dennoch müssten Journalisten in dem immer schnelleren Geschäft aufpassen, dass sie Geschichten nicht überdrehen. Mascolo hingegen sieht "in Teilen des Journalismus einen Qualitätsverfall"; die Grundregeln des Handwerks müssten auf allen Kanälen gelten, auch im schnellen Internet. Zudem müssten Journalisten bereit sein, Fehler einzugestehen.

Über Zielgruppen und Copypreise:
Warum sind "Spiegel" (hat seinen Copypreis gerade auf 4,20 Euro erhöht) und "SZ" (2,20 Euro) eigentlich so teuer? "Weil unsere Leser das so wollen!", ruft Kister in die Runde. Sie wollten keine Billig-Konfektion, sondern eine Mischung aus Qualitätsmarke und manchmal Maßanzug. Mascolo hofft auf und glaubt an eine Bewegung von Menschen, die ihren permanenten Nachrichtenkonsum reduzieren und sich stattdessen "Medienmarken anvertrauen, die ihnen die Zeit nicht stehlen". "Fokussierung von Wahrnehmung", beschreibt Kister diese Aufgabe des Qualitätsjournalismus.

Über die Konkurrenz zwischen beiden Titeln:
Natürlich, Kister und Mascolo loben ihre Hefte gegenseitig pflichtschuldigst. Auch sonst stimmt man sich in den meisten Punkten zu. "Ich bekomme hier ja öfters Recht als zuhause beim 'Spiegel'", scherzt Mascolo. Nur in einem Punkt scheint es regelmäßig Zoff zwischen Hamburg und München zu geben, über den beide - wenn auch mit einem Augenzwinkern - berichten. Die "SZ" werbe ihm gerne die besten Leute ab, mosert Mascolo. Hier fällt etwa der Name des Investigativ-Stars Hans Leyendecker (auch wenn der 1997, nach Auseinandersetzungen mit Mascolo-Vorgänger Stefan Aust, eher von sich aus ging - und dann bei der "SZ" eine neue Heimat fand). Doch Kister retourniert: "Wir bilden den Nachwuchs aus, und der ,Spiegel' kauft die Leute dann weg!" rp
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