G+J rutscht in Verlustzone / Kurzarbeit möglich

Mittwoch, 20. Mai 2009
G+J-Chef Bernd Buchholz muss Anzeigenminus von 25 Prozent verkraften
G+J-Chef Bernd Buchholz muss Anzeigenminus von 25 Prozent verkraften

Europas größter Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr hat im 1. Quartal dieses Jahres einen negativen Jahresüberschuss (operatives Ergebnis minus Sonderaufwendungen, Wertabschreibungen und Steuern) erzielt. Das habe Vorstandschef Bernd Buchholz am Mittwochnachmittag im Rahmen einer Mitarbeiterversammlung gesagt, berichten Teilnehmer. Das Minus beim Anzeigenumsatz betrage bis Ende April rund 25 Prozent. Daher stünden alle Strukturen, Prozesse und Kosten auf dem Prüfstand. So diskutiere man etwa über eine Zentralisierung der Anzeigenvermarktung, überprüfe den „Workflow in den Redaktionen" und möglicherweise auch einzelne Titel, wird Buchholz zitiert. HORIZONT hatte darüber bereits in der vergangenen Woche berichtet (Heft 20/2009). Entscheidungen seien jedoch noch nicht gefallen. Zudem nannte Buchholz den Angaben zufolge Bereiche, in denen bereits gespart worden sei, etwa in der Dokumentation. Die Aufwendungen für Marketing habe man gar um 30 Prozent gekürzt.

Auf Nachfrage schloss Buchholz in einzelnen Fällen auch Kurzarbeit nicht aus. Einen allgemeinen Investitionsstopp solle es jedoch nicht geben - auch nicht für Projekte und Objekte, die bisher Verluste schreiben. Zahlen zu möglichen Stellenstreichungen sowie einen Zeitplan für mögliche Maßnahmen nannte Buchholz laut Teilnehmern der Versammlung nicht. Dafür habe der CEO das Angebot für einen „Sozialpakt" erneuert, also für eine Übereinkunft zwischen Verlagsführung und Betriebsrat, wonach die Mitarbeiter zeitlich begrenzt auf Leistungen (etwa Weihnachtsgeld, Urlaubstage) verzichten und währenddessen im Gegenzug eine Beschäftigungsgarantie erhalten. Vor Wochen hatte es bereits erste Sozialpakt-Sondierungen gegeben - aber offensichtlich ergebnislos.

Der Quartalsverlust (Basis: Net Profit) ist insofern bemerkenswert, als G+J-Auslandsvorstand Torsten-Jörn Klein Anfang Mai bei einem Verlegerkongress in London laut einer Reuters-Meldung für dieses Jahr ein Betriebsergebnis (Operating Profit) von 200 Millionen Euro prognostizierte (2008: 225 Millionen). Nimmt man diese Prognose ernst und schreibt den Net-Profit-Verlust des 1. Quartals aufs Gesamtjahr fort, so könnte das unter anderem zu dem Schluss führen: G+J rechnet in diesem Jahr mit außerordentlich hohen Sonderaufwendungen, etwa Firmenwertabschreibungen, Abfindungszahlungen und weiteren „Restrukturierungskosten".

Zudem hatte Klein laut Reuters für 2009 einen Umsatzrückgang von 8 bis 10 Prozent prognostiziert (Umsatz 2008: 2,77 Milliarden Euro) - vor allem wegen einbrechender Werbeerlöse. Angesichts dessen steht vor allem die Anzeigenvermarktung im Fokus der Controller und Geschäftsführer, die nach HORIZONT.NET-Informationen aus Verlagskreisen derzeit in mehreren Arbeitsgruppen alternative Organisationsmodelle durchrechnen.

Ein wahrscheinliches Szenario ist, auch den bisher dezentral aufgestellten Innendienst unter dem Dach des Vermarkters G+J Media Sales (Geschäftsführer: Stan Sugarman) zu zentralisieren. Anders als bei den übrigen Großverlagen, bei denen die Umsatzverantwortlichen an den Vermarktungschef berichten, unterstehen bei Gruner + Jahr die Ebenen der Verlags-, Gesamtanzeigen- und Anzeigenleiter samt Stäben den Verlagsgeschäftsführern. Allein Außendienst, Disposition, Verkaufsvorbereitung, Marketing und Services sind bei G+J Media Sales zentralisiert. Hierdurch hatte der Verlag im vergangenen Jahr 6 Millionen Euro eingespart. rp
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