G+J bleibt bei Bernd: Buchholz folgt Kundrun als CEO

Montag, 05. Januar 2009
Bernd Buchholz
Bernd Buchholz

Europas größter Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr (G+J) hat einen neuen Vorstandsvorsitzenden gefunden: Bernd Buchholz. Die G+J-Gesellschafter - der Gütersloher Medienkonzern Bertelsmann (74,9 Prozent) und die Hamburger Verlegerfamilie Jahr (25,1 Prozent) - haben sich auf den 47-jährigen bisherigen G+J-Deutschlandchef geeinigt; er tritt sein Amt wohl schon in den nächsten Tagen an. Dies erfuhr HORIZONT.NET aus gewöhnlich sehr verlässlichen Quellen. Spekuliert wird nun, dass Ingrid Haas, Geschäftsführerin G+J Wirtschaftsmedien, als Nachfolgerin für Buchholz in den Vorstand hochrücken könnte. Ein G+J-Sprecher wollte die Informationen nicht kommentieren, ein Bertelsmann-Sprecher wollte zu „Personalspekulationen keine Stellung nehmen". Burkhard Schmidt, der Geschäftsführer der Jahr-Holding, war nicht zu erreichen. Damit haben sich die G+J-Gesellschafter erwartungsgemäß sehr schnell, binnen zehn Tagen, auf einen Nachfolger für Bernd Kundrun, 51, einigen können. Kundruns Abgang hatte sich, nach einer Eskalation von Unstimmigkeiten mit Bertelsmann-CEO Hartmut Ostrowski, in den Tagen vor Weihnachten abgezeichnet.

Bernd Buchholz

Als Vorstandsmitglied und Leiter G+J Deutschland war Bernd Buchholz seit Januar 2004 für das Zeitschriftengeschäft und die damit verbundenen Online-Aktivitäten hierzulande verantwortlich. Der promovierte Jurist war von 1992 bis 1996 Mitglied des Schleswig-Holsteinischen Landtags und Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Landtagsfraktion; dort machte er sich als Mitglied im Barschel-Untersuchungsausschuss einen Namen. Zuvor war er bis 1989 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Umweltschutz-, Wirtschafts- und Steuerstrafrecht an der Universität Kiel. 1996 kam Buchholz als Vorstandsassistent zu Gruner + Jahr. 1998/1999 war er Geschäftsführer der damals verlagseigenen „Hamburger Morgenpost". Ab Juli 2000 verantwortete er als Verlagsgeschäftsführer die G+J-Flaggschiffe „Stern" und „Geo". Buchholz (Jahrgang 1961) ist verheiratet und hat zwei Kinder.


Dass die Nachfolgerwahl auf Buchholz fällt, darf als Indiz dafür gelesen werden, dass Bertelsmann seine Verlagstochter G+J mitnichten an die kurze Leine nehmen will, wie zuletzt vereinzelt spekuliert wurde. Denn der promovierte Jurist gilt als entscheidungs- und meinungsfreudig, selbstbewusst, durchsetzungsstark und eloquent - als „eigene Type", wie ein langjähriger Mitarbeiter sagt. Wie er zuletzt beim angekündigten Radikalumbau der G+J-Wirtschaftsmedien gezeigt hat, scheut sich Buchholz auch nicht, bei schmerzhaften und unpopulären Entscheidungen den Kopf hinzuhalten. Zugleich kann man ihm, im Kontrast zu anderen hochrangigen Führungskräften auch in der Medienwirtschaft, keine übertriebene Distanz im Umgang mit Mitarbeitern nachsagen.

Nicht zuletzt spricht für Buchholz, dass er das Zeitschriften-Kerngeschäft von G+J bestens kennt und dem Verlag somit weder ein Führungsvakuum noch ein weiterer gravierender Führungsumbau droht. Mit der Berufung Buchholz' signalisieren die Gesellschafter ihren Wunsch nach Kontinuität in sowieso schon turbulenten Zeiten.

Auf der anderen Seite wird Buchholz' Art bisweilen als hemdsärmelig und als nicht frei von Eitelkeit empfunden; seine Rhetorik kommt bei manchen Mitarbeitern und Geschäftspartnern als undiplomatisch und polarisierend an. Immerhin ist er dann aber auch fähig, sich für allzu flapsige Bemerkungen öffentlich zu entschuldigen, etwa für seine G+J-intern als Affront empfundene Bemerkung, „die Leute auf dem Sonnendeck" müssten nun, in der Krise, mal ihre „Liegestühle und Drinks" beiseite stellen. Im Interview mit HORIZONT sagte Buchholz dazu: „Ich habe auf jeden Fall nicht gesagt, dass sich G+J-Mitarbeiter auf dem Sonnendeck ausruhen! Doch wenn ich gewusst hätte, in welchen unglücklichen Zusammenhang meine Worte gezogen werden, dann hätte ich dieses Bild sicher nicht verwendet. Wenn ich damit Kollegen verletzt haben sollte, dann tut mir das leid."

Bei Zeitschriftenneugründungen agierte Buchholz zuletzt allerdings eher glücklos, was im Fall von „Park Avenue" jetzt mit der Einstellung des Titels endete. In seine Amtszeit fallen zudem die Neugründungen „Healthy Living", „Emotion", „Ebay-Magazin", „Dogs" und „View". Bis auf das Nischenmagazin „Dogs", das auf einer Mitarbeiteridee beruht, gelten die übrigen Buchholz-Magazine bisher nicht als ökonomische Himmelsstürmer - was in diesen Zeiten vielleicht aber auch kaum erwartet werden kann. Allerdings gibt es bei anderen Verlagen durchaus Beispiele für richtig erfolgreiche neue Publikumsmagazine, etwa „In" vom Klambt-Verlag - an dem Titel hat sich G+J daher im vergangenen Jahr mehrheitlich beteiligt -, „Intouch" von Bauer und „Landlust" vom kleinen Münsteraner Landwirtschafts-Verlag.

Mit dem Deutschland-Geschäft verantwortete Buchholz zuletzt (2007) einen Umsatz von 1,3 Milliarden Euro, das sind 46 Prozent der gesamten G+J-Erlöse (2,8 Milliarden Euro). Schätzungen zufolge lag die Umsatzrendite in Buchholz' Bereich 2007 bei rund 13 Prozent, das entspricht einem Betriebsergebnis (Operating Ebit) von rund 170 Millionen Euro. G+J insgesamt erzielte 2007 - vor allem aufgrund des defizitären Druckgeschäfts - nur eine Rendite von 9,3 Prozent. Allerdings hat Buchholz seine Gewinnerwartungen fürs Deutschlandgeschäft zuletzt zurückgeschraubt: „Aufgrund der gesamtwirtschaftlichen Situation haben wir die Renditeziele in unserer Langfristplanung für die kommenden Jahre deutlich gesenkt", sagte der G+J-Vorstand Ende November im HORIZONT-Interview.

Dies dürfte zugleich fürs gesamte G+J-Geschäft gelten. Möglicherweise liegt hier - und in unterschiedlichen Auffassungen über die Gegenstrategie - ein Grund für den offenkundigen Streit zwischen Vorgänger Kundrun und Bertelsmann-Chef Ostrowski. Verlagskreisen zufolge hatte sich Kundrun intern immer deutlicher darüber beklagt, dass die G+J-Gewinnabführung nach Gütersloh keine Spielräume mehr für notwendige Investitionen in Hamburg lasse. Diese Lesart - die prioritäre Tilgung der Bertelsmann-Finanzschulden (rund 7,6 Milliarden Euro zum 30.9.2008) nach dem von der Eignerfamilie Mohn erzwungenen Rückkauf des 25,1-prozentigen Aktienanteils vom ungeliebten Miteigner GBL gefährde die Zukunft von G+J - wird in Bertelsmann-Kreisen als Teil der Legendenbildung Kundruns verbucht. In Gütersloh verweist man dagegen auf das seit längerem stagnierende Kerngeschäft der Hamburger. Und auf den als Vertrauensbruch empfundenen Job-Flirt Kundruns mit dem konkurrierenden TV-Konzern Pro Sieben Sat 1, den auch die Jahr-Familie nicht goutierte.

So endete Kundruns fast 25-jährige Bertelsmann-Karriere nach Ungeschicklichkeiten, Stillosigkeiten und Indiskretionen wohl beider Seiten im finalen Affront, als Kundrun kurz vor Weihnachten sein Bertelsmann-Vorstandsmandat zurückgab. Spätestens seitdem galt auch sein Abgang als G+J-Chef als sicher. rp
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