G+J: Was Julia Jäkel bei den Wirtschaftsmedien so alles "erwägt"

Dienstag, 13. November 2012
Auf Julia Jäkel warten schwere Entscheidungen
Auf Julia Jäkel warten schwere Entscheidungen


Zunächst eine Runde Mathe: Gruner + Jahrs dauerdefizitäre Wirtschaftsmedien, über deren Zukunft immer wieder und gerade mehr denn je spekuliert wird, bestehen aus vier großen Titeln - „Financial Times Deutschland" („FTD"), „Capital", „Börse Online" und „Impulse" („Business Punk" und die Corporate-Publishing-Sparte Facts & Figures sollen hier mal außen vor bleiben). Wenn man nun für jeden der vier Titel einzeln die Ereignisse „einstampfen" und „fortführen" annimmt, dann gibt es 16 unterschiedliche Szenarien. Wer nun noch den Fall „fortführen" unterteilt in „Print" vs. „nur noch digital", erhält schon 64 Varianten. Und wenn man dann noch bei der „FTD" nach den fünf Erscheinungstagen differenziert, kommt man schnell auf tausende Szenarien (Freunde der Statistik - bitte mal selber ausrechnen).
Vorab: Nein, bisher ist in den interessierten Beobachtermedien noch nicht über jedes der möglichen Szenarien spekuliert worden. Aber immerhin, man nähert sich an. Ein kurzer, unvollständiger chronologischer Rückblick seit Sommer 2012:

HORIZONT, 2. August: Wegen des Imageverlustes, horrender Restrukturierungskosten und wegfallender Deckungsbeiträge für G+J-Gemeinkostenstellen sei es wenig zielführend, die gesamte Sparte abzuwickeln. Und gegen das Szenario einer baldigen rein digitalen „FTD" spräche die mögliche Gefährdung von Vertriebs- und Werbeerlösen, falls bestehende Preisniveaus so nicht gehalten werden könnten. Andererseits: Gäbe es überhaupt noch nennenswerte Werbeerlöse? Und: Die Zukunft der Nutzung von (Wirtschafts-)Medien sei digital, und die Leserschaft der „FTD" jünger als anderswo. Wo, wenn nicht bei der „FTD", könne G+J besser das Experiment der digitalen Transformation wagen?

„Newsroom.de", 28. August: G+J halte an der werktäglichen Erscheinungsweise der „FTD" fest, allerdings bald nur noch mit zwei statt vier Büchern (bis auf Freitags) - was sich so bis heute nicht bewahrheitet hat. Originell klingt dann die Fußnote unter der Meldung: „Bei Bertelsmann und bei G+J passiert unheimlich viel. Sie haben Informationen, Tipps, Themen? Ihre Einschätzungen - natürlich auch vertraulich - bitte per Mail direkt an ..." Ja, auch so kommt man sicher an maximal verlässliche, objektive und interessenslose Informanten.

„Kontakter", 22. Oktober: Die „FTD" solle als Tageszeitung weiter bestehen, auch „Capital" dürfe weiter existieren. Nur „Impulse" und „Börse Online" müssten um ihre Existenz bangen.

„Spiegel", 12. November: Die vier Titel sollen entweder dichtgemacht werden. Oder, wohl unwahrscheinlicher: Die „FTD" solle „fürs Erste" weiter bestehen, allerdings dünner als bisher und nur noch zweimal pro Woche auf Papier, ansonsten digital für Abonnenten.

„FAZ", 12. November: „Die Tendenz geht Richtung Schließung" der gesamten Sparte, zitiert die Zeitung einen Verlagsmanager. Allerdings gebe es auch ein Alternativkonzept, wonach die drei Magazine fortbestehen und die „FTD" unter der Woche dünner erscheinen solle - und freitags mit einer dicken Ausgabe. Zugleich solle der Web-Auftritt deutlich verstärkt werden.

„Kontakter", 12. November: G+J erwäge, die „FTD" (vielleicht digital und nur noch zum Wochenende auf Papier) und „Capital" zu erhalten. „Börse Online" und „Impulse" sollen dafür verkauft werden. Oder sonst nur noch digital verbreitet werden.

Was denn nun? Die neue G+J-Deutschland-Vorstandsfrau Julia Jäkel hat sich wohl noch nicht final entschieden. Und sie hat wohl auch noch nicht entschieden, ob sie überhaupt schon jetzt entscheiden will - oder ob sie diese Frage bis Frühjahr aufschieben möchte, um die diversen Modelle nochmals genau durchzurechnen. Wenn sie jedoch noch in diesem Jahr entscheiden will - wofür einiges spricht, weil die aktuelle Hängepartie, glaubt man den Sales-Leuten, die Titel im Anzeigenmarkt für 2013 quasi unverkäuflich macht -, dann dürfte das in dieser oder spätestens Anfang kommender Woche geschehen. Denn am 21. November tagt der G+J-Aufsichtsrat, und der müsste Entscheidungen von Tragweite absegnen.

Wie auch immer: Man möchte in diesen Tagen nicht in Jäkels Haut stecken. Und noch viel weniger in der Haut der rund 350 redaktionellen (250 Vollzeitstellen) und knapp 100 Vermarktungs-, Vertriebs- und sonstigen Mitarbeiter der G+J Wirtschaftsmedien. rp

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