G+J: Warum Vermarktungschef Stan Sugarman auch noch das Digitalgeschäft übernimmt

Mittwoch, 19. September 2012
Gruner + Jahr macht Stan Sugarman zum Digitalchef
Gruner + Jahr macht Stan Sugarman zum Digitalchef

Wenn die Halbwertzeit von Reorganisationen immer kürzer wird, dann kann das zwei Gründe haben: Entweder der Markt ändert sich so dermaßen rasant - oder es geht im Unternehmen drunter und drüber. Im Falle von Gruner + Jahrs Digitalgeschäft gilt wohl eher Letzteres. Denn vor gut einem Jahr wurde eben dieses ein bisschen zentralisiert. Dann, vor gerade einmal drei Wochen, hat der Verlag sein Digitalgeschäft noch ein bisschen mehr gebündelt und Axel Wüstmann hier zum starken Mann gemacht. Jetzt zentralisiert G+J das Business noch mehr - und macht, wie vermutet, Stan Sugarman zum Digitalchef. Was ist da los? Einfache Antwort: ein Vorstandswechsel vor zwei Wochen. Bekanntlich hat der bisherige CEO Bernd Buchholz, der die Wüstmann-Konstruktion verantwortet hat, das Haus verlassen - und Julia Jäkel ist in den Vorstand aufgerückt, mit Verantwortung fürs Deutschland-Geschäft. Und sie hat als eine ihrer ersten Amtshandlungen entschieden, das Digitalgeschäft noch weiter zu zentralisieren und enger mit der Vermarktung zu verzahnen. G+J hinkt im Online-Business anderen Verlagen hinterher, aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Stichwort Verzahnung: Stan Sugarman, der neue „Chief Digital Officer", bleibt zugleich Deutschland-Vermarktungschef von Europas größtem Zeitschriftenverlag. In seiner neuen Zusatzposition verantwortet der 44-Jährige nun aber auch alle digitalen G+J-Aktivitäten im Lande, inklusive der bisher selbstständig in den Verlagsgruppen agierenden zugekauften E-Commerce- (XX-Well) und Community-Portale (Chefkoch, Urbia), des Entwicklungsprojektes „House of Content", bei dem es um die synergiegetriebene Produktion und Mehrfachverwertung von Inhalten geht, und, drittens, der erst vor drei Wochen gegründeten Firma G+J Digital GmbH.

Deren Chef Axel Wüstmann gibt die Geschäftsführung gleich wieder ab, und zwar an Oliver von Wersch, bisher und weiterhin operativ verantwortlich für die digitale Werbevermarktung. Felix Menden bleibt Co-Chef der Digitalfirma. Wüstmann, bisher übergeordnet im Hauptjob Geschäftsführer Operations und damit für IT, Verwaltung und Einkauf des Verlags zuständig, soll „anderweitige Führungsaufgaben" bei G+J übernehmen, heißt es. Die Sparte Operations wird wieder dem Bereich des Finanzvorstands Achim Twardy zugeordnet (zuletzt: Buchholz).

Sugarmans Stellvertreter bleiben Bärbel Wernekke (Sales-Innendienst) und Arne Wolter, bisher und weiterhin verantwortlich für das digitale (G+J EMS und Ligatus) und internationale Vermarktungsgeschäft - und künftig nun auch für alle digitalen Aktivitäten. Ausnahme sind die erwähnte Digital GmbH und das Projekt „House of Content", das weiterhin Marc Johanssen leiten wird - allerdings nun eben unter der Ägide von Sugarman und damit im Vorstand von Jäkel statt dort bisher von Twardy und seinem Unternehmensentwicklungschef Thomas Henkel.
Bitte umblättern: Was der Umbau für G+J und Sugarman bedeutet.

Mit dem Umbau verdoppelt Sugarman seine Personalverantwortung von 300 (Vermarktungs-) Mitarbeitern bei G+J Media Sales auf nun etwa 600 Personen. 350 von ihnen arbeiten im Digitalen, davon 250 in der Vermarktung und bei den akquirierten Portalen sowie 100 in der Digital GmbH. Oberster Werbeverkäufer will Sugarman bleiben - wenn auch mit weniger Kundenterminen als die bisherigen rund 140 pro Jahr. Durch seine neue Doppelfunktion als Vermarktungs- und Digitalchef erhofft sich G+J schneller höhere Online-Werbeerlöse.

Und zwar dadurch, dass Sugarman nun die technologische Strategie, Ausstattung und Umsetzung der Websites, Apps und künftigen digitalen Produkte aller G+J-Marken (nur nicht deren redaktionelle Inhalte) bestimmen kann - eben mit Blick auf die Vermarktbarkeit. Web-Werbung spielt 90 Prozent aller G+J-Digitalerlöse ein und wiederum gut ein Fünftel aller G+J-Werbeerlöse. Sugarman legt aber Wert auf die Feststellung, dass er die Abhängigkeit vom Werbegeschäft eher verringern will, und zwar durch den Ausbau von Erlösmodellen wie Paid Content (etwa durch das Projekt „House of Content") und E-Commerce.

Der Umbau bedeutet: Künftig sind nicht mehr fünf Geschäftsführer - Sugarman (Vermarktung), Wüstmann (Digital GmbH), Jäkel (Verlagsgruppe Life mit „Brigitte", „Gala", „Essen & Trinken", XX-Well, Chefkoch), Thomas Lindner (Verlagsgruppe Agenda mit „Stern", „Geo", „Eltern", Urbia) und Ingrid Haas (Wirtschaftsmedien mit „FTD") - irgendwie auch fürs Digitalgeschäft zuständig, sondern nur noch einer: Sugarman.

Er bringe „neben seiner Vermarktungskompetenz über 20 Jahre IT- und Digital-Erfahrung mit", kenne das Haus, seine Marken und Zielgruppen und verfüge über ein „umfassendes internationales Netzwerk mit besten Kontakten zu allen relevanten Technologieanbietern und Internet-Companies" für die Weiterentwicklung der Digitalaktivitäten von G+J Deutschland, lobt Jäkel und bekräftigt: „Die dafür notwendigen Investitionsmittel für den Aufbau notwendiger Ressourcen, Technik sowie gezielte Akquisitionen stehen uns zur Verfügung."

Und der Umbau bedeutet auch, dass die einst so mächtigen Verlagsgruppen, seit Ende 2008 ohnehin von fünf auf nunmehr drei geschrumpft, erneut Einfluss abgeben. Schon 2006 wurde der Vertrieb zentralisiert, dann die operative Vermarktung und zuletzt, Ende 2009, auch die Verantwortung für die Werbeerlöse. Und nun auch noch das Digitalgeschäft. Auf diese Weise werden die Verantwortlichen in den drei Markengruppen immer mehr zu Objektmanagern in einer Matrix mit starken Zentralfunktionen. Daher darf spekuliert werden, ob und wann Neu-Vorstand Jäkel auch die verblieben drei Verlagsgruppen auflöst und das Portfolio vielleicht nach dem Vorbild der neuen Parenting GmbH (Eltern.de, Urbia.de) nach Zielgruppen sortiert. rp
Meist gelesen
stats