G+J: Spekulationen und Schlammschlacht um das Ende der Ära Kundrun

Montag, 29. Dezember 2008
Für Bernd Kundrun wird bereits ein Nachfolger gesucht
Für Bernd Kundrun wird bereits ein Nachfolger gesucht

Schöne Bescherung: Europas größter Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr muss möglicherweise gleich zu Beginn des prognostizierten Medienkrisen-Jahres 2009 zusätzlich einen abrupten und überaus disharmonischen Führungswechsel verkraften. Denn Bernd Kundrun, seit November 2000 Vorstandschef bei G+J, wird wohl im Januar nicht mehr an seinen Schreibtisch am Hamburger Baumwall zurückkehren. Dies prognostizieren zumindest zahlreiche - auch G+J-interne - Verlagsbeobachter. Zu tief, zu schrill und zu öffentlich erscheint mittlerweile das Zerwürfnis zwischen Kundrun und der G+J-Muttergesellschaft Bertelsmann (74,9 Prozent) und deren CEO Hartmut Ostrowski, als dass eine weitere Zusammenarbeit wahrscheinlich wäre. Außerdem soll Kundrun, 51, das Vertrauen der Hamburger Verlegerfamilie Jahr (25,1 Prozent) verloren haben, ohne die bei G+J gar nichts geht.

Kundrun contra Ostrowski: Jahreschronik einer Eskalation

Kundrun contra Ostrowski: Jahreschronik einer Eskalation
23. Dezember 2008: Am Abend legt Kundrun sein Mandat als Mitglied des Bertelsmann-Vorstands mit sofortiger Wirkung nieder. HORIZONT.NET bringt die Meldung, die einschlägt wie eine Bombe, zuerst; Focus Online und andere ziehen nach: Demnach hatte Kundrun in den vergangenen Wochen bei Bertelsmann-Boss Ostrowski erneut darauf gedrängt, mehr Geld für Investitionen bei G+J bereitzustellen. Wie der Konflikt zwischen Kundrun und Ostrowski derart eskalieren konnte, zeigt HORIZONT.NET in einer umfangreichen Chronik.

Laut übereinstimmenden Medienberichten suchen die G+J-Gesellschafter bereits nach einem Nachfolger für Kundrun. Als mögliche interne Kandidaten werden seine Vorstandskollegen Bernd Buchholz (Leiter G+J Deutschland) und Torsten-Jörn Klein (Leiter G+J International) angeführt. Die „SZ" nennt zudem Achim Twardy (CFO). Das „Handelsblatt" wirft auch Axel-Springer-Zeitschriftenvorstand Andreas Wiele ins Rennen.

Für Buchholz, 47, spricht, dass er sich nicht scheut, für unpopuläre Maßnahmen den Kopf hinzuhalten. Gegen ihn sprechen seine Glücklosigkeit bei den jüngsten Zeitschriftenneugründungen sowie seine bisweilen als undiplomatisch und polarisierend empfundene Rhetorik. Für Klein, 44, sprechen sein Bertelsmann-Stallgeruch (seit 1990) und seine Erfolge im Auslandsgeschäft, das rund 36 Prozent der G+J-Umsätze generiert; nicht darin enthalten ist das Frankreich-Geschäft (18 Prozent), das Vorstand Fabrice Boé verantwortet. Gegen Klein spricht seine mangelnde Erfahrung im G+J-Kerngeschäft Zeitschriften im größten Einzelmarkt Deutschland, wo der Verlag immer noch 46 Prozent seiner Umsätze erzielt.

Dem Vernehmen nach fahnden die G+J-Gesellschafter auch nach externen CEO-Kandidaten - in diesem Fall dürfte sich der Führungswechsel jedoch deutlich länger hinziehen. Kundrun, dessen Vertrag bis Mitte 2010 läuft, dürfte es angesichts seiner bevorstehenden Demission nur noch um die Höhe seiner Abfindung gehen. Manager-Magazin.de rechnet mit einer Summe im mittleren einstelligen Millionenbereich. Kundruns Karriere bei Bertelsmann begann vor knapp 25 Jahren beim Buchclub des Konzerns - und endete vor wenigen Tagen im Affront, als er kurz vor Weihnachten sein Bertelsmann-Vorstandsmandat zurückgab. Vorausgegangen waren monatelange Unstimmigkeiten, Ungeschicklichkeiten und Indiskretionen auf den Berichtswegen zwischen Kundrun in Hamburg und dem neuen Bertelsmann-CEO Ostrowski in Gütersloh. rp

Kundrun contra Ostrowski: Jahreschronik einer Eskalation
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