G+J: Die Zukunft der Verlagsgruppen - wenn Volker Breid zur Motor Presse Stuttgart geht

Freitag, 21. Oktober 2011
Auf dem Sprung: Volker Breid
Auf dem Sprung: Volker Breid

Normalerweise wäre das kein Grund für Spekulationen und Szenarien: Friedrich Wehrle, Geschäftsführer des G+J-Tochterverlags Motor Presse Stuttgart, feiert Ende Februar 2012 seinen 60. Geburtstag, erreicht damit die im Bertelsmann-Konzern für Führungskräfte übliche Altersgrenze - und wird das Unternehmen deshalb dann verlassen. Das haben die Stuttgarter mittlerweile bestätigt; ein Sprecher weist aber darauf hin, dass der genaue Zeitpunkt noch nicht feststehe. Ab März 2012 oder etwas später wird es also einen neuen Chef bei der Motor Presse Stuttgart geben, und man darf annehmen, dass der Nachfolger längst gefunden ist. Bei G+J hört man hier seit einiger Zeit nur noch einen Namen: Volker Breid, Verlagsgeschäftsführer Frauen/Familie/People. Breid und G+J wollen sich dazu nicht äußern.

Wäre dieser Wechsel plausibel? Zwar verbreitet der Stuttgarter Special-Interest-Verlag auf den ersten Blick weniger Society-Glanz als das Hamburger Frauen-Portfolio um „Brigitte", „Gala" und „Grazia" - doch für einen diesbezüglich eher uneitlen Manager dürften andere Dinge zählen: Motor Presse Stuttgart ist ein eigener Bereich, mit eigenen Gesellschaftern (G+J: 59,9 Prozent; Gründerfamilien Pietsch und Dietrich-Troeltsch: 40,1 Prozent), weltweit rund 1500 Mitarbeitern und 140 Magazinen, einem Umsatz von 280 Millionen Euro und einem eigenen Auslandsgeschäft (Umsatzanteil: 45 Prozent).

Es wäre ein Karriereschritt für Breid, 49. Dem „stillen Star bei G+J" (HORIZONT, 2010) und Dienstältesten unter den Verlagsgeschäftsführern sind Vorstandsehren bisher verwehrt geblieben, obwohl er als einer der fähigsten Manager gilt. Für G+J wäre es also eine smarte Möglichkeit, ihn weiter ans Haus zu binden. Und dass vier Monate vor dem sich lange ankündigenden Wehrle-Abgang (so ein 60. Geburtstag kommt kaum überraschend) noch kein Nachfolger in Stuttgart verkündet ist, spricht nicht gegen die Breid-These. Im Gegenteil: Es spricht eher dafür, dass wichtige Anschlussfragen in Hamburg noch ungeklärt sind. Denn dort kursieren vier Szenarien. Bitte umblättern.

Szenario 1

Die Verlagsgruppe Frauen/Familie/People erhält einen neuen Geschäftsführer, als Nachfolger von Breid. Dafür spricht, dass der Markt der Frauenzeitschriften dicht besetzt und hoch komplex ist (Breid, 2008: „Junge Frauen sind nicht medientreu"); auch „Brigitte" und „Gala" stehen unter großem Auflagendruck. Diese Situation erfordert einen Geschäftsführer, der sich wie Breid voll und ganz - und ausschließlich - um sein Portfolio kümmert. Zudem legt diese einfache Nachfolgelösung keinen Unruhe stiftenden weiteren Umbau nahe, siehe Szenario 3 und 4. Und was spricht dagegen? Siehe die Vorteile der Szenarien 2 und 3. Und die könnten überwiegen.

Mögliche Nachfolgerin von Breid: Julia Jäkel
Mögliche Nachfolgerin von Breid: Julia Jäkel

Szenario 2

Breids Posten wird nicht nachbesetzt, sein Portfolio wird wegen der größten Überschneidungen bei Leser- und Werbezielgruppen der Verlagsgruppe Exclusive & Living („Essen & Trinken", „Schöner Wohnen") unter Geschäftsführerin Julia Jäkel zugeschlagen. Die Vorteile: Man könnte unter einem Dach besser über Synergien nachdenken, Stichwort Food-Redaktion, denn auch „Brigitte" hat Rezeptseiten. Und gegenseitige Begehrlichkeiten bei hochwertigen monatlichen Frauenmagazinen - hier hat G+J gegenüber Burda, Condé Nast und MVG Nachholbedarf - würden friedvoll geschluckt: Man denke über Dinge nach auch im Bereich gehobener Frauenzielgruppen, sagte Jäkel etwa 2009 im HORIZONT-Interview. Und Breid in dieser Woche, bezogen auf seinen geplanten Launch: „Hochwertige Frauenmagazine sind in der Verlagsgruppe Frauen/Familie/People bestens aufgehoben."

Auch die „P.M."-Wissenstitel (gehören aus verlagshistorischen Gründen zur Breid-Gruppe) und „National Geographic" (gehört aus verlagshistorischen Gründen zur Jäkel-Gruppe) wären sich unter einem Gruppendach nicht völlig wesensfremd.

Mit Jäkel stünde eine gleichsam fähige wie ehrgeizige Verlagsmanagerin parat, die den klassischen Frauenmarkt bestens kennt - sie war vier Jahre Verlagsleiterin „Brigitte" -, die in ihrer Gruppe eine sehr gute Performance hinlegt und die sich möglicherweise durch die Bewältigung einer solchen Mammutaufgabe für Höheres empfehlen wollte und könnte, vielleicht irgendwann mal für einen Vorstandsposten.

Die Herausforderung: Mit einer Gruppe Frauen/Familie/People/Exclusive & Living entstünde auf einen Schlag die größte Sparte im Haus - größer als die von „Stern"/„Geo", und viel größer als die Wirtschaftsmedien. Das allein wäre egal, bisher ist die „Stern"-Gruppe die umsatzstärkste - allerdings mit deutlich weniger Titelmarken. Um die größere Vielfalt in einer wie beschrieben fusionierten Gruppe, die ja zusätzlich noch die schon jetzt Jäkel unterstehende Wachstumssparte Kundenmagazine (G+J Corporate Media) umfasste, artgerecht betreuen zu können, müsste dort wohl eine zusätzliche starke Spartenleiter- oder Stellvertreter-Ebene eingezogen werden.

Ein solcher Apparat würde die bisherige Arithmetik aufbrechen - und die Frage aufwerfen, ob und wann nicht auch die beiden Sparten „Stern"/„Geo" und Wirtschaftsmedien fusioniert werden; diese Überlegung führt zu Szenario 4. Doch vorerst zu Szenario 3. Bitte umblättern.

Für welche Variante wird sich G+J-Boss Bernd Buchholz entscheiden?
Für welche Variante wird sich G+J-Boss Bernd Buchholz entscheiden?

Szenario 3:

Breids Posten wird nicht nachbesetzt, sein Portfolio wird verteilt. Die Frauen- und People-Titel sowie „Eltern" kommen in die Jäkel-Gruppe, siehe Szenario 2. Die „P.M."-Range wird in der „Stern"-Gruppe eingemeindet; dort könnte sie die „Geo"-Linie ergänzen. Eine Folgevariante könnte sein, dass Jäkel ihr bei sich artfremdes Wissensmagazin „National Geographic" abgibt - ebenfalls zu „Stern"/„Geo"/„P.M.". Und dann, noch ein Schritt weiter, G+J Corporate Media abgibt an Ingrid Haas und ihre Wirtschaftsmedien, wo es mit Facts & Figures schon eine kleine Kundenmedien-Sparte gibt. Der Vorteil einer solchen Umverteilung: weniger Größenunterschiede zwischen den Gruppen mit in sich stimmigeren Portfolios.

Die Nachteile: Erstens die komplizierten Firmenkonstrukte samt Lizenzen („National Geographic") in den Sparten. Und zweitens die Verquickung der Wirtschaftsmedien mit neuen Sparten. Zwar kämpfen sich „FTD" und Co wacker in Richtung Profitabilität - „die wirtschaftliche Perspektive stimmt", sagte CEO Bernd Buchholz jüngst im Fachblatt „Wirtschaftsjournalist". Dies beruht indes auch auf der Annahme, dass sich die Finanz-Werbemärkte wieder erholen. Und wenn es dort nie mehr so wird wie früher? „Dann hätten wir ein echtes Problem", so Buchholz 2010 im HORIZONT-Interview. In diesem Fall wären ein Verkauf oder eine Schließung der Sparte denkbar. Und das wäre komplizierter, wenn erst noch weitere Strukturen entflochten werden müssten.

Szenario 4

Breids Posten wird nicht nachbesetzt, aus den vier Verlagsgruppen werden nur noch zwei. Das klingt radikal, entspräche aber genau der Logik, nach der fast das gesamte deutsche G+J-Portfolio seit Ende 2009 vermarktet wird: Hier gibt es die News-Sparte für männliche Zielgruppen („Stern", „Geo", Wirtschaftsmedien) und die Style-Division für Frauentitel, inklusive Exclusive & Living.

Fazit

Noch ist unklar, was kommt. Vielleicht ist es noch gar nicht final entschieden. Und die Szenarien schließen sich auch keineswegs aus - man könnte sie in dieser zeitlichen Reihenfolge lesen, von kurz- (Szenario 2), mittel- (Szenario 3) bis langfristig (Szenario 4). Bei G+J will man das alles nicht kommentieren. rp

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