G+J: Am Ende einer heftigen Woche / Vertriebs- und Anzeigenerlöse leicht rückläufig

Freitag, 31. August 2012
Das G+J-Pressehaus in Hamburg
Das G+J-Pressehaus in Hamburg

Eigentlich ist ja schon alles gesagt. Über die Lage bei Gruner + Jahr, über den Noch-CEO Bernd Buchholz, über die Halbjahreszahlen, auch die der Konzernmutter Bertelsmann. Daher jetzt nur noch dies: Im Pressetext, mit dem G+J die eigenen Kennziffern am Freitagnachmittag interpretiert, wird Buchholz schon gar nicht mehr erwähnt, geschweige denn zitiert, wie sonst bei diesen Anlässen. Ein Hauch von Abschied macht sich breit, und wer am Ende dieser bewegten Woche mit G+J-Mitarbeitern spricht, der spürt eine Mischung aus Ärger, Fatalismus, Sarkasmus und Sorge. Dabei zeigen die Zahlen: G+J ist nicht akut von der Insolvenz bedroht. Manches, was da in den vergangenen Tagen geschrieben wurde, das las sich schon ein bisschen so. Nein, 85 Millionen Euro Ergebnis (positiv, nicht negativ) erwirtschaftete der Verlag im 1. Halbjahr vor Zinsen und Steuern (Operating Ebit) und eine Umsatzrendite von 7,7 Prozent. Der Umsatz blieb stabil bei 1,1 Milliarden Euro.

Ja, zweistellig ist die Rendite nicht mehr - aber das war in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten sowie eher die Ausnahme, auch beim Mutterkonzern Bertelsmann. Der Rückgang des Gewinns von 124 Millionen Euro im Vorjahres-Halbjahr auf eben nun 85 Millionen ist allerdings heftig, das sind 31 Prozent weniger. Da darf man schon von Einbruch sprechen.

G+J-Chef Bernd Buchholz
G+J-Chef Bernd Buchholz
Dafür gibt es Gründe: Zum einen hausgemachte, vielleicht ein gewisser Kosten-Schlendrian und manche Versäumnisse bei Strategie und Taktik. Zum anderen konjunkturelle (Wirtschaftskrise) und Zeitschriften-spezifische (Einbrüche im Werbegeschäft der Publikumsmagazine) Gründe. Und drittens „hohe Investitionen in die digitale Transformation der Inhalte- und Vermarktungsangebote und das weltweite digitale Forschungs- und Entwicklungsprojekt ,House of Content‘", schreibt G+J im Pressetext zum Wochenende.

Bei letzterem geht es um den Versuch, Inhalte effizient für alle Kanäle zu prodizieren, aufzubereiten und und erlösbringend mehrfach zu verwerten. „Gruner + Jahr investiert in die digitale Zukunft", lautet fast trotzig die Überschrift der Pressemeldung. Hinzu kommt die Zentralisierung aller deutschen Digitalaktivitäten in der neuen Firma G+J Digital.

Allen diesen Projekten ist gemein, dass G+J sie nicht als Asset auf die Aktivseite der Bilanz schreiben kann - anders als jene Verlage, die digitale Unternehmen akquirieren. Sondern G+J muss seine laufenden Investitionen sogleich als Kosten verbuchen, zulasten des Gewinns. Größere Akquisitionen hat Konzernmutter Bertelsmann für G+J wohl nicht (mehr) vorgesehen; auch diese Geschichte wurde in dieser Woche schon mehrfach erzählt.

Noch ein paar Detailzahlen: Die G+J-Vertriebserlöse gaben auch aufgrund der Einführung neuer Titel und Line-Extensions nur minimal nach, von 390 auf 387 Millionen Euro (minus 0,8 Prozent). Die weltweiten Werbeerlöse sanken um 2,1 Prozent, von 383 auf 375 Millionen Euro. Im strategischen Wachstumsfeld Digitalvermarktung sieht sich G+J, insbesondere durch die Internationalisierung der Performance-Vermarktungstöchter Ligatus und Adyard, als sehr erfolgreich. Hier sei der Umsatz im 1. Halbjahr um mehr als 20 Prozent gestiegen.

Das internationale Geschäft entwickelte sich weiterhin uneinheitlich, so G+J. Frankreich, Spanien und Österreich konnten das Umsatz- und Ergebnisniveau des Vorjahres aufgrund schwacher Anzeigenmärkte nicht halten. Dagegen verzeichneten die Geschäfte in Holland sowie fortgesetzt in China und Indien erneut deutliches Wachstum,  meldet der Verlag. rp
Meist gelesen
stats