"Frau Himmelreich ist auch anwesend": "Stern"-Journalistin wird auf FDP-Parteitag bloßgestellt

Montag, 11. März 2013
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In der FDP hat man der "Stern"-Redakteurin Laura Himmelreich ihre Sexismus-Vorwürfe gegen Rainer Brüderle offenbar immer noch nicht verziehen: Als die Liberalen am Wochenende in Berlin ihren Bundesparteitag begingen, machte der schleswig-holsteinische Fraktionschef Wolfgang Kubicki auf Himmelreichs Anwesenheit im Saal aufmerksam - und entfachte ein Pfeifkonzert. Laura Himmelreich wird sich nach ihrem "Stern"-Artikel "Der Herrenwitz", in dem sie den FDP-Politiker Rainer Brüderle des Sexismus bezichtigte, ein dickes Fell zugelegt haben. Gezwungenermaßen, muss man sagen. Denn so viel Zustimmung sie auch erhielt - man denke nur an die folgende #Aufschrei-Bewegung auf Twitter - so heftig waren teilweise die Reaktionen aus der FDP. Mitglieder der Partei witterten eine Kampagne, Bundesminister Dirk Niebel sagte sogar ein länger anberaumtes Interview mit Himmelreich kurzfristig ab. Sicher nicht ganz einfach für die 29-Jährige, die für den "Stern" regelmäßig über die FDP berichtet.

Aber was muss das erst für ein Gefühl für die Journalistin am vergangenen Wochenende in Berlin gewesen sein? Als der schleswig-holsteinische FDP-Chef Wolfgang Kubicki sich vor den Delegierten als Kandidat für das FDP-Präsidium bewarb, stellte er die Journalistin vor den gut 600 Gästen öffentlich bloß. In seiner Rede, die auf dem Youtube-Kanal der FDP abrufbar ist, beschwor Kubicki die Stärken der liberalen Partei und wagte einige Seitenhiebe auf den Kanzlerkandidaten der SPD, Peer Steinbrück. Die Liberalen, so Kubicki, müssten vor der SPD keine Angst haben, man könne sie bekämpfen und schlagen - "argumentativ natürlich, nicht physisch", wie Kubicki eilig klarstellte und, als einige Lacher im Saal laut werden, noch ergänzte: "Man muss ja vorsichtig sein in seiner Wortwahl, wird ja sofort aufgeschrieben. Wie ich sehe, ist Frau Himmelreich auch anwesend." Sofort regte sich Jubel, Menschen klatschten in die Hände, einige buhten und pfiffen. Kubicki, der die Reaktionen mit einem genüsslichen Schluck aus seinem Wasserglas quittierte, warf anschließend noch in die Runde, der Applaus habe ja hoffentlich ihm gegolten "und nicht ihr". Die so Gescholtene verfolgte Kubickis Rede von ihrem Presseplatz aus - lächelnd, wie "Spiegel Online" berichtet.

Nun ist Kubicki im Politzirkus durchaus als Dampfplauderer bekannt. Als Himmelreichs Artikel die Sexismus-Debatte in Gang brachte, gab der 61-Jährige gegenüber der "Bild am Sonntag" etwa zu, in der Vergangenheit oft Journalistinnen angeflirtet zu haben. Die Vorwürfe gegen seinen Parteifreund Rainer Brüderle wertete Kubicki als gezielten Versuch, diesem zu schaden. Nachsicht für Himmelreich durfte man von Kubicki also sowieso nicht erwarten - aber mit seiner öffentlichen Bloßstellung der Journalistin ist Kubicki sicher über das Ziel hinaus geschossen.

Das sieht man sogar bei der ansonsten wenig zimperlichen "Bild" so: "Das war nicht fair", titelt die Boulevardzeitung in ihrer Onlineausgabe. "N-TV" ordnet Kubickis Rede und die Reaktionen derweil als "Die Rache der FDP" ein. Himmelreich selbst äußerte sich zu Kubickis Rede bislang nicht, ihr Twitter-Account "im_Himmelreich", blieb stumm. Andere hingegen melden sich auf dem Kurznachrichtendienst zu Wort: Von "Mobbing" ist dort die Rede, Kubickis Rede wird als "sehr billig" eingestuft, die FDP als "eierkraulende Machopartei" bezeichnet. "Tja, so sieht da Gleichstellung aus. (...) The lowest of low strike again.", kommentierte #Aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek. Und Unternehmerin und Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg twitterte: "Ich hoffe bei nächsten Wahlen ist der Anteil weiblicher #fdp waehlerinnen max. 0,2%." Versehen hat sie ihren Tweet mit dem Hashtag #sexistenpartei. ire
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