"Frankfurter Rundschau" mit Mantel aus Berlin / 44 Stellen fallen weg

Freitag, 01. April 2011
Der Kahlschlag bei der altehrwürdigen "FR" geht weiter
Der Kahlschlag bei der altehrwürdigen "FR" geht weiter

Werkbank in der Hauptstadt, Kahlschlag in Hessen: Der überregionale Mantelteil der "Frankfurter Rundschau" ("FR") kommt ab Sommer komplett aus Berlin, aus einer gemeinsamen Redaktion mit der "Berliner Zeitung". Dabei fallen etwa 44 Stellen in Frankfurt weg. Dies teilten Frank Sommerfeld, Redaktionsvorstand des Zeitungshauses M. DuMont Schauberg (MDS), in dem beide Titel erscheinen, und "FR"-Geschäftsführer Karlheinz Kroke am Vormittag der Belegschaft in Frankfurt mit. Ziel ist es, die seit langem defizitäre "FR" bis 2013 in die schwarzen Zahlen zu bringen. Die Pläne im Einzelnen: Von den bisher rund 190 redaktionellen "FR"-Stellen in Frankfurt sollen 88 Festanstellungen plus etwa 20 Leiharbeitsposten wegfallen. Etwa 64 Mitarbeitern sollen im Gegenzug neue Redaktionsstellen angeboten werden, die auch durch Umbauten der Lokal- und Digitalredaktion entstehen. Unterm Strich fallen somit rund 44 Stellen weg. Der Verlag will versuchen, dieses durch Abfindungsprogramme zu erreichen - zur Not aber auch durch betriebsbedingte Kündigungen. Den Weg dahin hatte MDS in dieser Woche durch den Verweis auf eine Sonderklausel im Tarifvertrag geebnet.

Etwa 20 der "neuen" Stellen entstehen in der Hauptstadt, bei der "Berliner Zeitung". Deren Redaktion wird damit auf ungefähr 140 Stellen wachsen. Dafür muss die Mannschaft dort dann aber zwei Mäntel produzieren - eben auch den für die "FR". Und drei Chefredakteure sollen gesamtverantwortlich beide Titel leiten: Uwe Vorkötter ("Berliner Zeitung") als Primus inter Pares, Rouven Schellenberger (bisher einer der beiden "FR"-Chefs) und Brigitte Fehrle, die die MDS-Redaktionsgemeinschaft leitet. Der Autorenpool, dessen 25 Schreiber zusätzlich zu den rund 140 Berliner Stellen zu zählen sind, versorgt beide Titel sowie die beiden weiteren MDS-Abozeitungen "Kölner Stadtanzeiger" und "Mitteldeutsche Zeitung" seit April 2010 mit Beiträgen aus Politik und Wirtschaft.

Schellenberger soll in der Chefredakteursrunde die digitalen Produkte verantworten - und zwar hauptsächlich von Frankfurt aus, auch die überregionalen Inhalte für die Site und Apps der "Berliner Zeitung". Sein bisheriger "FR"-Chefredakteurskollege Joachim Frank soll Chefkorrespondent für die vier Abo-Titel von MDS werden. Die Ressortleiterstellen der großen Ressorts sollen in Berlin doppelt besetzt werden, um die Interessen und Eigenheiten der Mantelteile von "Berliner Zeitung" und "FR" besser wahren zu können.

Klingt kompliziert? Ist es wohl auch. Der Erfolg des Modells dürfte davon abhängen, ob es gelingt, aus einem Team heraus tagtäglich zwei Mantelteile zu denken und zu produzieren, die ähnlich genug sind, um gemeinsame Inhalte und Arbeitsabläufe nutzen zu können und gleichzeitig die Redaktion nicht zu überlasten. Mantelteile, die aber übers Titellogo und Format hinaus unterschiedlich genug sind, zwei unterschiedliche Zeitungen und Zielgruppen zu bedienen: Hier die „Berliner Zeitung" mit ihrem regionalen Charakter bis hin zur Seite 1, dort die „FR" mit ihrem traditionell linksliberalen Zungenschlag, ihrem überregionalen Anspruch und ihrer Verkaufsauflage zu je einem Drittel in Frankfurt, im Rhein-Main-Gebiet und im Rest der Republik. Schon jetzt allerdings stammen knapp zwei Drittel der Politik- und Wirtschaftstexte in der „FR" aus dem Pool - was das Blatt qualitativ wohl eher verbessert hat.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Verleger Alfred Neven DuMont zu der neuen Struktur sagt


Alfred Neven DuMont
Alfred Neven DuMont
Immerhin wird MDS-Verleger Alfred Neven DuMont in der Samstagsausgabe den „FR"-Lesern versprechen: „Das, was die ,Frankfurter Rundschau‘ in Ton und Meinung auszeichnet, bleibt auch unter diesen Bedingungen erhalten."

Es ist ein offenes Geheimnis in MDS-Kreisen: Angesichts der vergangenen Jahresverluste von 16,8 Millionen Euro (2008), dann 24,5 Millionen Euro (wenn auch teilweise durch Sondereffekte) in 2009 und dem Vernehmen nach 19 Millionen Euro im vergangenen Jahr haben die Gesellschafter - MDS (50 Prozent), die SPD-Medienholding DDVG (40 Prozent) und die Karl-Gerold-Stiftung (10 Prozent) - alle Optionen diskutiert. Zumal auch in den kommenden Jahren ein „strukturelles Defizit" von jährlich 10 Millionen Euro erwartet wird.

Einstellen? Nein, der Erhalt der „FR" gilt als persönliches Anliegen von Alfred Neven DuMont, der das schon damals angeschlagene Blatt 2006 mehrheitlich von der DDVG übernommen hatte. Auch wenn er jetzt schreibt, dass man nach der Übernahme „bald mehr Sorgen zu gewärtigen hatte als prognostiziert war". Oder zum Lokalblatt degradieren? Nein, dann würde die „FR" Renommee und überregionale Auflage verlieren, außerdem müsste sie dann den Abopreis senken, um mit der preiswerteren „Frankfurter Neuen Presse" konkurrieren zu können. Also jetzt die gemeinsame Mantelproduktion, vielleicht als letzter Versuch.

Unklar ist allerdings die Aktualität der Begründung für den harten Schnitt. Es heißt, die Sparziele habe man erreicht - doch die Einbrüche bei den Anzeigenumsätzen hätten erneut einen Strich durch alle Rechnungen gemacht. Doch abgesehen davon, dass sich auch der Print-Werbemarkt seit einiger Zeit ja eher wieder nach oben zu stabilisieren scheint, klang das Ende November 2010, vor gerade einmal vier Monaten, alles noch etwas anders: Damals erkannte „FR"-Geschäftsführer Kroke ein Licht am Ende des Tunnels: „Aufgrund des Personalabbaus und der strukturellen Anpassungen in der gesamten Mediengruppe konnten wir im 1. Halbjahr unerwartet hohe Kosteneffekte erzielen", sagte er gegenüber HORIZONT (Ausgabe 47/2010). Und weiter: „Seit September beobachten wir außerdem, dass der Werbemarkt - insbesondere in den Rubriken Stellen und Immobilien - wieder anspringt."

Angesichts des leichten Aufwärtstrends seien weitere harte Einschnitte bei der „FR" vorerst nicht nötig, so Kroke Ende 2010: „Es gibt derzeit keine Planung für einen Personalabbau. Das gilt für die Redaktionen genauso wie für den Verlagsbereich", dementierte er die Gerüchte, die damals der abtrünnige Verlegersohn Konstantin Neven DuMont befeuert hatte. rp

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