"Frankfurter Rundschau" macht Weg für Kündigungen frei / Neuausrichtung geplant?

Mittwoch, 30. März 2011
Die "FR" kommt nicht zur Ruhe
Die "FR" kommt nicht zur Ruhe
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Der Umbau und Rückbau der "Frankfurter Rundschau" ("FR") scheint weiterzugehen: Am Mittwoch dieser Woche haben die Gesellschafter der Traditionszeitung - M. DuMont Schauberg (50 Prozent), die SPD-Medienholding DDVG (40 Prozent) und die Karl-Gerold-Stiftung (10 Prozent) - sowie ihre Geschäftsführung den Gewerkschaftsvertretern mitgeteilt, eine Öffnungsklausel des seit 2009 geltenden Sanierungstarifvertrags nutzen zu wollen. Darüber wurden die "FR"-Beschäftigten von Gewerkschaftsseite am Mittwoch informiert. Dieses Schreiben liegt HORIZONT.NET vor. Laut der Härtefallklausel, die die "FR"-Geschäftsführung jetzt ziehen will, sind betriebsbedingte Kündigungen trotz erfolgter Verzichte der Mitarbeiter auf Jahresleistung und Urlaubsgeld möglich, wenn bestimmte Ergebnisziele nicht erreicht werden und wenn ein Stellenabbau durch freiwillige Maßnahmen oder Altersteilzeit nicht zustande kommt. Zuvor hatte die "FR"-Geschäftsführung laut Info-Schreiben der Gewerkschaften die wirtschaftliche Situation der "FR" dargestellt, auf die "negative Ertragslage" hingewiesen und erklärt, die beschriebene Öffnungsklausel nutzen zu wollen. Ausgenommen von möglichen Kündigungen sei das Druckzentrum in Neu-Isenburg.

M. DuMont Schauberg (MDS) bestätigt die Gespräche, macht zum Inhalt und zu den Plänen aber keine weiteren Angaben. Am Freitag, 1. April, will die Geschäftsführung den Betriebsrat und die betroffenen Bereiche über geplante Maßnahmen informieren. Geschäftsführer der "FR" ist Karlheinz Kroke.

Mitarbeitervertreter befürchten nun nach den bisherigen Sparrunden und Krisengesprächen einen weiteren Stellenabbau, der einem erneuten Redaktionsumbau innerhalb der MDS-Gruppe ("Berliner Zeitung", "Kölner Stadtanzeiger", "Mitteldeutsche Zeitung", Halle) oder gar einer Neuausrichtung beziehungsweise Degradierung der "FR" – Regionaltitel statt Zeitung mit überregionalem Anspruch – folgen könnte. Seit April 2010 versorgt die Berliner MDS-Redaktionsgemeinschaft unter der Leitung von Brigitte Fehrle die "FR" mit Politik- und Wirtschaftsgeschichten.

Künftig könnten noch mehr Artikel und Ressorts (nationaler Sport, Kultur) zentral produziert werden. Im Extremfall, so lauten die Befürchtungen, könnte der gesamte Mantelteil aus der Berliner Gemeinschaftsredaktion kommen und in Frankfurt nur noch die Regional- und Lokalredaktion verbleiben. Seit Tagen hält sich in Mitarbeiterkreisen das Gerücht, dass einer der beiden "FR"-Chefredakteure (Joachim Frank und Rouven Schellenberger) dann die Online-Verantwortung übernehmen solle.

Bereits die Gründung des Redaktionspools war umstritten. Ziel sollte sein, die journalistische Qualität der Blätter zu steigern. Die Gegner fürchteten jedoch, dass es zu Kündigungen kommen könnte und die Titel weniger eigenständig auftreten. MDS-Vorstand Franz Sommerfeld hatte daraufhin im Februar 2010 im Interview mit HORIZONT.NET betont, dass es nicht zu betriebsbedingten Kündigungen kommen solle und dass die politische Ausrichtung der vier Blätter erhalten bleibe.

Die "FR" gilt seit längerem als schwer angeschlagen. 2008 hatte der Titel einen Verlust von 16,8 Millionen Euro eingefahren, 2009 gar 24,5 Millionen Euro (wenn auch teilweise durch Sondereffekte). Und im vergangenen Jahr sollen es angeblich noch mal knapp 20 Millionen Euro Verlust gewesen sein. Dabei sollte die "FR" eigentlich bis Ende 2012 schwarze Zahlen schreiben – schwer vorstellbar bei diesen jüngsten Ergebnissen. Doch der Businessplan lag auch dem Tarifvertrag von 2009 zugrunde, der ebenfalls bis 2012 läuft. Weil Zwischenziele offenbar verfehlt worden sind, soll nun wohl die Sonderklausel greifen. Spekuliert wird über ein Sparziel von drei bis fünf Millionen Euro pro Jahr; das könnte etwa 30 bis 50 Mitarbeitern die Stellen kosten. hor
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