"Frankfurter Rundschau": So sehen die Überlebenschancen der Traditionszeitung aus

Mittwoch, 30. Januar 2013
Großer Andrang: "FR"-Insolvenzverwalter Schmitt informiert über den Stand der Gespräche
Großer Andrang: "FR"-Insolvenzverwalter Schmitt informiert über den Stand der Gespräche

Kurz vor Ablauf der Gnadenfrist in der Nacht von Donnerstag auf Freitag kommt endlich Bewegung in den Bieterkampf um die "Frankfurter Rundschau". Mit Estetik Yayincilik hat jetzt auch ein Medienunternehmen aus der Türkei Interesse an der Traditionszeitung angemeldet. Die Verlagsgruppe, die zwei Tageszeitungen und vier Druckereien besitzt, hat ein Angebot für die Übernahme der "Frankfurter Rundschau" und ihrer Druckerei unterbreitet. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Verleger der Tageszeitung "Sözcü" den ebenfalls interessierten Mitbewerber "FAZ" ausstechen kann, ist allerdings sehr gering.
Wie geht es weiter mit der "Frankfurter Rundschau"?
Wie geht es weiter mit der "Frankfurter Rundschau"?
Estetik Yayincilik hat dem "FR"-Insolvenzverwalter Frank Schmitt bereits am 27. Januar ein schriftliches Angebot vorgelegt. Das türkische Verlagshaus, das seine Tageszeitung "Sözcü" gern nach Deutschland bringen möchte, um die rund 3 Millionen türkischstämmigen Deutschen zu gewinnen, will die "Frankfurter Rundschau" nach eigenen Angaben "als eigenständige Tageszeitung auf ihrem Gebiet wieder wettbewerbsfähig machen". Das Unternehnen wolle der "Frankfurter Rundschau" und der Druckerei "als Einheit zum Erfolg zu verhelfen", heißt es in einer Mitteilung.

Dass mit Estetik Yayincilik ein weiterer Player in den Bieterkampf eingestiegen ist, hat bereits einiges bewirkt. So haben die Gläubiger der "FR" beschlossen, dem vorläufigen Insolvenzverwalter Frank Schmitt "zusätzliche Zeit" zu geben, "um die laufenden Verkaufsgespräche zum Abschluss zu bringen". Noch vor kurzem hieß es, die "FR" werde Ende Januar eingestellt, sollte kein Angebot vorliegen. Jetzt wird die Zeitung offenbar bis Ende Februar erscheinen.

Dass Estetik Yayincilik zum Zuge kommt, ist inzwischen allerdings eher unwahrscheinlich. Nach den Aussagen von "FR"-Insolvenzverwalter Schmitt vom heutigen Mittwoch ist das aktuell vorliegende Angebot des Unternehmens nicht annehmbar. Zum einen sei der Kaufpreis "wesentlich zu niedrig", zum anderen seien die Zahlungsmodalitäten nicht akzeptabel. Auch das vorgelegte Konzept, in dem es auch um Kosten- als Personalplanung ging, sei "in keiner Weise tragbar" gewesen. Insolvenzverwalter Schmitt bot Estetik Yayincilik allerdings weitere Verhandlungen an.

Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die "FR" wie bereits vermutet von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" übernommen wird. Schmitt bestätigte Gespräche mit einem deutschen Investor, der ernsthaftes Interesse an der Übernahme von Teilen des Unternehmens bekundet habe. Dieser wolle die "Frankfurter Rundschau" in gewohntem Umfang fortführen und die dafür notwendige Anzahl von Mitarbeitern in der Redaktion beschäftigen. HORIZONT.NET-Informationen zufolge sollen etwa 30 Redakteure ihren Job behalten. Etwa 400 Arbeitnehmer, von denen rund 250 in der Druckerei beschäftigt sind, würden damit ihren Arbeitsplatz verlieren. Ein "FAZ"-Sprecher bestätigte auf Anfrage von HORIZONT.NET, dass die Übernahme geprüft werde. Ein offizielles Angebot habe die "FAZ" aber noch nicht abgegeben.

Sollte die "Frankfurter Rundschau" tatsächlich als eigenständiger Titel überleben, ist angesichts der überschaubaren redaktionellen Ressourcen auch klar, dass Teile der Zeitung von extern kommen müssen. Dass die "FR" künftig mit dem Mantelteil der "FAZ" erscheint, gilt als nahezu ausgeschlossen, da das der traditionell linken "FR"-Leserschaft kaum zu vermitteln wäre. Damit bietet sich eine Lösung mit der "Frankfurter Neuen Presse" an. An der Tageszeitung, die in der Frankfurter Societäts-Druckerei produziert wird, ist die "FAZ" über die FAZIT-Stiftung ebenfalls beteiligt. Über die Details dürfte in den kommenden Wochen weiter verhandelt werden. Insolvenzverwalter Schmitt hält auch noch ein Scheitern für möglich. mas
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