"Frankfurter Rundschau", "FTD" und Co: Expertenumfrage zur Zukunft der Tageszeitungen

Dienstag, 20. November 2012
"FR" insolvent, "FTD" vor dem Aus: Quo vadis Tageszeitung?
"FR" insolvent, "FTD" vor dem Aus: Quo vadis Tageszeitung?


Die Insolvenz der "Frankfurter Rundschau" war für die Verlagsbranche ein Schock. Mit dem linksliberalen Traditionsblatt könnte zum ersten Mal eine überregionale Zeitung dem digitalen Medienwandel zum Opfer fallen - es wäre ein Pleite mit Symbolwirkung. Gleichzeitig verdichten sich die Anzeichen, dass die "Financial Times Deutschland" demnächst eingestellt werden könnte. Ist das drohende Aus von "FR" und "FTD" aufgrund seiner Vorgeschichte ein Sonderfall, oder doch Anzeichen einer tiefgreifenden Strukturkrise der Tageszeitungen? HORIZONT.NET hat sich bei Zeitungshäusern und Mediaagenturen umgehört. Das Positive vorweg: Die Befragten sind sich einig, dass die gedruckte Tageszeitung nach wie vor eine Existenzberechtigung hat und es auch Medienhäuser geben wird, die dem Medienwandel zum Trotz auch in Zukunft erfolgreich Printprodukte anbieten werden. Und nun kommt das Aber: Es werden wohl nur wenige sein - eine Marktbereinigung scheint unausweichlich. "Wir sehen schon seit einiger Zeit eine Konsolidierung im Markt. Die wird sich fortsetzen und auch nicht vor anderen Titeln halt machen", prognostiziert etwa Andreas Schmitt, Managing Director bei Mindshare.

Deutliche Worte kommen auch vom "Handelsblatt": "Die überregionale Tageszeitung als Modell zum Geld verdienen funktioniert nicht mehr. Wem es nicht gelingt, in der digitalen Welt Relevanz zu gewinnen und Geschäftsmodelle zu entwickeln, dessen gedruckte Tageszeitung ist dem Untergang geweiht", sagt Online-Chefredakteur Oliver Stock. dh/ire

Lesen Sie die Antworten von Oliver Stock, Andreas Schmitt, Andreas Törpel (OMD) und Marco Dörper (Zenith) ausführlich auf den kommenden Seiten.

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Oliver Stock, Chefredakteur Handelsblatt Online

Ist die Insolvenz der „FR“ Ausdruck einer Strukturkrise der Tageszeitungen oder aufgrund der besonderen Umstände ein Einzelfall?  Die überregionale Tageszeitung als Modell zum Geld verdienen funktioniert nicht mehr. Wem es nicht gelingt, in der digitalen Welt Relevanz zu gewinnen und Geschäftsmodelle zu entwickeln, dessen gedruckte Tageszeitung ist dem Untergang geweiht.

Droht in nächster Zeit weiteren Zeitungen das Aus? Könnte das Ende der „FR“ der Auftakt zu einem Zeitungssterben in Deutschland sein? Wir sind mittendrin in diesem Überlebenskampf. Aber ist das neu? Wir wissen doch längst: Die Zeitung ist nur eine Darreichngsform des Journalismus. Sie wird immer ihre Fans haben, aber es werden nicht mehr. Das macht dann nichts, wenn andere Modelle in der Lage sind, unabhängig denkende Journalisten zu ernähren und die Tageszeitung abzulösen.

Wolfgang Blau, Chefredakteur von Zeit Online, hat in einem Facebook-Eintrag von einem „inzwischen fraglichen journalistischen Konstrukt namens Tageszeitung“ gesprochen. Können Sie die Äußerungen von Blau nachvollziehen? Nein. So wie das Fernsehen nicht das Kino abgelöst hat, und so wie die Fotografie nicht die Malerei abgelöst hat, wird auch die Homepage nicht die Zeitung ablösen. Aber die Zeitung ist eben nicht mehr das wichtigste Trägermedium für Journalisten, sondern nur noch eines unter mehreren. Grund zur Verzagtheit? Nein. Wir leben in einem goldenen Zeitalter, weil sich die Möglichkeiten, Leser und Zuhörer zu erreichen, vervielfacht haben.

Wie reagieren Sie auf die Herausforderungen des digitalen Medienwandels? Da gilt die Weisheit der Radfahrer: Wer stehen bleibt, fällt um. Wir sind da, wo unsere Kunden uns brauchen. An den Orten, mit den Geräten und mit einer individualisierten Form persönlicher Information.

Wie wird die deutsche Zeitungslandschaft Ihrer Meinung nach in zehn Jahren aussehen? Eine Handvoll überregionaler Zeitung überlebt, als Teil digital aufgestellter Verlage. Die Regionalzeitungen haben es einfacher, weil sie Identifikation mit einer Region bedeuten und deswegen eine Funktion erfüllen, die das stets globale Netz nicht bietet.
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Andreas Schmitt, Managing Director Mindshare

Ist die Insolvenz der "FR" Ausdruck einer Strukturkrise der Tageszeitungen oder aufgrund der besonderen Umstände ein Einzelfall? Beides, den Tageszeitungen gelingt nicht die Wertschöpfung ihres Contents über alle Kanäle hinweg (Print, Online, Mobile), bei der FR kommt hinzu, dass sie als nationales Medium in der Bedeutungslosigkeit verschwunden ist, aber auch zunehmend die regionale Akzeptanz verloren hat.

Droht in nächster Zeit weiteren Zeitungen das Aus? Könnte das Ende der "FR" der Auftakt zu einem Zeitungssterben in Deutschland sein? Wir sehen schon seit einiger Zeit eine Konsolidierung im Markt. Die wird sich fortsetzen und auch nicht vor anderen Titeln halt machen.

Wolfgang Blau, Chefredakteur von Zeit Online, hat in einem Facebook-Eintrag von einem "inzwischen fraglichen journalistischen Konstrukt namens Tageszeitung" gesprochen. Können Sie die Äußerungen von Blau nachvollziehen? Nein, die Tageszeitung ist nach wie vor ein wichtiges Informationsmedium, das zudem Themen einordnet, in einen Kontext stellt. Gerade im letzten Punkt bieten Tageszeitungen gegenüber den digitalen Kanälen einen echten Mehrwert.

Wie sollten die Zeitungen auf die Herausforderungen des digitalen Medienwandels reagieren? Sie entwickeln nach und nach die digitalen Kanäle. Erfolgreich werden sie nur sein, wenn es zukünftig viel besser gelingt, diese auch mittels Bezahlschranke zu kapitalisieren. Das funktioniert nur über relevanten Content.

Wie wird die deutsche Zeitungslandschaft Ihrer Meinung nach in zehn Jahren aussehen?  Es wird sie allen Unkenrufen zum Trotz – auch in gedruckter Form - immer noch geben. Es werden weniger und die Druckversion wird dünner sein. Die digitale Nutzung wird deutlich zunehmen.

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Andreas Törpel, Managing Director bei Media Team OMD

Ist die Insolvenz der „FR“ Ausdruck einer Strukturkrise der Tageszeitungen oder aufgrund der besonderen Umstände ein Einzelfall? Das spezifische Problem der FR ist, dass sie sich seit Anfang der 90er Jahre mehrfach umpositioniert hat: Von der überregionalen Zeitung im Konzert der FAZ & Co., über eine regionale Tageszeitung für den Raum Frankfurt/Rhein-Main bis zum ersten Abo-Titel im Tabloid-Format und - kurz vor der Insolvenz - die den Lesern verkündete Idee, nur noch als reine Digital-Ausgabe erscheinen zu wollen. Bei der Insolvenz kommen darüber hinaus mehrere, sich bereits seit längerem im Gesamtsegment abzeichnende Effekte zum Tragen. Wir beobachten hier eine Entwicklung, bei der aller Voraussicht nach in Zukunft wenige, starke Akteure übrigbleiben werden.

Droht in nächster Zeit weiteren Zeitungen das Aus? Könnte das Ende der „FR“ der Auftakt zu einem Zeitungssterben in Deutschland sein? Wir gehen davon aus, dass es langfristig zu weiteren Marktbereinigungen bzw. Umorientierungen kommen wird. Die Lage im Printsegment ist zurzeit an vielen Fronten angespannt – siehe beispielsweise die Entscheidung des "Prinz", künftig nur noch auf das Onlineangebot zu setzen oder ähnliche Diskussionen im Bereich der Wirtschaftspresse.

Wolfgang Blau, Chefredakteur von Zeit Online, hat in einem Facebook-Eintrag von einem „inzwischen fraglichen journalistischen Konstrukt namens Tageszeitung“ gesprochen. Können Sie die Äußerungen von Blau nachvollziehen? Fakt ist, dass sich die Printhäuser etwas einfallen lassen müssen, um ihr Medium weiter relevant zu halten. In Zeiten von kostenlosen News in Echtzeit per Internet, rücken die gedruckten Zeitungen als Informationsmedium immer weiter in den Hintergrund. Die Wünsche von Konsumenten sollten für die Zukunft berücksichtigt werden. In unserer Studie „OMD media map 2015-2020“ haben wir beispielsweise mehr als 1.000 Konsumenten befragt, was sich ändern müsste, damit sie mehr Zeit mit dem Lesen von Tageszeitungen verbringen. Die Mehrheit der Befragten wünscht sich zum Beispiel eine höhere journalistische Qualität. Über 40 Prozent wären an einer Gratiszeitung interessiert – auch wenn diese mehr Werbung enthalten würde.

Wie reagieren Sie auf die Herausforderungen des digitalen Medienwandels? Als Agentur haben wir bereits frühzeitig die richtigen Weichen gestellt, um uns auf die sich ständig verändernde Medienlandschaft einzustellen. Zukunftsforschung, Trendscouting und die konsequente Investition in die Aus- und Weiterbildung unserer Mitarbeiter sind für uns selbstverständlich. Unsere Insights verdichten wir und geben sie weiter: Bereits 2007 haben wir mit der „OMD media map“ eine umfassende und auf dem Markt einzigartige Zukunftsstudie vorgelegt, die die Konsequenzen der Digitalisierung für die werbliche Kommunikation von morgen aufschlüsselt, und die wir seitdem kontinuierlich weiter entwickeln. Gerade haben wir die dritte Auflage veröffentlicht, in der wir die Entwicklung des Medienkonsumenten und der Werbemärkte bis 2020 betrachten.

Wie wird die deutsche Zeitungslandschaft Ihrer Meinung nach in zehn Jahren aussehen? Wir prognostizieren aktuell einen Rückgang der Werbeausgaben in den Bereichen Publikumszeitschriften und Tageszeitungen von minus 40 Prozent zwischen 2010 und 2020. Viele führende Printhäuser werden sich in Zukunft zu Mischkonzernen mit einer verbleibenden kleinen Printsparte entwickeln.
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Marco Dörper, Executive Managing Director Zenith

Ist die Insolvenz der „FR“ Ausdruck einer Strukturkrise der Tageszeitungen oder aufgrund der besonderen Umstände ein Einzelfall? Die "Frankfurter Rundschau" verliert bereits seit 15 Jahren massiv an Auflage, das ist also nicht neu und auch nicht, dass sich in einem solchen Fall auch die Anzeigenerlöse rückläufig entwickeln. Die Ursachen für die abschmelzenden Auflagen liegen mehr im eigenen Einflussbereich begründet, als dass sie auf eine Strukturkrise der Tageszeitungen zurückzuführen ist. Allerdings werden Fehler oder auch Unterlassungen in schwierigen Zeiten deutlich härter bestraft.

Droht in nächster Zeit weiteren Zeitungen das Aus? Könnte das Ende der „FR“ der Auftakt zu einem Zeitungssterben in Deutschland sein? Ein Zeitungssterben ist nicht absehbar, wenngleich langfristig nur die überleben können, die einer ausreichenden Anzahl von Lesern/Käufern Inhalte in einer für sie relevanten Form zur Verfügung stellen werden. In diesem Zusammenhang die Relevanz von Online als neue Erlösquelle zu vernachlässigen dürfte unweigerlich ins Aus führen.

Wolfgang Blau, Chefredakteur von Zeit Online, hat in einem Facebook-Eintragvon einem „inzwischen fraglichen journalistischen Konstrukt namens Tageszeitung“ gesprochen. Können Sie die Äußerungen von Blau nachvollziehen? Ich unterstelle, dass Herr Blau nicht grundsätzlich tagesaktuelle Inhalte als journalistisch fragliches Konstrukt betrachtet, sondern dass es ihn dabei um die Darreichungsform ging. Gemessen an der gesamten verkauften Auflage und der Alterspyramide in Deutschland, erscheint mir das Konstrukt Tageszeitungen für den Moment alles andere als fraglich.

Wie wird die deutsche Zeitungslandschaft Ihrer Meinung nach in zehn Jahren aussehen? Natürlich wird nur überleben können, wer in der Lage ist, auch digitale Inhalte in zielgruppenrelevanter Form anzubieten. Dies gilt mehr noch für lokale Tageszeitungen, die vor dem Hintergrund ihrer Kostenstruktur, ihres beschränkten Zugangs zu Werbekunden und der vorhandenen starken digitalen Konkurrenz andernfalls in den kommenden Jahren massiv unter Druck geraten werden. Ich gehe davon aus, dass es in 10 Jahren neben stark "lokalisierten" Titeln/Produkten - rein digital - auch nationale Medien geben wird - diese sowohl digital als auch gedruckt.
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