"Focus": Was Wolfram Weimer und Helmut Markwort eint, worin sie sich unterscheiden

Donnerstag, 29. Oktober 2009
Weimer (rechts) beerbt Markwort bei "Focus"
Weimer (rechts) beerbt Markwort bei "Focus"
Themenseiten zu diesem Artikel:

Wolfram Weimer Focus Helmut Markwort Hessen Uli Bauer FAZ


Man hätte mit vielem rechnen können, aber nicht damit, dass „Cicero"-Chefredakteur Wolfram Weimer einmal „Focus"-Gründer und -Chefredakteur Helmut Markwort beerbt. Die Entscheidung ist überraschend, schon allein, weil die Protagonisten kaum unterschiedlicher sein könnten: Hier der 72-jährige, untersetzte Markwort, auf der anderen Seite der schlaksige, 44-jährige Zwei-Meter-Mann Weimer. Beide sind außergewöhnliche Journalisten. Beide sind gebürtige Hessen. Doch Markwort ist nicht nur ein Theaterfreund in der Theorie - er tritt regelmäßig im hessischen Mundartstück „Datterich" auf.  Weimer in einem Boulevard-Stück, in dem hessisch gebabbelt wird? No way! Überhaupt macht Markwort den Eindruck eines auch jovialen Vordenkers. Weimers  „Cicero" ist ein manchmal außergewöhnliches, aber weitgehend humorfreies Diskursmagazin.

Markwort/Weimer: Die Lebensläufe

Wer mehr über die beiden Protagonisten wissen will - Wikipedia liefert genug Stoff:
Helmut Markwort
Wolfram Weimer

Nun wird also wahr, womit niemand in dieser Konstellation gerechnet hat: Ab Herbst 2010 bildet Weimer zusammen mit dem Markwort-Zögling Uli Bauer (bereits seit 2004 in der Chefredaktion von „Focus") die redaktionelle Doppelspitze beim kriselnden Burda-Titel.  Weimer also als Chefredakteur eines Nachrichten-Magazins, das einmal antrat  Nutzwert zu liefern? No way - will man auf den ersten Blick sagen.

Beim zweiten Blick sieht die Lage schon anders aus. „Focus" war 1993 angetreten, mit „News to use" einen konservativen Gegenentwurf zum damals übermächtigen „Spiegel" zu etablieren. Diese Positionierung haut nicht mehr hin. Klar: Das Heft leidet - stärker als der „Spiegel" - unter der Wirtschaftskrise mit Anzeigenrückgang und Auflagendruck. Doch entscheidender ist, das „News to use" und Nutzwert in einem Magazinformat schlicht und ergreifend nicht mehr ohne weiteres funktioniert. Nachrichten gibt es an jeder x-beliebigen Internet-Ecke genauso wie Nutzwertiges. Hintergrund, Analyse und Kommentierung - darin liegen die Stärken von Print im digitalen Zeitalter. Und dass Weimer, der auch schon für „FAZ" und „Welt" gearbeitet hat, dafür der richtige Mann sein könnte, hat er mit dem Überraschungserfolg „Cicero" bewiesen. 

Insofern ist die Entscheidung für Weimer ein deutliches Signal Richtung „Spiegel". „Focus" ist dabei, sich neu zu erfinden. Und Weimer soll derjenige sein, der für die hintergründigen Stories und Analysen sorgt, diese Repositionierung zum Erfolg werden lassen. vs
Meist gelesen
stats