Focus Online im HORIZONT-Check: Spielwiese für die Werbewirtschaft

Dienstag, 27. Juli 2010
Die Startseite wird von einem BMW-Ad dominiert
Die Startseite wird von einem BMW-Ad dominiert

Ab heute ist die Website Focus.de generalüberholt online. Ein breiteres Layout, ein reduziertes Design und neue Features zur Personalisierung bilden die Eckpfeiler des neugestalteten Internetauftritts: HORIZONT.NET hat sich die Website näher angesehen und die Schwächen und Stärken analysiert.

1. Layout

Nachdem Websites jahrelang immer wieder mit neuen Tools sowie Features bestückt wurden und immer mehr Infos auf kleinstem Raum untergebracht wurden, zeichnet sich nun der gegenläufige Trend ab. „Weniger ist mehr", lautet das neue Gestaltungsprinzip, dem jüngst bereits Welt.de und nun auch Focus Online gefolgt ist. Durch die Reduzierung des Layouts auf das Wesentliche und die Verbreiterung der Website entsteht mehr Weißraum sowie Platz für großflächigere Bilder. Dem User bleibt damit nun endlich Luft zum Atmen. Es fällt leichter, sich einen Überblick über das Angebot zu verschaffen.

Allerdings könnte Chefredakteur Jochen Wegner den gewonnenen Platz besser nutzen. So sollte er noch mehr Energie auf die Auswahl der Fotos investieren. Denn ein Homepage-Aufmacher-Bild einer relaxten, älteren Dame, die auf dem Fensterbrett lehnt, schafft es wohl kaum, den User in die kontroverse Debatte um eine Rentengarantie hineinzuziehen. Zudem sind die Fotos in der rechten Randspalte häufig zu klein, um ein Thema anzuteasern.

Statt mit vielen verschiedenen Blauschattierungen arbeitet Focus.de künftig mit einer einfacheren Farbgebung, die im Wesentlichen auf Blau, Rot und Weiß basiert. Das dient der Übersichtlichkeit und erleichtert die Navigation.

2. Vermarktung

  Beim Relaunch haben sich die Verantwortlichen nicht nur Gedanken darüber gemacht, wie sie die Website für den Nutzer attraktiver gestalten können, sondern auch für die Werbekunden. So ist Focus Online künftig nach einem modularen Raster aufgebaut, das es ermöglicht, alle Standardwerbeformen an jeder beliebigen Stelle einzufügen und zu größeren, neuartigen Werbeformen ("Panorama Ad", "Push Down Ad", "Billboard" und "Fullframe Centerfold") zu verschmelzen. Damit trägt Focus.de der wachsenden Bedeutung von Branding-Kampagnen Rechnung. Bei den Agenturen kommt die Idee gut an. "Die meisten Premiumsites geben den Agenturen aktuell nur zwei bis drei Werbeformate vor: Wallpaper, Content Ads und Skycraper", kritisiert Michael Frank, Geschäftsführer der Agentur Plan.net. Die kreative Entfaltung sei dadurch beschränkt. "Bei Focus Online eröffnen sich dagegen neue Spielflächen."

Positiv für die Werbungtreibenden ist außerdem, dass ab sofort über der Navigationsleiste keine Anzeigen mehr platziert werden. Diese werden ohnehin von den Usern nur schlecht wahrgenommen. Dagegen ist bei Focus Online nun die Werbung unterhalb die Navigationsleiste gewandert und damit ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt.

Was die Werbekunden freut, könnte den ein oder anderen User jedoch möglicherweise stören: durch das reduzierte Layout und die gestiegene Größe der Werbeformate wirken Anzeigen auf der Website im Vergleich zu den redaktionellen Inhalten teilweise sehr dominant. Gerade einem Nachrichtenangebot steht das jedoch nicht gut zu Gesicht. Eine etwas stärkere optische Gewichtung der journalistischen Beiträge würde Focus.de daher gut tun.

3. Personalisierung

 Ab sofort stehen den Usern von Focus Online mehr Möglichkeiten zur Verfügung, das Angebot auf ihre Bedürfnisse zuzuschneiden. So können die User beispielsweise ein Thema verfolgen, das sie besonders interessiert. Über Schlagwörter lassen sich die Interessensgebiete individuell abstecken. Die relevanten Beiträge findet der Nutzer dann gebündelt unter dem Button „Meine Themen". Eine gute Idee, denn in Zeiten von Smartphones und Tablet-PCs ist die Personalisierung von Angeboten gefragt wie nie.

Der Haken: Die Hinweise auf die Tools sind sehr klein. Erst bei genauem Hinsehen wird der User darauf aufmerksam. Trotz des reduzierten Layouts wäre es für Focus Online an der einen oder anderen Stelle doch besser, etwas dicker aufzutragen.

Deutlich gelungener ist dagegen die Präsentation des 24-Stunden-Newstickers. Das Feature befindet sich auf der Homepage direkt über dem Aufmacherthema. Hier bekommen die Nutzer nicht nur einen Überblick über die aktuelle Nachrichtenlage, sondern können die Beiträge auch nach der Anzahl der Kommentare und Abrufe ranken.

4. Inhalt

In Zukunft will Chefredakteur Wegner verstärkt eigene Themen setzen. Das macht er gleich zu Beginn deutlich, indem er sich am ersten Tag nach dem Relaunch von den Wettbewerbern abgrenzt. Während die Online-Auftritte von "Spiegel", "Stern" und "Welt" mit den Themen Afghanistan-Geheimdokumente und Loveparade aufmachen, bestimmt bei Focus Online das Thema Rente die Homepage (Stand: 27.10.2010; 14 Uhr).

Grundsätzlich ist diese Strategie sicherlich richtig. Gerade im Netz werden Angebote zunehmend austauschbar, da sie mit den gleichen News aufwarten. Da tut es gut, einen Kontrapunkt zu setzen. An einem Tag wie diesem, wo es nun mal zwei große Themen gibt, über die ganz Deutschland spricht, sollte dieses Konzept jedoch überdacht werden. Sonst bringt sich die Website selbst ins Abseits.

Klüger wäre es gewesen, die dominanten Themen aufzugreifen, und der Geschichte noch einmal einen eigenen Dreh zu geben - auch wenn das zugegebenermaßen nicht ganz einfach ist, nachdem bereits so viel darüber berichtet wurde. bn

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