"Focus": Neuer Anlauf fürs Münchner Nachrichtenmagazin

Donnerstag, 10. Mai 2012
Ehrgeizige Ziele auch für "Focus": BNG-Chef Graßmann
Ehrgeizige Ziele auch für "Focus": BNG-Chef Graßmann


Wie auch immer die "Focus"-Chefredaktion künftig aussehen wird, fest steht jetzt schon: Im Rahmen der "Agenda 2016", die Burda News Group-Chef Burkhard Graßmann vor wenigen Wochen präsentiert hat, muss sich auch das Münchener Nachrichtenmagazin neu justieren. Doch die "Focus"-Agenda birgt einige Stolpersteine. "Focus hat auch im Internet-Zeitalter Wachstumspotenzial im Anzeigenumsatz wie in der Auflage im niedrig zweistelligen Bereich." Diese Aussage stammt nicht etwa aus der Boomphase von "Focus" Mitte der 90er Jahre, sondern aus dem April 2012. Im HORIZONT-Interview hatte BNG-Chef Graßmann seinem Verlagsbereich im Allgemeinen und "Focus" im Besonderen eine einigermaßen prosperierende Zukunft vorhergesagt. Der "Focus"-Masterplan ist Teil einer groß angelegten Agenda 2016, die die BNG in den nächsten vier Jahren auf Wachstums - und Ergebniskurs bringen soll.

Klar: Manager sind von Berufs wegen zu Optimismus verpflichtet. Doch die Bestimmtheit, mit der Graßmann, "Focus" stark redet, hat zumindest in Medienkreisen für einiges Aufsehen gesorgt. Graßmann seinerzeit in HORIZONT: "Die Bodenbildung beim Focus liegt hinter uns, nachdem wir fünf Quartale in Folge den Einzelverkauf steigern konnten. Auch wenn die IVW des zurückliegenden Quartals ein Minus ausweisen wird." Das Minus, von dem Graßmann spricht, erwies sich allerdings als bitterer historischer Tiefstwert für "Focus": Im 1. Quartal 2012 sackte die verkaufte Auflage um 11 Prozent auf 541.295 Exemplare ab.

Was nutzen also starke Worte, wenn sie nicht von ebenso starken Taten begleitet werden. Zumindest personell werden nun die Weichen für eine "Focus"-Renaissance gelegt. Medienberichten zufolge ist ausgemachte Sache, dass der scheidende "Bild"-Vizechef Jörg Quoos spätestens zum Jahresende "Focus"-Chefredakteur werden wird. In welcher Konstellation genau, ob als Alleinherrscher oder im Duett mit der jahrelangen Führungskraft und Nutzwert-Spezialist Uli Baur, ist noch nicht klar. Ein hartes Dementi ist aus Burdas PR-Zentrale nicht zu hören. Bestätigt wird aber ein Bericht der "Frankfurter Rundschau", demzufolge das Berlin-Büro kräftig ausgebaut werden soll. Derzeit arbeiten 15 Redakteure in der Hauptstadt für "Focus", diese Zahl soll verdoppelt werden.

Die Stärkung des Berlin-Büros ist längst überfällig. Egal ob sich "Focus" künftig weiterhin weichen und Nutzwertthemen widmet (was der "Spiegel" unter Mascolos Führung interessanterweise ausgebaut hat) oder nicht, muss sich das Münchner Nachrichtenmagazin viel stärker als bislang in der politischen Berichterstattung profilieren. Nutzwert alleine schafft kein Wachstum im "niedrig zweistelligen Bereich". Im Internetzeitalter kann sich Print aber sehr wohl über Einschätzung, Einordnung, Analyse und Kommentar gegenüber Internet und Mobile profilieren. Vorausgesetzt, man hat die Köpfe dafür.

Es scheint, als ob "Focus" noch einmal den Anlauf nimmt, sich in Konkurrenz zum "Spiegel" als politisches Nachrichtenmagazin zu profilieren. In einer Zeit, in der einerseits das politische Parteienspektrum durch den Niedergang der FDP und den Piraten-Boom gehörig durcheinander gewirbelt wird, anderseits auch Konkurrent "Spiegel" auf Selbstfindungskurs ist, eine mögliche Option.

Klar ist, dass die journalistische Weichenstellung, die mit der Personalie Quoos verknüpft ist, mit Burda-internen Diskussionen verbunden sein wird. BNG-Chef Graßmann muss höllisch aufpassen, dass es nicht zu Verwerfungen kommt, die seinerzeit die Inthronisation und Arbeit von Wolfram Weimer als "Focus"-Chefredakteur begleitet hatten. Bekanntlich wurde Weimer im Juli vergangenen Jahres sang- und klanglos bei "Focus" verabschiedet, nachdem er sich in den Wochen zuvor sowohl beim Redaktionsteam aber auch der "alten" Führungsriege um Helmut Markwort und Uli Baur unbeliebt gemacht hatte. Einen zweiten Fall Weimer wird man sich in München nicht leisten wollen (und können). vs
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