"Focus"-Machtkampf: Die Einschätzung der Medien

Dienstag, 26. Juli 2011
Die Ära Wolfram Weimer bei "Focus" endet
Die Ära Wolfram Weimer bei "Focus" endet

„Du hast keine Chance, aber nutze sie!" Im Rückblick könnte man sagen: Frei nach dem alten Frankfurter Sponti-Motto hat Wolfram Weimer ein Jahr versucht, einen neuen „Focus" zu entwickeln. Der letzte Beitrag auf Weimers Facebook-Pinwand ist - Stand Dienstag 15 Uhr - von  Sonntag 9:59 Uhr und zeigt das aktuelle „Focus"-Cover. Doch das ist für Weimer längst Schnee von gestern. Dass und warum er gescheitert ist, hat HORIZONT.NET als erstes Fachmedium verbreitet. Was sagen andere Medien über den Machtkampf bei „Focus"? Eine nicht-repräsentative Auswahl. Suedeutsche.de: Der Führungskreis beim Focus ist groß. Neben dem Verleger Hubert Burda entscheiden Vorstand Philipp Welte, Geschäftsführer Burkhard Graßmann, Herausgeber Helmut Markwort und der verbleibende Chefredakteur Uli Baur mit. Die, die Weimer im Verlag nicht mögen, sagen, dass er seine intellektuellen Ansprüche ans eigene Heft selbst nicht erfüllen konnte. Die, die Markworts und Baurs Kurs ablehnen, sagen, dass das Heft unter ihrer Führung keine Zukunft mehr hat.

Ganz sicher haben die ungeordneten Machtverhältnisse zu Weimers Misserfolg beigetragen. Statt das Heft, das er bis heute als "sein" Heft versteht, aus der Hand zu geben, war Markwort - mit dem Segen des Verlegers - vom Dienstantritt bis zum nun erfolgten Abschied seines Nachfolgers im Blatt präsent. Unmittelbar bevor Weimer kam, gab es einen Mini-Relaunch des Focus. Ein Affront. Zur Begrüßung musste der Neue dann gleich eine Heftpreiserhöhung und Kündigungen mittragen. Und so ging es unmunter weiter.

Zuletzt setzte Markwort vor ein paar Wochen durch, dass sein "Tagebuch des Herausgebers" auf die letzte Heftseite rutschte. Er kommentiert das Weltgeschehen seither jede Woche an prominenter Stelle. Seine Chefredakteure, die vorne im Blatt außerdem eine Textspalte weniger Platz haben als er, mussten sich im Wochenrhythmus abwechseln. Deutlicher kann man den eigenen Willen zur Macht und Mitsprache kaum ausdrücken. Markworts Heft liegt am Boden. Aber er ist ganz obenauf.

 FAZ.net: Auf einer Linie mit Weimer lag und liegt auch der Verlagsvorstand Philipp Welte, er forcierte die neue Positionierung des „Focus" als Politmagazin, besonders bei den von politischen Themen dominierten Ausgaben des vergangenen Frühjahrs war der neue Kurs zu erkennen. Doch dürfte es damit wohl nun erst einmal vorbei sein. Die Führungskrise erwischt den „Focus" zu einem Zeitpunkt, da das Magazin gerade wieder Tritt fasst. Die Auflage, die im Sinken begriffen war, liegt bei rund 580.000 Exemplaren, der Einzelverkauf pendelt bei der für die Werbewirtschaft signalgebenden Zahl von hunderttausend verkauften Exemplaren, zuletzt stieg die Auflage leicht. Wem dieser sanft positive Trend zu verdanken ist, lässt sich angesichts der Titelgeschichten, die mal der alten und mal der neuen „Focus"-Schule folgen, schwer sagen. Nun heißt es: „Quo vadis, „Focus"?

 Stern.de: Wie der Burda-Verlag jetzt in München mitteilte, wolle sich Weimer neuen Projekten zuwenden können, werde das Unternehmen aber weiterhin beraten. Co-Chefredakteur Uli Baur werde das Blatt nun alleinverantwortlich führen. Weimer habe den "Focus" in den vergangenen Monaten auf einen Kurs von "höherer journalistischer Relevanz" gebracht, der auch die Verkaufszahlen gesteigert habe.

 Meedia: Vielleicht hat man Uli Baur, der dem Gründer Helmut Markwort über beinahe zwei Jahrzehnte treu zur Seite stand, Unrecht getan, wenn man ihm nicht wirklich zutraute, dessen Nachfolge anzutreten (wie es immer Markworts Wunsch war). Vielleicht ist Baur einer der am meisten unterschätzten Blattmacher im Magazingeschäft. Mag alles sein, aber es hilft ja nichts: Die Entscheidung für den langjährigen Vize als Alleinherrscher und Strategen wirkt auf die Branche wie ein Rückschritt. Der Schatten Markworts, dessen Abschied vor Jahresfrist viele als quälend und überlang empfanden, ist beim Focus größer denn je. Das Scheitern Weimers gerät für den Altmeister zum späten Triumph, sein Rat wird wieder gefragt sein.

 
Spiegel.de: Erst am vergangenen Mittwoch hatte Burda auf einen Bericht der "Süddeutschen Zeitung" ("SZ") hin dementiert, dass es einen Machtkampf gebe zwischen Weimer und Baur, der als Vertrauter vom Markwort gilt: "Die beiden sind ein erfolgreiches Team - das belegen auch die Zahlen. Die von der "SZ" aufgeworfene Frage stellt sich also nicht", hieß es aus dem Hause Burda. Nach offizieller Sprachregelung geht die Trennung vom Focus auf die Entscheidung von Weimer selbst zurück. Wie der Burda-Verlag am Dienstag mitteilte, will sich Weimer neuen Projekten zuwenden. Er werde die Burda News Group und deren Geschäftsführer Burkhard Graßmann auch in Zukunft beraten und dabei in erster Linie die strategische Allianz mit dem "Economist" ausbauen, hieß es weiter. vs
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