"Focus": Chefredakteur Wolfram Weimer verliert Machtkampf und muss gehen

Dienstag, 26. Juli 2011
Muss nach nur einem Jahr seinen Posten wieder räumen: Wolfram Weimer
Muss nach nur einem Jahr seinen Posten wieder räumen: Wolfram Weimer


Aus und vorbei: Die Ära von Wolfram Weimer als Chefredakteur von "Focus" endet nach nur einem Jahr – und das mit einem lauten Knall. Nach erbitterten Kontroversen, die in den vergangenen Wochen eskalierten, ist klar, wer beim Münchner Nachrichtenmagazin nach wie vor das Sagen hat: Herausgeber Helmut Markwort. Der 74-Jährige "Focus"-Erfinder und langjährige "erster Journalist" im Hause Burda, überzeugte gestern den Verleger Hubert Burda, Weimer in die Wüste zu schicken. Alleiniger Chefredakteur ist damit ab sofort Markworts alter Weggefährte Uli Baur. Für das Haus Burda ist der Abgang von Weimer eine ziemliche Blamage. Bis zuletzt rühmten die Münchner Weimer als den Mann, der "Focus" zu neuer Relevanz führen sollte. "Er war vor genau einem Jahr in die Chefredaktion eingetreten, um das Magazin zurückzuführen auf einen Kurs von höherer journalistischer Relevanz, besonders in politischen und ökonomischen Zusammenhängen. Dieser Kurs führte zu einer klaren Positionierung im Werbemarkt und zu drei Quartalen mit teilweise deutlich wachsendem Einzelverkauf gegen den Trend der Marktentwicklung", lobt der Verlag den scheidenden Chefredakteur.

Auch Weimer selbst ging rhetorisch gern in die Vollen und sagte in Interviews dem Erzrivalen "Spiegel" den Kampf an. Zuletzt war der 46-Jährige zusammen mit dem neuen Burda-News-Group-Geschäftsführer Burkhard Graßmann auf Tour durch Deutschlands Mediaagenturen, um für sein "Focus"-Konzept zu werben. Dass nun Markwort als Herausgeber und Baur als Chefredakteur wieder wie früher den Kurs bestimmen, dürfte für einige Irritationen bei Werbekunden und Agenturen sorgen. Weimer soll zunächst beratend  weiter für die Burda News Group tätig bleiben und die strategische Allianz mit dem "Economist" ausbauen.

Ob man Weimers Abgang bedauert oder nicht, eines ist unbestritten: So wie zuletzt konnte es nicht weitergehen. Die Vorstellungen von Baur und Weimer, was gut und richtig für "Focus" ist, gingen einfach zu weit auseinander – und das merkte man dem Heft auch an.

Was bleibt aus der Amtszeit des früheren "Cicero"-Chefredakteurs? Weimer setzte eine Reihe von bemerkenswerten Impulsen, er führte ein Debatten-Ressort ein und schrieb selbst Artikel, die eine konservativ-intellektuelle Klientel entzückten, viele klassische "Focus"-Leser aber eher ratlos zurückließen. Baur, so viel ist klar, wird in den nächsten Wochen und Monaten unter verschärfter Beobachtung der Öffentlichkeit stehen – ein Weg zurück in die Vor-Weimer-Ära kann und wird es nicht geben. js
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