Financial Informer: Große Töne, viel dahinter?

Montag, 03. Januar 2011

Aber hallo!!! Beim „Handelsblatt" hat man sich zwischen den Jahren ganz schön Mut angetrunken. Der erste Werktag im neuen Jahr war noch keine 10 Stunden alt, da landete die erste PR-Meldung aus dem VHB-Reich im noch angenehm leeren Mail-Eingangsfach. „Financial Informer - schneller als Google - Handelsblatt online über 350 Finanzquellen"  lautet der selbstbewusste Betreff der digital verschickten Pressemitteilung. Der Launch des News-Aggregator für Finanz- und Wirtschaftsmeldungen  läutet nach Angaben der Verlagsgruppe Handelsblatt eine „Geschwindigkeitsoffensive" ein, die nach eigenem Bekunden „selbst Google langsam aussehen lässt." Der starke Spruch war im Launch-Vorfeld dem Praxistest unterzogen wurden: „Tests haben gezeigt, dass mehr als 80 Prozent der Nachrichten des Financial Informer schneller zur Verfügung stehen, als dies beispielsweise bei einer Suche mit Google News der Fall ist."

Inwieweit die Aussage stimmt, kann und soll hier nicht bewertet werden. Überraschend ist eher das Selbstbewußtsein, mit dem Medien-Erzrivalen Google hier ans große Bein gepinkelt wird. BDZV und VDZ werden sich wünschen, dass in diesem Jahr auch andere Mitteilungen aus Verlagshäusern ähnlich lautsprecherisch das eigene Produkt als Anti-Google-Waffe positionieren.


Damit nicht genug. Der Financial Informer könnte dem Thema Newsaggregator zu neuem Interesse verhelfen. Leonard Metsch, neben dem ehemaligen Bloomberg-TV-Chefredakteur Wilhelm Kötting einer der beiden Geschäftsführer des Unternehmens, behauptet sogar lapidar: „Das Zukunftspotenzial der Idee des News-Aggregator ist erheblich." Wie erheblich, das kann man derzeit nicht abschätzen. Fakt ist: In Deutschland sind die Versuche bislang nicht von allzu großem Erfolg gekrönt. Oder kennt jemand noch Nachrichten.de - das Angebot wurde im September 2009 von Tomorrow Focus gelauncht. Doch seitdem hat man von der Site, die - im Gegensatz zu Google, aber auch im Gegensatz zum Financial Informer die Content-Lieferanten an den Werbeumsätzen beteiligt - nicht mehr so viel gehört.

Das Problem generalistischer News-Aggregatoren hierzulande: Im Gegensatz zu den USA gibt es in Deutschland traditionell eine Vielzahl hervorragender Zeitungs- und Magazin-Marken, die auch im Internet hervorragend positioniert sind. Das Bedürfnis, eine Website zu besuchen, bei der Nachrichten automatisiert und generalistisch zusammengestellt werden, hält sich dementsprechend in Grenzen, wenn man sich an seine „Marke", RSS-Feeds oder Google News gewöhnt hat.


Beim Financial Informer sieht die Lage anders aus: Hier trifft das Informationsangebot einer Top-Marke („Handelsblatt") das spezifische Informationsinteresse bestimmter Zielgruppen, oder wie Geschäftsführer Kötting meint: „Wir haben ein völlig neues Angebot für die Informationselite geschaffen." Auch die von IQ Media vermarkteten Werbeflächen sollen - Targeting lässt grüßen - auf die Bedürfnisse der Nutzer zugeschnitten sein. Mal schauen, ob die Info-Elite mit dem Financial Informer etwas anzufangen weiß. vs
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