Fauxpas in "Heute"-Sendung: Das ZDF und die verräterische Wanduhr

Dienstag, 16. April 2013
Erel im "Heute"-Beitrag, im Hintergrund die Wanduhr (Bild: Screenshot ZDF-Mediathek)
Erel im "Heute"-Beitrag, im Hintergrund die Wanduhr (Bild: Screenshot ZDF-Mediathek)


Normalerweise weisen TV-Journalisten die Zuschauer darauf hin, wenn ein Interview vor Sendungsbeginn aufgezeichnet wurde. Normalerweise. In der "Heute"-Sendung vom vergangenen Freitag sendete das ZDF ein Interview mit dem "Sabah"-Journalisten Ismail Erel, dessen Zeitung gegen die Platzvergabe beim NSU-Prozess geklagt hatte. In dem Interview äußert sich Erel zufrieden darüber, dass das Bundesverfassungsgericht eine Neuverteilung der Presseplätze angeordnet hatte. Das Problem: Zum Zeitpunkt des Interviews war der Richterspruch noch gar nicht gefällt. Eine Wanduhr verrät den Fauxpas. Das Bundesverfassungsgericht hat am vergangenen Freitag angeordnet, dass der Prozess aufgrund der zweifelhaften Vergabepraxis von Presseplätzen verschoben werden muss. Beim ZDF wollte man besonders gut auf den Richterspruch aus Karlsruhe vorbereitet sein und holte sich im Vorfeld ein Statement von Ismael Erel von der türkischen Zeitung "Sabah" ein, die gegen das Akkreditierungsverfahren geklagt hatte. "Das ist für uns erstmal eine sehr sehr positive Nachricht", beginnt Erel seine Einschätzung. Die "Sabah" habe auch für andere türkischen Medien bewirkt, dass sie am Prozess teilnehmen könnten.

Als der Beitrag schließlich in der "Heute"-Sendung um 19 Uhr on Air ging, wurden die Zuschauer nicht darüber informiert, dass der O-Ton bereits vor der Urteilsverkündung des Bundesverfassungsgerichts eingeholt worden war. Das Problem: Während Erel spricht, ist im Hintergrund eine Wanduhr zu erkennen, die ziemlich genau halb drei zeigt. Der Richterspruch kam jedoch erst gegen 18.15 Uhr. Die Zuschauer konnten also eigentlich erkennen, dass Erels Sätze aufgezeichnet waren. Diese Information bleib aber wie gesagt aus.

Stern.de witterte deswegen Schummelei und fragte beim ZDF nach. Dort antwortete man folgendermaßen: "Nach Rückfrage bei den zuständigen Kolleginnen und Kollegen können wir Ihnen mitteilen, dass die Frage bei einem Dreh für die ZDF-Sendung 'Forum am Freitag' in Erwartung einer entsprechenden Entscheidung vorab gestellt und aufgezeichnet wurde." Bei einer Entweder-Oder-Entscheidung, wie sie im vorliegenden Fall zu erwarten war, ist dieses Vorgehen sicher nachvollziehbar - im Sinne einer optimalen Sendungsvorbereitung wohl sogar erforderlich. Was weniger in Ordnung geht, ist, den Zuschauer darüber im Unklaren zu lassen. Vor allem, wenn im Hintergrund eine verräterische Wanduhr tickt. ire
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