Facebook und die Unersättlichen: Der „Spiegel“ verliert die Contenance

Dienstag, 11. Januar 2011
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Über Facebook ist in den vergangenen Wochen viel geschrieben worden. Der Aufmacher des aktuellen „Spiegel" gehört definitiv zu den schlechteren Beiträgen zum Thema. Was ist nur in die beiden Chefredakteure Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron gefahren, den Beitrag von Manfred Dworschak auf den Titel zu heben? Zumindest Müller von Blumencron als ehemaliger Chefredakteur von Spiegel Online weiß doch, wie das Internet-Business tickt und wie schnell gerade bei der heiklen Kombination Internet, Werbung, Datenschutz Journalisten dazu beitragen können, Vorurteile und Falschheiten zu verfestigen.

Objektiv gesehen gibt es keinen Grund, mit der Headline „Die Unersättlichen" im journalistischen Gepäck derart viele Halbwahrheiten, Gerüchte und Vermutungen zu einem reißerischen Titel zu verquirlen. Im Dezember hatte Geschäftsführer Ove Saffe im HORIZONT.NET-Gespräch selbstbewusst Bilanz gezogen: Im  Anzeigengeschäft zählte Saffe in diesem Jahr ein Plus von knapp 11 Prozent in der eigenen Kasse. Und während „Focus" mit einem Schnupperpreis von 1 Euro in der kommenden Woche auf Leserfang geht, hat der „Spiegel" den Copypreis  von 3,80 Euro auf glatt 4 Euro erhöht.

Auch journalistisch besteht eigentlich kein Handlungsbedarf. Weimers „Focus", als „bürgerlicher" Gegenentwurf zum „Spiegel" konzipiert - was ist das eigentlich, fragt sich Stefan Niggemeier zu Recht -, steckt noch im Ungefähren. Wäre der „Spiegel" noch vornehmlich ein politisches Magazin (was nicht nur die „Focus"-Leute unterstellen) und kein populistisches Heft, müsste man konstatieren: „Die Unersättlichen - im Netz der Späher" ist ein reaktionäres Stück Prosa. Man kommt sich beim Lesen vor wie in einer Zeitmaschine. Die Aussagen und die Message erinnert an die Urzeiten des World Wide Web anno 1996. Tenor: Internet, Datensammler der Werbewirtschaft und „die Skrupellosen" bedrohen die Zivilisation. Der Cookie wird im „Spiegel"-Jargon zum Inbegriff einer digitalen „Spähdatei" - als ob wir die Diskussion über Cookies nicht schon vor einem Jahrzehnt geführt hätten. Und als ob Spiegel Online und seine Anzeigenkunden nicht auch mit Cookies arbeiten würden. Vorurteile statt Aufklärung - auch sprachlich.  Die „Sprache des Spiegel", von Hans Magnus Enzensberger Ende der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts seziert , erlebt im 21. Jahrhundert ihre feierliche Auferstehung. Skrupellose Geschäftemacher sind im „Goldrausch" auf der „Jagd nach Kunden".  Facebook „erfindet immer neue Schikanen für die Privatsphäre". Die „Raffinesse der Technik" überfordert jeden Normalsterblichen. Das Internet ganz allgemein degeneriert beim „Spiegel" zum „Apparat des Erfassens und Protokollierens": Willkommen in der Datenhölle von Mark Zuckerberg, Steve Jobs und Eric Schmidt. 

Fatal ist die Strahlkraft des Artikels auch deshalb, weil er bei Printkritikern und Bloggern das Vorurteil bestätigt, Vertreter der „toten Holzindustrie" seien vor allen Dingen bigotte Dead Men Walking, die von Internet-Business und Journalismus im digitalen Zeitalter keine Ahnung hätten. Beispiele: „Feindbild Internet" oder Gutjahr's Blog, dessen Headline „Eure Doppelmoral kotzt mich an!"  die Befindlichkeiten der Szene sehr schön artikuliert.  Die Artikel sind aber nicht nur Beispiele der Empörung über die vermeintliche Doppelmoral der Verlage. Sie führen sehr schön auf, wo „Spiegel"-Autor Manfred Dworschak sachlich falsch liegt. Die Krux: Die Kritiker nehmen den „Spiegel" auseinander, meinen aber eigentlich die gesamte Verlagsszene. Mag sein, dass es unter den Verlage schwarze Schafe gibt, die mit den Daten ihrer Abonnenten fahrlässig umgehen oder ihre Leser mit immer neuen Angeboten locken und nerven. Man sollte daraus nicht gleich der kompletten Medienindustrie den Strick drehen. Auch die Erkenntnis, dass Menschen im Verlagswesen nicht in der Papierindustrie, sondern vor allen Dingen in der Informationsindustrie tätig sind, ist inzwischen beim konservativsten Print-Apologeten  angekommen. Und dass sich Medienhäuser mit Geldverdienen im digitalen Universum schwertun, sollte auch nicht mehr verwundern und hat nichts mit der unterstellten Blindheit der Protagonisten zu tun. Sondern mit einer anderen Wertschöpfungskette, einer Konkurrenz, die größer ist als die Titelauslage des größten Bahnhofskiosks, Beharrungskräften in den Medienhäusern und und und.

Auch Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron wissen dies. Doch statt Kraft der Gedanken in diese Richtung zu steuern, müssen wir ausgerechnet im „Spiegel" den Abgesang auf unser aller Zukunft lesen.

 
Die vier Enzensberger-Thesen gingen 1957 so:
  • These 1: Der SPIEGEL-Stil ist kein Stil, sondern eine Masche.
  • These 2: Das "deutsche Nachrichten-Magazin" ist kein Nachrichten-Magazin.
  • These 3: Der SPIEGEL übt nicht Kritik, sondern Pseudo-Kritik.
  • These 4: Der SPIEGEL-Leser wird nicht orientiert, sondern desorientiert. vs
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