"FTD"-Gründer Gowers: "Haben den Werbemarkt überschätzt" / Jäkel verteidigt Einstellung

Montag, 26. November 2012
Julia Jäkel bemüht sich, die Einstellung der FTD zu erklären
Julia Jäkel bemüht sich, die Einstellung der FTD zu erklären


Nach dem beschlossenen Aus für die "Financial Times Deutschland" beginnt die bittere Nachlese. In Interviews mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und dem "Hamburger Abendblatt" hat Gruner+Jahr-Vorstand Julia Jäkel am Wochenende die Einstellung der hochdekorierten Wirtschaftszeitung verteidigt. Gründungschefredakteur Andrew Gowers räumt gegenüber dem "Spiegel" derweil ein, dass man das Potenzial des deutschen Werbemarkts beim Start der "FTD" überschätzt habe. Nach der harschen Kritik an der internen Kommunikation von Gruner + Jahr im Zusammenhang mit der Einstellung der "FTD" hat sich Julia Jäkel am Wochenende in zwei großen Interviews bemüht, die Entscheidung zu erklären. "Wir haben insgesamt, über zwölf Jahre hinweg, erhebliche Kraft und Kapital - über 250 Millionen Euro - investiert, es aber zu keinem Zeitpunkt geschafft, schwarze Zahlen zu schreiben. ", sagte Jäkel gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Samstagsausgabe). Man habe aber keine Chance gesehen, "dass uns ein Turnaround in absehbarer Zeit gelingen würde, im Gegenteil, es fehlt mit Blick auf die kommenden Jahre eine realistische Perspektive". Seit der Gründung der Zeitung habe sich die wirtschaftliche Situation "fundamental verändert". "Die FTD ist zu einem Zeitpunkt - dem Beginn der New Economy - gegründet worden, als man von rosigen Zeiten träumte."

Ähnlich lautet auch die Analyse des Gründungschefredakteurs der "Financial Times Deutschland", Andrew Gowers: "Wir waren die letzte Neugründung einer Bezahlzeitung in einem westlich-industrialisierten Land. Das sagt doch schon alles", so Gowers gegenüber dem "Spiegel". "Gedruckte Zeitungen sind eine niedergehende Industrie, das ist heute sehr viel klarer als Anfang 2000." Zudem habe man den Werbemarkt überschätzt, der bis zum Zusammenbruch der New Economy im Jahr 2000 jedes Jahr kräftig gewachsen war.

Jäkel bestätigte außerdem, dass man bis zuletzt mit einem möglichen Käufer verhandelt habe: "Wir haben bis Donnerstag mit einem potenziellen Investor gesprochen, der uns ein ernsthaftes Angebot gemacht hat. Allerdings konnten wir dem dort dargestellten Fortführungsszenario weder konzeptionell noch wirtschaftlich folgen".

Was bleibt von der "FTD"? Der ehemalige Chefredakteur Gowers ist sich sicher: "Ich will nicht übertreiben, aber ich glaube, wir haben die Kultur des deutschen Wirtschaftjournalismus verändert." Bis zum Start der "FTD" sei die deutsche Wirtschaftpresse ein "verschnarchter, konservativer Haufen" gewesen. "Interviews wurden hier in dem Stil geführt: Verehrter Herr Konzernchef, können Sie uns mal in Ihren eigenen Worten schildern, warum sie so toll sind?" dh
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