"FTD"-Chef Klusmann im HORIZONT-Interview: "Ich bin tieftraurig"

Freitag, 07. Dezember 2012
Klusmann zieht gegenüber HORIZONT.NET Bilanz
Klusmann zieht gegenüber HORIZONT.NET Bilanz

Letzter Vorhang in Lachsrosa-Schwarz: Mit der heutigen Freitagsausgabe gibt die Redaktion der „FTD" ihre Abschiedsvorstellung. Mit Würde und Witz. Im Interview mit HORIZONT.NET zieht Chefredakteur Steffen Klusmann seinen ganz persönlichen Schlussstrich. Und schickt letzte Grüße an die G+J-Gesellschafter - und an seinen Kollegen beim „Handelsblatt". Herr Klusmann, gestern Abend haben Sie das allerletzte Mal auf den Knopf gedrückt und die letzte „FTD"-Seite zum Druck geschickt. Welches Gefühl überwog: Erleichterung, dass diese quälenden letzten Wochen nun überstanden sind? Oder Traurigkeit, weil es nun wirklich vorbei ist?
Steffen Klusmann: Ich war tieftraurig. Die letzten beiden Wochen und die Abschiedsausgabe haben noch einmal eindrucksvoll bewiesen, wie viel Spirit, Kreativität und Haltung in dieser Redaktion stecken. Das wird mir ganz schön fehlen.

"Endlich schwarz": Der letzte "FTD"-Titel
"Endlich schwarz": Der letzte "FTD"-Titel
Die letzte Phase der Diskussion über die Zukunft der „FTD" begann mit Ihrem HORIZONT-Interview im März, in dem Sie auf lange Sicht kein Digitalszenario mehr ausgeschlossen hatten, bis hin zum Abschied vom Papier zugunsten von Apps. Waren Sie da Ihrer Zeit voraus - oder werden digitale Geschäftsmodelle für Wirtschaftsjournalismus weiterhin Illusion bleiben?

Wer glaubt, dass man mit gedruckten Tageszeitungen noch weit kommt, gehört ins Museum. Es wird ein paar große Blätter geben, die noch ein Weilchen von ihrer hohen Auflage zehren und durchhalten, weil sie gegen die wegbrechenden Erlöse ansparen. Der Spaß dabei dürfte begrenzt sein. Zeitungen werden immer mehr digital gelesen. Entweder die Verlage entwickeln zeitgemäße Angebote und tragfähige Geschäftsmodelle fürs Netz - oder es machen andere.

Hat Ihr offenes Nachdenken über die Zukunft des Wirtschaftsjournalismus die dann folgenden Spekulationsorgien zur „FTD" befördert?
Nein. Ganz ehrlich: Wer heute über solche Szenarien nicht nachdenkt, der hat den Schuss nicht gehört.

Die Konkurrenz vom „Handelsblatt" hatte Ihre Worte damals als „Nachdenken über den Untergang" verdreht. Zuletzt aber rief Chefredakteur Gabor Steingart zur Anteilnahme mit den „leidenschaftlich kämpfenden Kollegen" der „FTD" auf. Mögen Sie ihn jetzt mal zurückgrüßen?
Bin gespannt, wie leidenschaftlich der Kampf gegen den Untergang in Düsseldorf ausfällt.

Kürzlich haben Sie eingeräumt, kein Geschäftsmodell für Journalismus im Internet gefunden und in den zwölf Jahren voller Wirtschaftskrisen seit der „FTD"-Gründung nicht genug Speck angesetzt zu haben, um diese Transformationsphase durchzustehen. Hätten Sie als Gesellschafter der „FTD" mehr Zeit und damit Geld zugestanden - oder sogar weniger?
Da ich nicht zum Gesellschafterkreis gehöre, kann ich diese Frage nicht beantworten. Wenn Sie sich aber anschauen, in welch schwieriger finanzieller Verfassung sich überregionale Tageszeitungen in Deutschland und anderen europäischen Ländern befinden, kann man konstatieren: Ein Blatt wie die „FTD" muss man sich heute als Verleger leisten wollen und können.

Durch das „FTD"-Aus verlieren über 300 Redakteure ihren Job, auch andere Verlage entlassen. Raten Sie jungen Leuten ab, Journalist, gar Wirtschaftsjournalist zu werden?
Nein. Im Moment ist der Arbeitsmarkt natürlich randvoll mit Leuten, die einen Job suchen. Das macht es schwer, schnell wieder adäquat unterzukommen. Aber für gute Journalisten wird es immer eine Zukunft geben. Klar, das Berufsbild ändert sich, die Anforderungen sind heute andere. Darauf muss man sich natürlich einlassen.

Sie werden den verbliebenen Traditionstitel „Capital", der politischer positioniert werden soll, noch für eine Übergangsphase leiten. Warum nicht länger - reicht's Ihnen dann bei G+J oder bei Wirtschaftsmedien generell?
Wenn die „FTD" untergeht, muss der Chefredakteur mit untergehen. Bei „Capital" einfach fröhlich weiterzumachen, halte ich für unanständig. Ich habe mich bereit erklärt, noch ein paar „Capital"-Ausgaben zu machen, damit ein neuer Chefredakteur die Chance hat, ein neues Konzept zu entwickeln und sich eine neue Mannschaft zu suchen. Und wenn sich damit für einige Kollegen im Berliner Büro eine neue Perspektive auftut, freut mich das. Interview: Roland Pimpl
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