Expertencheck: Bing kann Nummer 2 nach Google werden

Donnerstag, 20. August 2009
Hat laut Experten das Zeug zur Nummer 2: Bing
Hat laut Experten das Zeug zur Nummer 2: Bing
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Google Bing Microsoft USA Expertencheck Medienhype Deutschland


Nachdem der erste Medienhype abgeebbt ist, wird sich der Marktanteil von Bing hierzulande bei 10 bis 15 Prozent einpendeln. Für die USA ist bis Jahresende mit rund 30 Prozent zu rechnen. Zu diesem Urteil kommen mehrere Media- und Suchmaschinenexperten. Sie haben im Auftrag von HORIZONT.NET die Stärken und Schwächen der neuen Suchmaschine analysiert, die Microsoft vor rund zwei Monaten gestartet hat. Dass Bing den Marktführer Google von der Spitze verdrängen kann, glauben die Befragten nicht. Aber: "Wenn es einer schaffen kann, eine ernstzunehmende Nummer 2 aufzubauen, ist das Microsoft mit Bing", sagt Lothar Prison von der Mediaagentur Zed Digital.

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Eine detaillierte Bewertung der Experten finden Sie in der aktuellen HORIZONT-Ausgabe 34/2009, die am 20. August erscheint.

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Microsoft steht unter hohem Erfolgsdruck. Trotz Milliarden-Investitionen ist es dem Softwarekonzern in den vergangenen Jahren nicht gelungen, seine bisherige Suchmaschine MSN Live Search als echten Rivalen zum Quasi-Monopolisten Google aufzubauen. Nun will das Unternehmen mit Bing durchstarten. Der deutsche Ableger der Suchmaschine ist vorerst als Testversion verfügbar. Wann die Vollversion auch hierzulande startet, ist bislang nicht klar. bn

Lesen Sie in den folgenden Interviews, wie die befragten Experten Bing bewerten und welche Chancen sie der Suchmaschine im Kampf gegen Google einräumen.

Philipp von Stülpnagel
Philipp von Stülpnagel

Philipp von Stülpnagel, Geschäftsführer von Sumo, Köln

Wie bewerten Sie die Funktionen von Bing (US-Version)? Insgesamt glaube ich, dass Bing mit seinen Funktionen einen wesentlichen Schritt zu mehr Nutzerfreundlichkeit unternommen hat. Allerdings ist Google in diesem Bereich auch nicht untätig, und mit Funktionen wie dem Wonderweel oder Google Squared sogar wieder einen Schritt voraus. Insgesamt lautet mein Urteil zu den Funktionen in Bing: Ganz gut, aber nicht ausreichend um Google gefährlich zu werden.

Wie bewerten Sie die Nutzerfreundlichkeit (US-Version)? In der Schnelligkeit habe ich keinen wesentlichen Unterschied zu Google festgestellt, hier arbeiten beide Systeme auf hohem Niveau. Bei der Übersichtlichkeit können beide Suchdienste sich noch verbessern, eine stärkere grafische Separierung von Webseiten-Suchergebnissen und zum Beispiel News- oder Shoppingergebnissen wäre meines Erachtens wünschenswert. Ansonsten bin ich bei der Aufbereitung der Ergebnisse von Bing zwiegespalten. Als Beispiel: Das Abspielen von Videos im Suchergebnis oder die Textvorschau auf der rechten Seite. Das erspart dem User viel Zeit, bedeutet für den Webseiten-Betreiber aber auch, dass der User eventuell gar nicht mehr auf die Webseite geht, um die Informationen zu erhalten. In der Konsequenz könnte das sogar bedeuten, dass die Suchmaschine den eigentlichen Contentdarsteller enteignet. Da ist also ein nicht unerhebliches Konfliktpotential vorhanden.

Wie hoch bewerten Sie langfristig das Reichweitenpotenzial? In den USA kann ich mir schon vorstellen, dass Bing eine Reichweite von 30 Prozent dauerhaft erzielen kann. In Deutschland erwarte ich angesichts der Vormachtstellung von Google keine großen Veränderungen. 10 Prozent ist meines Erachtens das Maximum, was Bing hier erreichen kann. Die Marke Google ist einfach zu stark.

Wie bewerten Sie die Chancen, dass sich Bing langfristig als ernstzunehmender Konkurrent von Google etabliert? Egal ob in Deutschland oder in den USA - der User ist nur einen Klick von einer anderen Suchmaschine entfernt. Solange Microsoft das Thema Suche mit Bing strategisch ernst nimmt und weiterhin massiv in die Weiterentwicklung und Steigerung der Markenbekanntheit investiert, sind sie für Google ein ernstzunehmender Gegner. Ganz unabhängig davon, wie groß der aktuelle Marktanteil ist.

Jens Jokschat
Jens Jokschat

Jens Jokschat, Geschäftsführer von Pilot 1/0, Hamburg

Wie bewerten Sie die Funktionen von Bing? Kategorisierung und Local Search können zu den Stärken Bings werden. Die US-Variante lässt erahnen, wo hierzulande die Reise hingeht. Allerdings sind die Features besonders in der deutschen Version noch nicht ausgereift und liefern leider auch Irrelevantes.

Wie bewerten Sie die Nutzerfreundlichkeit? Angesichts des begrenzten Feature-Umfangs ist die Übersichtlichkeit gut. Der größte Vorteil: Google-konditionierte User finden sich schnell zurecht. Das ist eine absolute Grundvoraussetzung, wenn man Marktanteile gewinnen will.

Wie bewerten Sie die Treffgenauigkeit? Die Relevanz der Ergebnisse hat noch viel Luft nach oben. So rankt Bing augenscheinlich bei Anfragen zu aktuellen Themen Websites großer Medienmarken bevorzugt. Keywords im Domainnamen scheinen ebenfalls besonderes Gewicht zu erhalten. Im Vergleich zum Marktführer Google sehe ich keinen Qualitätssprung.

Wie schätzen Sie die künftige Relevanz von Bing im Werbemarkt ein? Nur eins ist sicher: Der Kanal Suchmaschinenmarketing wird generell eine führenden Rolle im Online-Werbemarkt behalten. Zudem wird die gemeinsame Vermarktung von Yahoo Search und Bing für Bing hilfreich sein. Letztendlich wird die Bedeutung im Werbemarkt jedoch von einem Faktor maßgeblich abhängen: den Usern. Wenn Bing die User überzeugt, werden die Werbegelder automatisch folgen.

Ronjon Sarcar
Ronjon Sarcar

Ronjon Sarcar, Geschäftsführer von iProspect, Hamburg

Wie bewerten Sie die Funktionen von Bing? Die Indexierung und die Darstellung verschiedener Medientypen (zum Beispiel Bilder, Videos) hat Bing meines Erachtens nach aus User-Sicht besser gelöst. Google verfügt jedoch über signifikant mehr Erfahrung, was die Wechselbeziehung der Ergebnisdarstellung verschiedener Medientypen und der Vermarktung von Textanzeigen angeht.

Wie schätzen Sie die künftige Relevanz von Bing im Werbemarkt ein? Google bleibt weiterhin führend. Microsoft hat sich für eine Kooperation mit Yahoo und damit zumindest im Bereich Textwerbeform für eine technisch schwächere Plattform entschieden, die mit Google aktuell nicht mithalten kann. Schon heute kommt der größte Teil des gut konvertierenden Traffics von Yahoo über Microsoft. Daher ist eine große Verschiebung der Anteile nicht zu erwarten. Anders sieht es bei den Display-Werbeformen aus. Hier gibt es mit Yahoo und Microsoft zwei Player, die diesen Markt heute schon hervorragend verstehen und die Bedeutung von Rabatten für Kunden nie in Frage gestellt haben.

Wie bewerten Sie die Chancen, dass sich Bing langfristig als ernstzunehmender Konkurrent von Google etabliert? Bing ist eine willkommene Alternative - die Launches von Bing und Nischensuchmaschinen wie Wolfram-Alpha beleben den Markt und haben heute schon dazu geführt, dass Google sehr schnell technische Innovationen live gestellt hat. So bleibt die Hoffnung, dass es auch eine Auswirkung auf die Preismodelle geben wird. Der Wettbewerb findet außerdem zunehmend mehr auf Commodity-Plattformen wie Google Docs, G-Mail und so weiter statt. Hier hat Microsoft außer den klassischen Client-Produkten der Office-Familie im Vergleich wenig zu bieten.

Welchen Marktanteil wird Bing innerhalb eines Jahres Ihrer Meinung nach erreichen? Bing wird sich hier in Deutschland bei 10 Prozent einpendeln. Google bleibt mit über 90 Prozent Marktführer.

Lothar Prison
Lothar Prison

Lothar Prison, Managing Director Zed digital und Zed performance, Düsseldorf

Was sind die Stärken und Schwächen von Bing (deutsche Version)? Bilder- und Videosuche sind besser als bei dem Microsoft-Vorgänger MSN Live Search. Mit Filtern wie Format, Größe, Farbe, Personen und Layout ist eine deutlich verfeinerte Recherche möglich. Die größte Schwäche, die eine Suchmaschine haben kann, ist, dass sie keine Reichweite hat. Wenn man sich den Markt in Deutschland anschaut, ist Google mit einem Marktanteil von rund 90 Prozent sehr dominant. Als Werbungtreibender kann man sich natürlich ausrechnen, wie wenig Potenzial man derzeit noch bei Bing hat.

Welche Reaktionen beobachten Sie denn bei Werbekunden? Werbungtreibende zeigen ein sehr großes Interesse an Bing. In einem Markt wie diesem, der sehr stark von einem Player dominiert wird, sorgt es immer für Aufsehen, wenn ein namhaftes Unternehmen wie Microsoft ein Konkurrenz-Produkt herausbringt. 

Wie reagieren Sie auf das Kundeninteresse? Wir ziehen für unsere Kunden alle Optionen. Kaum eine unserer Kampagnen konzentriert sich ausschließlich auf Google, sondern sobald wir ein Potenzial sehen, dass wir für den Kunden heben können, nutzen wir das auch. Genauso ist es jetzt bei Bing, wo unsere Kunden bereits vertreten sind. Wir schauen uns die Ergebnisse sehr genau an. Bing wird es schaffen müssen, relativ schnell auf eine relevante Reichweite zu kommen. Zielsetzung sollte es mindestens sein in den zweistelligen Prozentbereich zu kommen.

Aufgrund der dominanten Stellung von Google war das Verhältnis zwischen dem Internetkonzern und den Agenturen nicht immer ganz unproblematisch. Wie bewerten Sie es, dass Microsoft versucht, ein Gegengewicht zu Google aufzubauen? Wir sind sehr aufgeschlossen gegenüber Bing. Gerade wenn ein Markt so stark von einem Player dominiert wird, sorgt ein neues Angebot für Belebung. Allerdings muss ich auch sagen, dass wir ein extrem gutes Verhältnis zu Google haben. Als Vivaki-Network sind wir das einzige Agenturnetzwerk weltweit, das eine sehr enge und umfassende Partnerschaft mit Google hat.

Niko Bardowicks
Niko Bardowicks

Niko Bardowicks, Vorstand von Online Marketing Solutions, Eschborn

Wie wichtig ist die neue Suchmaschine von Microsoft bislang im SEO-Geschäft? Momentan ist Bing in Deutschland nicht sehr relevant. Wir fahren zwar bereits erste Tests und analysieren, wie der Suchdienst funktioniert, aber wir haben noch nicht damit begonnen Kundenwebsites für Bing zu optimieren. Sobald jedoch die amerikanische Vollversion hierzulande startet und die Marktanteile wachsen, steigt sicher auch die Relevanz für Suchmaschinenoptimierung.

Wie bewerten Sie die Funktionen von Bing (deutsche und US-Version)? Die deutsche Bing-Suche entspricht größtenteils noch der Suche mit dem Microsoft-Vorgängermodell MSN Live Search. Die Vollversion in den USA verfolgt dagegen einen Unified-Search-Ansatz, das heißt spezialisierte Suchfunktionen sind möglich. Wenn ich beispielsweise an Hotel in New York suche, kann ich nicht nur nach Preisen und Sterne-Kategorien auswählen, es ist such möglich direkt bei Bing zu reservieren. Die Gefahr hierbei ist natürlich, dass Portale wie HRS und Preissuchmaschinen an Reichweite verlieren.

Wie bewerten Sie die Chancen von Bing, sich als ernstzunehmender Google-Rivale zu etablieren? Wenn sich Yahoo und Microsoft zusammentun, ist Bing bereits ein ernstzunehmender Konkurrent von Google. Denn beide Unternehmen werden gemeinsam auf einen Marktanteil von rund 28 Prozent kommen.

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