Experte: Google füllt in der Wirtschaftskrise seine Kriegskasse

Freitag, 17. April 2009
Ralf Kaumanns
Ralf Kaumanns

Der Internetriese Google hat seinen Geschäftsbericht für das 1. Quartal 2009 veröffentlicht. Demnach erweist sich der Konzern als weitgehend resistent gegenüber der Wirtschaftskrise. HORIZONT.NET hat mit Ralf Kaumanns, Berater bei Accenture, über die Zahlen und die Strategie von Google gesprochen. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum hat Google trotz der Rezession Umsatz und Gewinn steigern können. Ist denn tatsächlich alles im Moment so positiv wie es auf den ersten Blick scheint oder sehen Sie auch Schattenseiten? Ich bin sogar der Meinung, dass sich Google derzeit ein wenig schlechter darstellt als das Unternehmen in Wirklichkeit ist. Denn wenn man mal in die Bilanz hineinschaut, sind die Bar-Reserven innerhalb der letzten drei Monate von 8,6 auf 10,4 Milliarden US-Dollar gestiegen, das heißt Google hat netto 1,8 Milliarden US-Dollar an Bar-Reserven zusätzlich aufgebaut. Das hätte der Konzern natürlich auch als Gewinn ausschütten und sich noch besser präsentieren können. Die Strategie kann verschiedene Gründe haben. Möglicherweise möchte Google im Kontext der Wirtschaftskrise nicht noch mehr Neid schüren. Zum anderen werden sicher auch die Kriegskassen gefüllt.

Halten Sie es für realistisch, dass Google die gut gefüllte Kasse nutzt, um Twitter zu übernehmen? Bisher hat mir noch keiner den langfristigen strategischen Sinn einer solchen Übernahme erklären können. Interessant ist sicher die Wirkung von Twitter auf Blogs - und Google hat ja vor einigen Jahren die Software Blogger gekauft, mit der User Netztagebücher erstellen können. Einen tieferen strategischen Sinn sehe ich jedoch nicht. Schließlich besteht die große Schwierigkeit darin, das Angebot von Twitter zu monetarisieren. Paid Content wird es hier sicher nicht geben und Werbung in eine solche Echtzeitkommunikation zu integrieren, halte ich für sehr schwierig.

Sehen Sie andere Bereiche, wo Zukäufe strategisch sinnvoller wären? Es gibt drei Geschäftsfelder bei Google: kostenlose Dienste wie die Internetsuche, Werbung und Applikationen. Ich könnte mir vorstellen, dass Google in den Kerngeschäftsfeldern Werbung und Applikation weiter akquirieren könnte. Hier wird sich Google - wie auch in der Vergangenheit - gezielt nach geeigneten Kompetenzen und Patenten umschauen.

Google hat angekündigt, mehrere Hundert Stellen zu streichen. Wie bewerten Sie das? Netto beträgt die Zahl der Mitarbeiter im 1. Quartal 2009 rund 20.000. Da fallen ein paar hundert Entlassungen nicht wirklich ins Gewicht. Hier baut man wahrscheinlich redundante Strukturen ab, die über die Jahre gewachsen sind. Ich glaube nicht, dass das irgendeinen signifikanten Effekt auf das Geschäft und den langfristigen Erfolg haben wird.

Die Bedeutung der Werbeerlöse ist bei Google kontinuierlich gestiegen. In welchen Bereichen besonders? Es gibt zwei große Erlösquellen; alles, was mit den eigenen Websites zu tun hat - also AdWords - und die Werbeerlöse, die über AdSense, also das Werbenetzwerk, generiert werden. In den letzten Jahren hat sich die Umsatzverteilung kontinuierlich zu Gunsten der eigenen Angeboten, sprich AdWords, verschoben. Heute ist es so, dass 67 Prozent des Umsatzes aus eigenen Angeboten stammen und nur noch 30 Prozent aus dem Ad-Sense-Netzwerk. Vor einigen Jahren war das fast ausgeglichen. Dies zeigt das, dass Google seine eigenen Potenziale zur Monetarisierung konsequent nutzt. Das Neueste ist Werbung bei Google Finance oder Google News - zumindest in den USA.

Google News ist stark in die Kritik wegen Urheberrechtsverletzungen geraten. Glauben Sie, dass ein größerer Rechtsstreit auf Google zukommt? Es ist schwer zu sagen, ob jemand klagen wird. Was man aber sehen kann, ist, dass Google einen massiven Strategieschwenk vollzogen hat. Ursprünglich hat Google News lediglich die Headlines plus ein oder zwei Sätze zitiert und dann hat auf die Verlagssite verlinkt. Nach eigener Auskunft hat Google so jährlich mehr als 300 Millionen Klicks auf Verlagssites gebracht. Jetzt hat Google jedoch die Rahmenverträge mit Presseagenturen abgeschlossen und platziert deren Nachrichten auf seiner amerikanischen Site als sogenannte hosted news als Volltext ganz oben in der Trefferliste. Die Verlagsreferenzierungen stehen dagegen jetzt weiter unten. Nun kann man sich ausrechnen, dass die Zahl der weitergeleiteten Klicks auf die Verlagswebsites massiv sinken wird. Ich glaube, dass die Verlage mit ihrer harten Haltung gegenüber Google an dem Ast gesägt haben, auf dem sie sitzen. Sie verlieren  massiv Traffic, den sie nicht so ohne weiteres über andere Wege bekommen werden. Interview: Bettina Neises
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