Exklusiv: Ralf Schmerberg bloggt für HORIZONT.NET aus Cannes

Sonntag, 24. Juni 2012
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Er ist einer der bekanntesten Werbefilmer Deutschlands und drehte unter anderem für Levi's und Nike. Aber er ist auch Künstler, macht Fotos und dreht Musikvideos und Dokus. In diesem Jahr sitzt Ralf Schmerberg in der Cannes-Jury der Wettbewerbssparte Film Craft. Exklusiv für HORIZONT.NET bloggt Schmerberg von seinem Juryalltag und seiner Zeit in Cannes.

Freitag, 22. Juni

Endlich mal ein paar Stunden Schlaf gefunden und den Wecker überhört. Ich wache auf und die Uhr sagt, dass ich eigentlich schon im Palais sein müsste. Wie in einem Commercial versuche ich also in 60 Sekunden zu duschen, mich anzuziehen etc. Ich renne runter zum Buffet, streiche mir zwei Brötchen, die ich in die Tasche stecke, renne die Croisette runter und rauch dabei eine schnelle Zigarette.

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Ich glaubs nicht, seit dem ich hier bin, ist alles nur noch Hektik. Schnaufend angekommen, bekomme ich einen strafenden Blick fürs unpünktlich sein vom Craft-President Espen Horn. Na ja, wenigstens demontiere ich den deutschen Stereotypen der Pünktlichkeit auf diesem Festival.

Heute gehts endlich ums Ganze. Wir wollen endlich Facts schaffen und die Preise vergeben. Grundlage dafür ist die bisher erarbeitete Shortlist, die je nach Kategorie so 10 bis 20 arbeiten umfasst. Das werden wir in mehreren Runden machen. Regel eins: Einmal etwas beschlossen, können wir es nicht mehr downgraden, upgraden ist später aber weiterhin möglich. Also wird Gold erstmal mit viel Zurückhaltung vergeben.

Um 10 Uhr  beginnen wir in Art Direction die Medaillen zu vergeben und sind zu dem Zeitpunkt noch extrem geizig, was an der allgemeinen Übermüdung liegt. Müde Leute sind einfach nicht großzügig, was sich aber von nun an Stunde für Stunde bessert. Generell hatten sich in unserer gesamten Shortlist ca. drei Filme mehrmals weit oben positioniert. Das sind „Three Little pigs" für den Guardian sowie „Best Job" für Procter & Gamble - ich nenn ihn den „Muttifilm" - und für Canal+ der herzzereißende Film „Bear".

Diese drei Filme sind die wirklichen Abräumer der Craft-Einsendungen: oft eingereicht über alle Disziplinen und überall als handwerklich hochwertig wahrgenommen, dazu viele tolle Einzelleistungen. Mein persönlicher Liebling ist „I am Mumbai" für die Times of India.

Es wird gelabert, gestritten, diskutiert und immer wieder abgestimmt. Manchmal sind alle Hände oben, manchmal bleiben ganz überraschend viele Hände unten. Gold hier, Silber da, die Löwen kommen aus dem Käfig und finden ihre Filme. Im Ganzen sind wir uns sehr schnell einig, was Gold, was Silber und was Bronze verdient.

Wir stimmen ab für die Kategorie Direction und ich schaffe es mit einem Plädoyer „I am Mumbai" mit Gold zu beglücken. Mehr darf ich heute und hier noch nicht so richtig verraten. Schweigepflicht. Im Laufe des Tages bekomme ich mehrere SMS aus Deutschland und anderswo, ich möge doch bitte hier und dort etwas für die Filme tun. Ja hallo! Was soll das denn!! Schieberei ist nicht, wir sind Künstler hier in der Craft-Jury und keine Vertreter von Werbeagenturen, die versuchen, durch Connections was zu ergattern.

Das muss ich ehrlich mal sagen: Es gibt da ja viele Gerüchte, an denen bestimmt viel dran ist. Hier in der Craft-Jury aber wurde, soweit ich es sehe, nix gemogelt. Immer wenn eine Arbeit dran ist, mit der jemand direkt zu tun hat, muss er den Raum verlassen. In meinem Fall für Levi's und Hornbach. Wir nennen es den „Walk of Bronze", da bei jedem von uns, der draußen war, immer nur Bronze rauskommt. Und das ist ungefähr zehnmal der Fall. It becomes our running gag.

Next: Production Value, wo es nur sechs Shortlistplätze gab, geht relativ schnell. Zwei Gold, ein Silber, eine Bronze. Hornbach war leider kurz vor Schluss von der Shortlist geflogen. Sehr schade für Trigger Happy, da kann man halt nix machen. Ich fands trotzdem richtig ärgerlich, aber das ist was Persönliches. Wir gewinnen halt alle gerne.

Cinematography bekommt kein Gold dieses Jahr, weil wir der Meinung sind, dass alle zu klassisch, zu auf Sicherheit im Moment Filme machen, und das zeigt sich dann automatisch in der Visualität am meisten. „Progress" aus Deutschland hatte es zwar hier auf die Shortlist geschafft, aber bei weiterem Sezieren des Handwerks waren wir der Meinung, dass die Bilder in der Werbung zwar auffallen, aber wenn man es vergleicht mit dem, was die Wissenschaft heute an Bildern visuell erstellt, ist es halt doch nur durchschnittlich. Mir persönlich tat es leid. Für mein Land fand ich den Film schon außergewöhnlich.

Zum Mittagessen sind Zweidrittel der Preise vergeben, und  mittlerweile sind wir alle hellwach geworden und euphorisiert von der Macht, die man hier hat Preise zu vergeben. Wir sind mittlerweile auch viel großzügiger. Gold hier, Silber da, der kriegt nix oder vielleicht doch. Na gut, gib ihm ne Bronze.

Gold für Editing geht an einen wahninnig witzigen frischen Foodfilm für ein Stück Butter, den wir alle lieben und auch fast für den Grand Prix gewählt hätten. Ich werde rausgeschickt für meinen Levi's-Film „Go Forth" und der „Walk of Bronze" trifft auch mich. Na ja, at least a Lion. Am Ende der einzige aus Deutschland aus der Craft-Sektion.

Wir kommen zu Script, eine für mich sehr wichtige Kategorie, weil es der Geburtsmoment von jedem Film darstellt. Ein scheiss Script bleibt schlecht, ein gutes Script ist ein Geschenk für alle, die danach kommen. Der „Bear" punktet wieder und macht sein x-tes Gold. So auch die Schweine. Am Ende denkt man, es gibt hier nur Tierfilme, die was gewinnen. Auch Filme mit Außerirdischen haben gute Chancen wie der deutsche Beitrag „Going Home". Fast hätte er Silber bekommen. Doch dann hält ein Jurymitglied, das ich jetzt besser nicht nenne, ein vernichtendes Plädoyer und bums will keiner mehr dafür die Hand heben.

Es ist schon extrem, wenn zur Abstimmung ein Film kommt und unerwartet keiner dafür stimmt oder nur einer die Hand oben hat. Da sieht man dann immer a bisserl doof aus und nimmt den Arm wieder runter als wär nix gewesen.

Next: Best use of music - was immer das heißt.  Wir wurden uns nie ganz einig, was damit gemeint ist. Es heißt auf jeden Fall nicht Composition. Ich haue Lady Gaga für Google raus, weil ich sage, da kann ja jeder einen Promi mit einem bekannten Song einkaufen. Ich bin froh, dass mir
die anderen folgen. Gestern gab es noch einige GAGA-Fans in der Jury, die den ganz ganz doll fanden. Auch hier gibt es kein Gold, da sich niemand wirklich was Neues getraut hat.

Weiter mit Sound Design, wo „Progress" auch geshortlisted war, aber auch hier leider leider ist am Ende niemand dafür gewesen. Armes Deutschland! Man muss aber mal klar sagen, die Deutschen haben in Craft sehr wenig und sehr unnachvollziehbar ihre Arbeiten eingereicht, obwohl man hier wirklich richtig gut etwas gewinnen kann.

Visual Effects: Gold geht an den 7-Millionen Megabudget-Film „L`Odysse" von Cartier. Ein mega-schwülstiges, um-was-gehts-hier-eigentlich Kurzfilmchen, das bestimmt wo anders gar nix gekriegt hätte. Aber die Visual Effects sind einfach ein Novum und wir machen hier Craft also Handwerk.

Letzte Kategorie ist Animation, wo wir Gold an „Back to the Start" vergeben. Das halte ich für völlig übertrieben und für ne Weile die ganze Jury aufhalte, um sie zu überzeugen, dass die Animation doch Kinderkram ist. Aber alle anderen lassen sich von Mrs. Jackson überzeugen, dass der Film
für Amerika eine ganz wichtige politische Message hat. Ja ok, seh ich auch so, hatte aber bisher null Relevanz.

Wir sind einmal durch und jetzt nach einer ersten Zigarettenpause wird noch mal aufgewertet. Einzelne Filme kommen eine Treppe höher. Unser Favorit „Three Pigs" hat so schlecht abgeschnitten, dass wir ihm statt zwei Silber zwei Gold geben. Wir diskutieren lange, warum eine Kategorie kein Gold hat und schauen und diskutieren noch mal genauer. Bei Cinematography bleibt es dabei. Ich glaub, das ist meine Schuld. Am Ende sagen alle, dass wenn ich etwas diskutiere man kaum dagegen sein kann. Ist das ein Kompliment oder eine Kritik?

Wir kommen zum Ende und der Stress der letzten Tage fällt von uns allen. Jetzt nur noch der Grand Prix und der geht an die Franzosen mit ihrem Tierfilmchen „The Bear". Why not? Es gab auch kaum Konkurrenz außer die Pigs und der Mamafilm. Die Box ist zu, die Arbeit getan. Unerwarteterweise gibt es dann sogar vom Festival eine Flasche billigen lauwarmen Champagner für neun erwachsene Menschen zur Belohnung.

Ich bin gottfroh, das Palais zu verlassen. Hab in fünf Tagen nix vom Festival gesehen, war auf keiner Party, einmal zum Essen, nie in der Sonne. Hat es sich gelohnt? Ja, denke schon. Ich weiß jetzt, wie die Mühle sich
dreht, das man das ganze niemals zu ernst nehmen sollte. Habe viele Commercials gesehen, was ich eigentlich nie tue. Hab meinen eigenen kleinen Bronze-Löwen und werde nächstes Jahr eine Beratungsstelle für Einreichungen aufmachen.

Nach einer Dusche geh ich endlich mit meiner Freundin raus auf die Croisette. Radical Media gibt ein großes Dinner und endlich kann ich mal damit angeben, dieses Jahr in der Jury gewesen zu sein. Deutschland hat zwar nix groß gewonnen, aber immerhin war ich das erste deutsche Jurymitglied in der Craft-Jury. Das heißt ja auch was. Oder Leute?

Ich verplemper die Nacht auf der Croisette und betrinke mich standesgemäß. Am frühen morgen treffe ich auf ein Mädchen von der Produktion von „Progress". Sie kommt schüchtern zu mir und fragt, ob sie was gewonnen hätten, nachdem schon ihre Party verboten wurde. Schluck, was sag ich der jetzt? Am besten die Wahrheit: leider NIX. Ich nehme sie tröstend in den Arm und sag ihr, dass für Deutsche ein Shortlistplatz schon immer eine Ehre war, da es anderen oft auch so ging.

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Donnerstag, 21. Juni

Am Mittwoch bin ich dann also schnell nach Hamburg geflogen, um bei den Lead Awards, wo man mich freundlicherweise als Best Creative Leader nominiert hatte, teilzunehmen. In Deutschland ist es natürlich viel kälter, aber auch viel entspannter als an der Croisette. Man merkt sofort der Unterschied zwischen den beiden Awards - Cannes versus Lead Awards. Cannes ist für mich eigentlich nur eine Geldmaschine, die uns Werber melkt und vorgibt, das Beste vom Besten zu vergolden. Ich bezweifle das System mittlerweile schwer, nachdem ich zu viel Einsicht bekommen habe.

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Das außergewöhnliche bei den Lead Awards ist, dass man nichts einreichen kann, sondern dass Kreative Arbeiten nominieren. Dadurch fühlt sich alles viel ehrlicher und richtiger an, hier heute einen Preis zu gewinnnen.  Hamburg ist natürlich mal wieder top angezogen und ich freu mich darauf, viele liebe alte Bekannte zu treffen.

Gute Show, gute Gewinner, ich selbst freu mich riesig über meinen Preis und mach mich danach mit einem Fahrer auf den Weg nach Berlin, um meine Freundin bei ihrer Geburtstagsparty zu überraschen. Um 3:30 Uhr fahr ich wieder zurück nach Hamburg, um den Flieger nach Cannes rechtzeitig zu catchen.

Mit etwas Verspätung sitz ich Donnerstag natürlich völlig übermüdet da - nicht geschlafen - wieder im Palais. Meine Jury weiß, was ich hinter mir habe und bleibt mit mir freundlich. Ich muss aber zum Mittagessen nachsitzen und die Filme bewerten, die ich Tags zuvor verpasst habe.

Nachdem wir zwei Tage durchgesiebt haben, ist unsere Aufgabe heute, die Shortlist fertig zu machen, was uns alle sehr stresst, da wir das Gefühl haben, die Sachen nicht richtig gesehen zu haben. Animation, Sound Design und Best Use of Music fällt uns am schwersten, wir vermissen gute Arbeit.

Auch Best Production Value bekommt nur sechs Shortlistplätze, was allerdings daran liegt, dass hier fast niemand etwas eingereicht hat. Die Gruppe fängt endlich an zu diskutieren und zu streiten, manchmal fast zu schreien. Ich selber rege mich viel zu sehr auf, da ich das Judging System generell für ungerecht halte. Nach und Nach finde ich heraus, dass es anderen genau so geht, die meckern nur nicht so laut.

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Um 18 Uhr sollen wir das Gebäude räumen, weil Bill Clinton irgendwo ne Speech hält, was mich aufregt. Warum soll ich wegen dem das Haus verlassen? Wir protestieren und ziehen in das Untergeschoss um weiterzumachen.  Wir haben noch viel zu viel zu tun und rennen gegen die Zeit an. Draußen ist überall Party Party, Party.... Ich bin mittlerweile auch wegen Übermüdung genervt und will das erste Mal abhauen, aufgeben, hinschmeißen. Es gibt nix zum Trinken auch nix zum Essen. Man kümmert sich hier um die Jury eigentlich null. Um 22 Uhr gibt es ne lauwarme Pizza. Hallo.... Was kostet hier eine Einreichung und wir sollen Pizza runterschlingen? Wir sind um 23 Uhr fertig mit der Shortlist und dürfen jetzt  nochmals jeder eine Sache vorschlagen die es nicht geschafft hat. Aber wir sind ausgeblutet und spüren nicht mehr viel. Von daher kommen noch zwei bis drei Vorschläge, dann machen wir die Box zu wir sind nicht richtig zufrieden. Aber wenigstens haben wir ne Shortlist.

Wir stolpern um Mitternacht aus dem Gebäude in die Nacht, auf den Straßen ist Carneval. Ich selber schleppe mich nur noch ins Hotel und will schlafen, schlafen, schlafen. Am Ende geh ich doch noch ne Runde raus, um nicht alles zu verpassen.

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Mittwoch, 20. Juni

Gestern Abend spürte man bereits das Anschwellen des Festivals. Noch sind die Stimmen der Leute wahrnehmbar. Bald schon wird das Gekrächze der Stimmen sich einstellen von Übernächtigung und zuviel Networking. Der übliche Cannes Wahn ist am anrollen. Die Partys an der Croisette gestern Nacht hatten mal wieder die schlechtesten DJs, die man buchen kann. Alles nur sentimentale Trashmusik. Keiner tanzt, alles trinkt.

Die Carlton Terasse ist wie jedes Jahr fest in der Hand der Amerikaner. Ich nenn es den Wellensittich-Käfig. Die Deutschen bevorzugen das Gelände um das Majestic-Hotel. Der Rest ist irgendwo dazwischen. Die Neulinge haben eine Villa in den Bergen und sind stolz darauf, dass nie jemand es dort hin schafft, sie zu besuchen. Man könnte ja verloren gehen.

Ich selbst bin dann doch wahrhaftig gestern um 1 Uhr bereits ins Bett gegangen. Die Vorstellung, beim Screenen einzuschlafen, gibt mir die Disziplin, das süße Leben der Croisette zu verlassen.

Heute Morgen geht es wieder um 9 Uhr in den Viewing-Bunker. Wir fangen an mit Visual Effects. Die Autoindustrie scheint hier gerne viel Geld auszugeben, um innovativ zu wirken. Am Ende ist alles neumoderner Futurequatsch, der uns eine Welt zeigt, in der der Mensch immer mehr das Hässlichste ist.

Danach geht es über in Animation. Auch nicht innovativer, eher noch viel schlimmer. Nach 150 Commercials mit zappelnden netten Figürchen, die so spiessig sind, dass die Sesamstrasse einem wie eine Punkveranstaltung vorkommt, kriege ich echt eine Sinnkrise.

Nach zwei Tagen gucken zeigt sich schon, dass wir eher uns zu Awards zwingen werden. Bestimmt ist nicht vieles darunter, das das Siegel Craft verdient. Die Amerikanerin sagt, es liegt an der allgemeinen Finanzkrise, dass die Werbung im Moment so langweilig und unmutig ist. Ich glaube, die hat ausnahmsweise Recht.

Ich verlasse um 16 Uhr die Jurysitzung, um mit dem Flugzeug für den Abend nach Hamburg zu den Lead Awards zu reisen, um einen Preis entgegenzunehmen. Eigentlich der volle Wahnsinn, aber Markus Peichl hat mich dermaßen überredet, unbedingt zu kommen, so dass ich dazu ja gesagt hatte.

Eine Stunde später sitze ich in einem Privatflugzeug, das die Lead-Academy für mich gechartert hat. So bin ich für 18 Stunden raus aus dem Trubel. Morgen um 9 Uhr werde ich dann wieder in der Jury in Cannes sitzen. Bin mal gespannt, was meine Kondition zu dem ganzen hin und her zu sagen hat.

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Dienstag, 19. Juni

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Bisher bin ich in der Regel, wenn ich hier war, immer zum Sonnenaufgang ins Bett getorkelt. Heute sehe ich das erste Mal die Croisette um 8 Uhr komplett leergefegt. Für mich ein neues Gefühl, mal der Erste anstatt der Letzte zu sein.

Unsere Jury-Gruppe Film Craft traf sich bereits um 8.30 Uhr in der Lobby. Damit keiner verloren geht, werden wir gemeinsam zu Fuß ins Palais des Festival von Assistenten begleitet.

Meine Jury ist aus aller Welt zusammengestückelt. Ivan Zacharias, der Jurypräsident, ist leider nicht gekommen, da er angeblich familiäre Probleme hat. Schade, auf ihn hatte ich mich gefreut, haben wir doch in den letzten Jahren um viele Projekte gemeinsam gepitcht.

Im Screening Room A werden wir die nächsten Tage festgesetzt. Die wollen, dass wir über 1300 Arbeiten anschauen. Ich kriege meine erste Panik. 1300 hört sich wie eine Strafe an. Der Raum ist zu kalt, der Kaffee ungenießbar, dazu trockene Croissants, die über den Tag immer trockener werden.

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Wir fangen an zu screenen. Bye bye, Croisette. Dieses Mal bekomm ich wenigstens keinen Sonnenbrand. Im Prinzip werden wir erstmal zwei Tage lang ausmisten. Das heißt, nur gucken, gucken, gucken. Und voten von 1-9. 1 ist: Schlechter geht es gar nicht. 4 ist: Naja, kommst trotzdem nicht weiter. Eine 6 heißt: Ich hab irgendwas gespürt. 9 ist fast unerreichbar, da wir als Werber natürlich das keinem anderen so richtig gönnen.

In der ersten Craft-Runde geht es um Direction, also eigentlich um meine Freunde von der Konkurrenz. Ich drücke und drücke, Film für Film meine Meinung in das Digital Tablet. 1-1-1-2-3-1-2-1-4-1-1-2-1 - hoffentlich kommt da noch was, wofür es sich lohnt, da zu sein. 1-2-1-3-5 - opps ne 6, ich werd wohl großzügiger. 2-1-3-5-1 - und so geht das jetzt zwei Tage. Na, hurra.

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Bis zum Mittagessen wollen wir Direction durch haben, noch sind alle scheu, wir sprechen wenig Seiichi Hishikawa aus Japan wird wohl die nächsten Tage nicht viel sagen, während die Amerikanerin Diane Jackson schon jetzt ganz unruhig wird. Die hat bestimmt noch ganz viel zu sagen, traut sich nur noch nicht zu nerven.

Dann ist da noch ein freundlicher Brasilianer: Dulcidio Caldeira, auch ein Regisseur. Der Rest der Truppe sitzt im nächsten Screening Room und schaut sich die andere Hälfte der Filme an. Aufgrund der Masse habe wir die Vorauswahl aufgeteilt.

2-3-5-2. Mir fällt langsam auf, dass ich kaum eine Handschrift von Regisseuren entdecke, es wirkt alles so glatt, brav und allgemein gehalten, bin leicht frustriert. Vieles ist laut, weniges hat Innovation oder Neues. Wenn Geld da ist, soll es wie großes Kino aussehen dann macht man anscheinend Mini-Spielfilme. Ridley Scott ist nicht da und der könnte das. Der Rest sollte lieber geile Commercials machen.

Endlich alles gesehen in der ersten Kategorie. Adieu Regie!!! Niemand bleibt so richtig wirklich haften, hab ein paar Mal herzlich gelacht, einmal fast geweint. I can see some kind of gold, bestimmt keinen Grand Prix, naja, vielleicht waren die richtig bemerkenswerten Filme in der anderen Gruppe gewesen.

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Es gibt endlich eine Mittagspause. Draußen auf dem Balkon trifft man endlich mal auf andere Menschen. Hallo, Hallo, Tag, Tag, wie geht’s – ja super – nix Wichtiges. Das Essen ist nicht gerade großzügig dafür, dass man umsonst arbeitet. Verkochter Lachs oder Fleisch, nix für Vegetarier. Ja, hallo Frankreich!!! Cannes!!! Was kostet hier ein Ticket? Ich rauch noch schnell zwei Zigaretten, bevor es weiter geht.

Zurück in die Dunkelkammer, der Nachmittag ist Cinematography und Editing. Beim Essen ist untereinander das menschelnde Eis gebrochen, unsere Charaktere kriechen langsam hervor und wenn ich ehrlich bin, krieg ich langsam Lust auf die ganze Sache.

Cinematography heißt in unserer Branche meistens zu versuchen, so zu tun als wäre es Kino. Manchmal klappt das und dann ist es richtig gut, ansonsten sieht man eher heute Nachmittag, was man falsch machen kann. Dritte Welt darf immer wackeln, auch Skateboarder. Der Rest spielt im Rechteck der Filmschule der 90er Jahre. Alles wirkt durchschaubar, nix zieht mich richtig rein.

Ich glaub, das liegt an der Masse, die man sich hier reinschaut, meine Augen brennen schon. Es macht müde, man wartet auf das tolle Ding und es will nicht so richtig kommen. Am besten gefallen mir zwei Filme für eine Fuji Kamera.

Editing ist noch schwieriger, da geht kaum etwas, wo jemand etwas versucht oder ausprobiert. Alles wirkt gleichgeschnitten. I miss Hank Corwin in this. Mittlerweile habe wir uns untereinander abgesprochen, dass, wenn jeder gevotet hat, wir vorspringen zum nächsten Film, um Zeit zu sparen und die Langeweile zu verkürzen. Auch sehen wir manchen Film schon zum dritten Mal und können uns von daher schnell ein Urteil bilden.

Wir kommen um 19 Uhr zum Ende und haben bereits mehr als 400 Commercials gesehen. Mir brennen die Augen und mein Niktotinpegel ist weit unten. Jetzt raus ins die Sonne und tief Luft holen. Ich freu mich auf ne Dusche. Etwas leckeres zum Essen und da draußen weiß man ja nie, was noch so passiert.

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Montag, 18. Juni

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Heute geht’s dann doch wahrhaftig los nach Cannes, und ich sitze übernächtigt im Flugzeug und versuche den verlorenen Schlaf noch schnell nachzuholen, was nicht so richtig gelingt, da neben mir zwei Frauen die ganze Zeit auf dänisch am Quatschen sind.

Ich war die letzten Jahre immer mal wieder hier und hatte immer diesen Mix aus Ablehnung und Anziehung verspürt, den wohl viele Leute mit mir teilen. Am Flughafen in Cannes angekommen: Der erste wahre Vorteil in der Jury zu sein, steht da doch gleich ein Fahrer mit meinem Namen auf einem Schild und spricht mich auch noch freundlichst auf Deutsch an. Während der Fahrt lerne ich, dass alle Fahrer fürs Festival aus Deutschland kommen, weil die so sagenhaft pünktlich und zuverlässig wären.

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Untergebracht bin ich mit meiner Jury im Grand Hotel, und auch das freut mich, habe ich die letzten Jahre doch immer irgendwo auf einem Sofa oder in billigen Hotels gewohnt. Als Schwabe habe ich es nie eingesehen, den Franzosen ihre unverschämt teuren Preise zu bezahlen.

Bin trotzdem todmüde und bei einem ersten Spaziergang auf der Croisette knallt die Sonne so heiß auf mich ein, dass ich mich erstmal wieder im Hotel verkrieche und meine Juryunterlagen durcharbeite, um eine Ahnung davon zu bekommen, was da auf mich jetzt so alles zukommt.

Später gibt es einen Begrüßungscocktail. Ob ich es da hinschaffe, steht noch in den Sternen. Ich werde mich erstmal mit meinen Leuten von Trigger Happy treffen und gemeinsam im Prune Meeresgetier und Roséwein vertilgen. Wer weiß, ob morgen, wenn das Gejudge losgeht, noch Zeit ist, sich zu amüsieren und in Ruhe zu essen.

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