Exklusiv-Interview: FAZ-Gruppe steht vor weiteren Einsparungen

Mittwoch, 12. Juni 2002
Jochen Becker und Dieter Eckart im Gespräch mit HORIZONT
Jochen Becker und Dieter Eckart im Gespräch mit HORIZONT

HORIZONT: Nimmt man die Schlagzeilen trächtige Walser-Diskussion, könnte man den Eindruck gewinnen, dass die Politik bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zurzeit immer öfter im Feuilleton gemacht wird. Hat das Verfahren Methode, um die Marke "FAZ" im darbenden Lesermarkt wieder stärker ins Gespräch zu bringen?
Dieter Eckart: Das war ganz sicher keine Marketing-Aktion. Es handelte sich bei dem Walser-Buch ja auch nicht, wie es stellenweise behauptet wurde, um eine unredigierte Druckfahne. Da der Suhrkamp-Verlag den Roman bei uns als Vorabdruck erscheinen lassen wollte, musste die Zeitung dazu Stellung beziehen.

Das hätte Ihr Mitherausgeber Frank Schirrmacher ja auch mit einem nicht-öffentlichen Brief an Herrn Walser tun können.
Eckart: Sicher, das wäre möglich gewesen. Nur muss man berücksichtigen, dass in diesem Falle die Zeitung in einen Rechtfertigungszwang gefallen wäre, der das Feuilleton und die Literatur in eine sehr viel schwierigere Situation gebracht hätte. Insofern war die publizistische Flucht nach vorne eine sehr vernünftige Variante.

Für die sie aber auch die ein oder andere Feuilleton-Redaktion wie die der "Süddeutschen" und der "Zeit" rügt.
Jochen Becker: Was nur belegt, dass nicht wir auf Schlagzeilen aus sind, sondern Kollegen und ehemalige Mitarbeiter der "FAZ", die jetzt für Wettbewerber schreiben. Wir wussten ja schließlich nicht, wie Martin Walser reagieren würde, wenn Frank Schirrmacher ihm diesen Brief persönlich geschrieben hätte. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass er bei einer anderen Zeitung gelandet wäre, die dann den Stab über uns gebrochen hätte. Insofern hat Frank Schirrmacher das Bestmögliche aus der Situation gemacht.

Das Bekenntnis zu Print reflektiert auch die Positionierung ihres Hauses insgesamt, das die elektronischen Medien als Umsatzstandbein nicht stark gewichtet. Planen sie hier mittelfristig ein stärkeres Engagement?
Becker: Unser Engagement in den elektronischen Medien ist bewusst auf einem überschaubaren Niveau. Wenn man mit TV oder Internet einen strategischen Ansatz verfolgt, muss man sich sehr genau überlegen, welchen Nutzen man davon hat. Und hier ist zu beobachten, dass der Markt gerade wieder kräftig zurückrudert. Auf der anderen Seite gibt es die Möglichkeit, Qualitätsinformation anzubieten wie das neben uns der "Spiegel", die "Süddeutsche" oder das "Handelsblatt" machen. Hier wird sich zeigen, dass die Perspektive über kurz oder lang ganz klar auf entgeltpflichtige Inhalte weist. Anders wird es nicht funktionieren.

Wann stellen Sie ihre Internet-Plattform komplett auf Bezahlinhalte um?
Becker: Wir arbeiten zurzeit mit Nachruck daran und werden dies in absehbarer Zeit tun. Die Teilumstellung könnte bereits in diesem Jahr geschehen.

Wie reagieren Sie auf den anhaltenden Anzeigenschwund und die drohende Verlagerung von Rubrikenmärkten ins Internet?
Becker: Es spricht vieles dafür, dass die Zeitung für Bereiche wie Immobilien, Auto- und Stellenmarkt weiterhin eine attraktive Plattform darstellt. Wir haben auch keine Marktanteile verloren. Wir werden allerdings in der einen oder anderen Rubrik darüber nachdenken müssen, ob wir nicht in mancher Beziehung zu teuer geworden sind.

Heißt das, dass Sie die Anzeigenpreise in absehbarer Zeit senken werden?
Becker: Das ist durchaus möglich.

Ihr Unternehmen hat in den letzten Monaten kräftig auf die Ausgabenbremse getreten. Wo gibt es überhaupt noch Einsparungspotenzial?
Becker: Wir haben noch eine ganze Menge Spielraum. Davon sind alle Unternehmensteile betroffen. Das fängt bei der Druckauflage und dem Seitenumfang der Tageszeitung an und geht bis zu unseren Beteiligungen. So sehen wir für die eine oder andere Fachzeitschrift keine Chance, sie in dieser Form erfolgreich weiterzuführen. Beim Buchverlag werden wir die Zahl der Neuerscheinungen überprüfen. Ich gehe davon aus, dass wir in diesem und dem nächsten Jahr unser Kostenniveau so gesenkt haben, dass wir die derzeitige Krise in den Griff bekommen. Dazu gehören auch verstärkte Kooperationen im Vertriebsbereich.

Heißt das, dass Sie sich im Rahmen Ihrer Kostensenkung auch von der ein oder anderen Unternehmenstochter ganz trennen?
Becker: Das will ich nicht ausschließen.. Wir werden uns auf jeden Fall in unserem Konstenniveau darauf einstellen, dass sich die derzeitige Umsatzentwicklung bis ins nächste Jahr hinein fortsetzen wird.

Interview: Norbert Rüdell/Sabine Schlosser
Meist gelesen
stats