Eskalation bei G+J: Buchholz verwahrt sich gegen "ehrabschneidende" Vorwürfe

Freitag, 13. November 2009
Im Kreuzfeuer: Bernd Buchholz
Im Kreuzfeuer: Bernd Buchholz

Die Redaktionen - genauer: die Redaktionsbeiräte - der Gruner + Jahr-Flaggschiffe "Stern", "Geo" und "Brigitte" greifen Vorstandschef Bernd Buchholz in einem offenen Brief, der HORIZONT.NET vorliegt, scharf an und tragen damit ihre Kritik an den jüngsten und weiterhin zu erwartenden Verlagsumbauten an die Öffentlichkeit. "Wir machen uns große Sorgen um die Zukunft des Verlages und seiner Blätter", schreiben die Beiräte und werfen Buchholz mit Blick etwa auf die jüngsten Stellenstreichungen in der Living-Gruppe vor, die aktuelle Werbekrise zu nutzen, "um zu erreichen, was schon lange geplant ist: die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen der angestellten Redakteure zu verschlechtern". Die Maßnahmen irritierten alle Redakteure, weil der Verlag ja insgesamt schwarze Zahlen schreibe. "Nur über Abschreibungen und Wertberichtungen gerät er ins Minus", rechnen die Beiräte vor - und vermuten dahinter zwei Gründe: Zum einen vom Mehrheitseigner Bertelsmann vorgeschriebene Renditeziele. "Arbeitsplätze abzubauen und Kosten zu senken ist ... womöglich weniger Zukunftssicherung für den Verlag als Arbeitsplatzsicherung für den Vorstand", folgern die Redakteursvertreter. Zum anderen habe der Vorstand "allem Anschein nach jedes Vertrauen in die Stärke seiner Print-Produkte verloren", daher gehe es ihm mangels Internetstrategie „um nichts anderes als ums Sparen".

Dies gefährde die Marken, die heute das Geld verdienen. Die Beiräte fordern daher, dass "man kurzfristig mit den Anteilseignern darüber redet, dass ihre Renditeerwartungen in einem mittlerweile so reifen Markt wie dem deutschen Zeitschriftenmarkt unrealistisch sind". Nur gut ausgestattete Redaktionen hätten eine Chance, im schwierigen Umfeld zu bestehen. "Das zu vertreten, hielten wir für eine Aufgabe, die eines Vorstandes würdig wäre", schließen die Beiräte. Dabei treibt sie möglicherweise mehr an als nur die altruistische Sorge um den Verlag: nämlich auch die Sorge um den Status Quo der eigenen Abteilungsorganisation. Denn die Redaktionen der Flaggschiffe "Stern", "Brigitte" und "Geo" sind bisher von größeren Stellenstreichungen verschont geblieben. Vielleicht auch deshalb, weil dies den größten Wirbel verursachen würde, den der Vorstand scheut. Die aktuelle Eskalation gibt einen Vorgeschmack darauf, und genau dies dürfte das - nachvollziehbare - Ziel der Redaktionsbeiräte sein: vorab Druck aufbauen und so die Hürden für mögliche Sparmaßnahmen möglichst hoch legen.

Die Antwort des so angesprochenen CEO Bernd Buchholz ließ nicht lange auf sich warten und fand ebenfalls, wie fast alles bei G+J, binnen kurzer Zeit ihren Weg an die interessierte Öffentlichkeit - das alles gehört zum Spiel: Das wahre G+J-Intranet sind längst die (Fach-) Medien und darunter, noch detaillierter, die reinen Mediendienste (jene Portale also, die sich weniger an Media- und Marketingentscheider richten, sondern mehr an die Mitarbeiter der und anderer Medienhäuser selber). Doch zurück zu Buchholz' Antwort, die auch HORIZONT.NET vorliegt. Er reagiert sauer: Dem bisherigen "kritisch-konstruktiven Dialog" hätten die Redaktionsbeiräte mit ihrem offenen Brief "zukünftig leider den Boden entzogen". Abgesehen davon, dass "auch Redaktionsbeiräte" die gegenwärtige Wirtschaftskrise und den strukturellen Medienwandel „nicht ignorieren können und sollten" und man „inhaltlich über die Strategie des Vorstandes, über einzelne Maßnahmen und über notwendige Konsequenzen sicher kontrovers diskutieren" könne: Einzelne Vorwürfe der Beiräte seien „ehrabschneidend und damit beleidigend". Um den Dialog wiederherzustellen, erwartet Buchholz eine „schriftliche oder persönliche Entschuldigung". Fortsetzung folgt also. rp
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