Eine Branche leidet: Wie sich die Medien gegenseitig Mut machen

von Ingo Rentz
Donnerstag, 22. November 2012
Das Schicksal der "FTD" bewegt die Gemüter
Das Schicksal der "FTD" bewegt die Gemüter

Die Insolvenz der "Frankfurter Rundschau" und das drohende Aus der "Financial Times Deutschland" sorgen innerhalb der Zeitungsbranche für eine Welle der Solidarität - gleichzeitig wird nicht mit Kritik gegeizt. Doch zuvor ein Blick zurück.

Groß war die Aufbruchstimmung damals, im Jahre 2000, als die "Financial Times Deutschland" an den Start ging: "Uns kann wenig erschrecken. Margaret Thatcher hat einmal gesagt: 'Scheitern ist für uns keine Option.' Wir sehen das genauso." Dieses Zitat vom ersten "FTD"-Geschäftsführer Michael Rzesnitzek im HORIZONT-Interview vom 11. November 1999 veranschaulicht das Selbstbewusstsein, mit dem Gruner + Jahr damals den Angriff auf die etablierten Wirtschaftsblätter vornahm. Stark wachsende Anzeigenumsätze bei den Wirtschaftstiteln unterfütterten die positive Grundhaltung. Zugleich sah man, dass der Business-Plan mit Risiken behaftet war, wie Gründungschefredakteur Andrew Gowers im selben Interview mit HORIZONT deutlich machte: "Den Gesellschaftern und uns ist bewusst, dass der Start einer Tageszeitung kein Projekt ist, das man aus dem Boden stampft und das schnell Rendite bringt. "Die 'Financial Times Deutschland' ist ein langfristig angelegtes Vorhaben." Dreizehn Jahre, diverse Wirtschaftskrisen und eine digitale Revolution später: Die "FTD" steht vor dem Aus und mit ihr das letzte, groß angelegte Tageszeitungsprojekt in Deutschland. Der Start des England-Imports trieb hierzulande einst zahlreiche im Markt verankerte Medien vor sich her: Das "Handelsblatt" proklamierte offen seine Marktführerschaft, große Tages- und Wochenzeitungen bauten ihre Wirtschaftsteile aus.

Heute entfaltet die "FTD" einmal mehr Sogwirkung. Das Schicksal der Wirtschaftszeitung veranlasst landauf landab Journalisten und Kommentatoren dazu, über die Zukunft der gedruckten Zeitung nachzudenken.

Wie Medienschaffende das Aus der "FTD" bewerten, lesen Sie auf den folgenden Seiten

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Gabor Steingart im "Handelsblatt"

"Unterm Strich bleibt die doppelte Erkenntnis: Die Zeitung ist in Schwierigkeiten, aber sie ist nicht tot, sie ist auch nicht totzukriegen. Die Sehnsucht nach Verstehen und Verändern ist so unstillbar wie die Sehnsucht nach dem Leben selbst. Deshalb ist heute ein Tag der Anteilnahme mit den Hunderten ehrbarer und so leidenschaftlich kämpfender Kollegen in Hamburg und anderswo. Aber zur Verzagtheit besteht kein Grund. Der Pessimist sagt: Die Zeitung leidet. Der Optimist erwidert: Das stimmt, aber dieses Leiden beweist ja nur: Die Zeitung lebt."



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Giovanni di Lorenzo in der Zeit

"Allerdings ist das gedruckte Medium überhaupt nicht am Ende, es muss sich nur immer wieder öffnen für jene, die es erreichen will. Es darf sein Relevanzversprechen nicht brechen durch eine permanente Skandalisierung des politischen Lebens oder eine auf Dauer abstoßende Konformität der Meinungen. Es braucht Verleger, die Durststrecken aus Überzeugung durchhalten und die um die Grenze wissen zwischen notwendigem Kostenmanagement und einem Substanzverlust, der noch geschäftsschädigender ist als ein Anzeigenrückgang. Es braucht die Kooperation, nicht die Gegnerschaft zwischen Print und Online; beide bedingen einander. Vor allem aber braucht es die Leserinnen und Leser, die in aller Regel wissen, was sie gutem Journalismus verdanken. Allerdings müssen sich die Blätter und ihre Macher diese Zuwendung im buchstäblichen Sinne auch verdienen. Wer für sich selbst keine Wertschätzung empfindet, kann sie auch nicht von anderen erwarten."

Christian Rickens bei Spiegel Online

"Die "FTD" war aus der Zeit gefallen. Sie war bis zuletzt ein Blatt für Sturm und Drang. Biedermeier konnten die FTD-Redakteure nicht, und aus journalistischer Sicht ist das schon wieder ein Kompliment.

So wie die "FTD" im Moment des größten Reformüberschwangs auf den Markt kam, so verschwindet sie ausgerechnet in einem Moment, in dem sich von neuem Mehltau über unser Land zu legen droht. Europa, Rente, Gesundheitspolitik: Überall Trippelschritte, kein Mut zu großen Sprüngen, weder bei den Bürgern noch bei der Politik. Reformen? Gern, aber bitte nur in Griechenland.

Eigentlich müsste man mal ein Medium wie die "FTD" gründen. Eines, das sich den Wandel auf die Fahnen geschrieben hat."

Und die "FTD" selbst?

Die "FTD" selbst findet unterdessen einen ihren Weg, um mit dem eigenen Ende umzugehen: Die Zeitung berichtet in ihrer heutigen Online-Ausgabe darüber, was das Wegsterben prominenter Zeitungen für die Finanzbranche bedeutet. Eine vorgezogene Reminiszenz daran, was das Blatt trotz aller Probleme so relevant machte. ire
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