Ein paar Gedanken zur Zukunft von G+J – und seines Vorstandschefs

Montag, 27. August 2012
Zeigt sich bislang unbeeindruckt: Gruner + Jahr-Vorstandschef Bernd Buchholz
Zeigt sich bislang unbeeindruckt: Gruner + Jahr-Vorstandschef Bernd Buchholz
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G+J Buchholz Bertelsmann G+j Bernd Kundrun Tuschelthema Hamburg


Kommt er - oder kommt er nicht? Das war das große Tuschelthema am Freitagabend bei der „Nacht der Medien" in Hamburg, dem mediengesellschaftlichen Jahresereignis im Norden. Gemeint war Gruner + Jahr-Vorstandschef Bernd Buchholz, dem sein Hauptgesellschafter Bertelsmann gerade via „Manager Magazin" (die Kollegen von „Meedia" haben sich zu dessen Rolle ein paar interessante Gedanken gemacht) eine veritable Misstrauens- und Unsympathieerklärung überbracht und damit auch von eigenen Unwuchten abgelenkt hatte. Antwort: Ja, er kam. Schnürte und grüßte gewohnt dynamisch durch die Reihen, fester Händedruck für die Männer, schwungvolle Küsschen für die Damen. Ein souveräner Auftritt. Man konnte sogar den Eindruck gewinnen, er empfinde fast so etwas wie Belustigung über das ganze Theater. Und wenn nicht, dann hat er diese Rolle jedenfalls ziemlich gut gespielt.

 
Greift nach Anteilen der Familie Jahr: Bertelsmann-Chef Thomas Rabe
Greift nach Anteilen der Familie Jahr: Bertelsmann-Chef Thomas Rabe
Es wäre nicht die schlechteste Haltung. Denn wie es jetzt weitergeht, das weiß niemand. Die zentrale Frage: Wird es Bertelsmann-Chef Thomas Rabe gelingen, die bei G+J über eine Sperrminorität (25,1 Prozent) verfügende (Noch-) Verlegerfamilie Jahr herauszukaufen und - da Cash in Gütersloh knapp ist - im Gegenzug mit ein paar Prozent an Bertelsmann zu beteiligen? So sicher, wie es das „Manager Magazin" suggeriert, ist das wohl noch gar nicht.

Manch einer liest die muntere Story daher eher als Teil der Gütersloher Verhandlungstaktik, um jenen Mitgliedern des Jahr-Clans, die noch immer am (groß-) väterlichen Verlagserbe hängen, mit öffentlichem Hall aufzuzeigen, wie trostlos Situation und Ausblick bei G+J seien. So etwas kann die Stimmung beeinflussen, so etwas kann Preise im Sinne eines interessierten Käufers drücken. Und das alles könnte auch helfen, der Bertelsmann-Eignerfamilie um Liz Mohn aufzuzeigen, wie sinnvoll es wäre, wenn man bei G+J endlich durchregieren könnte (denn vielleicht zaudert Mohn ja auch noch, ein paar Prozent an ihrem Konzern abzugeben).

Durchregieren - das ist das Stichwort. Falls Rabe die 100-prozentige Regentschaft über G+J erlangt, dann dürfte das Folgen haben für G+J und seinen Vorstandschef, zumal auch das persönliche Verhältnis zwischen Rabe und Buchholz als überaus angespannt gilt. So wundert es nicht, dass G+J-Mitarbeiter und Kenner der Verlagsszene schon über mögliche Buchholz-Nachfolger spekulieren. Vor allem vier Namen werden genannt - dazu später etwas mehr.

BITTE UMBLÄTTERN: Die Perspektive für G+J

Bewegte Zeiten in Gütersloh
Bewegte Zeiten in Gütersloh
Denn eigentlich geht es ja um G+J. Was also sind die Perspektiven für Europas größten Zeitschriftenverlag? Als sicher gilt, dass Buchholz' seit Jahren bei jeder Gelegenheit verkündeten Diversifikationspläne, neben das schrumpfende Magazingeschäft mit digitaler Fachinformation und Datendienstleistungen („Professional Publishing") eine ganz neue Geschäftssäule zu stellen, passé sind. Bertelsmann will, dass sich G+J aufs Pressegeschäft beschränkt, Print und digital. Große Investitionen in mehr (Rubrikenmärkte) oder weniger (E-Commerce) mediennahes Digital-Business wie bei Axel Springer und Burda sind weiterhin nicht drin. Das war zwar schon bisher so, weil Bertelsmann seine Medientöchter RTL-Gruppe und G+J wegen eigener hoher Schulden investitionstechnisch an der sehr kurzen Leine hielt - doch künftig wird das sogar wohl noch zur Strategie erklärt. Man muss es klar sagen: G+J spielt künftig wohl ein anderes Spiel als Axel Springer und Burda. Nämlich eine Liga tiefer.

Pessimistisch formuliert, würde G+J nach über 10 Jahren Vollausschüttung dann mehr denn je als Cash-Cow fungieren, die gemolken wird, so lange es noch geht. Dafür könnten ähnliche Einschnitte erfolgen wie in den Krisenjahren 2008/09. Damals hatte G+J Hefte eingestellt („Park Avenue") oder verkauft („Emotion"), die Redaktionen der Wirtschaftstitel zusammengelegt, die Vermarktung zentralisiert, die Living-Sparte umgebaut, die Geschäfte in Frankreich ebenso und erst Recht die krisengebeutelte G+J-Dependance in Spanien.

Doch angesichts der kleinen Zeichen wirtschaftlicher Erholung in den Jahren 2010/11 hat Buchholz dann die Kostenzügel wohl wieder schleifen lassen. Das ändert sich gerade: Jüngst hat er intern an den Einstellungsvorbehalt aus 2008/09 erinnert: Über jede Einstellung, jede Gehaltserhöhung will Buchholz nun wieder persönlich entscheiden. Die Titel „Yuno" und „Season" wurden eingestampft, die Zahl der Verlagsgruppen auf nunmehr drei reduziert.

Die Flaggschiffe „Brigitte" und vor allem „Stern" mit ihren selbstbewussten Redaktionen wurden bisher trotz kontinuierlicher Auflagenerosion weitgehend verschont. Julia Jäkel, die umtriebige Chefin der neu fusionierten Verlagsgruppe Life, könnte Produktions-Synergien zwischen ihren Frauen-, People- und Living-Magazinen suchen und finden. Thomas Lindner, ihr Pendant in der Agenda-Sparte, könnte Ähnliches bei „Stern" und „Geo" - und vor allem bei „Stern"/Stern.de - versuchen. Unschön ist die Lage auf jeden Fall: Die G+J-Werbeerlöse in Deutschland lagen nach Informationen von HORIZONT.NET zum Halbjahr um über 20 Millionen Euro hinter dem sowieso nicht sonderlich ehrgeizigen Geschäftsplan zurück.

Optimistisch formuliert, könnte ein kleiner und feiner aufgestelltes Haus G+J für Bertelsmann und für die gesamte Branche zeigen, ob und wie ein Verlag - allein - mit journalistischen Inhalten auf allen, auch digitalen Kanälen Geld verdienen kann. Sicherlich auf kleinerer Umsatzflamme als bisher, aber hoffentlich trotzdem hoch profitabel. Mit Werbeerlösen und irgendwann auch mit Paid Content. Niemand weiß jedoch, ob das funktioniert. Es wäre eine Wette auf die Zukunft.

Bisher sieht G+J bei seiner Digitalstrategie jedenfalls nicht glücklich aus. Und das liegt nicht nur an der fehlenden Investitionserlaubnis aus Gütersloh, sondern sicher auch an einem frühen sowie einem späteren Managementfehler von Buchholz. So hat er 2001, damals als „Stern"-Geschäftsführer, nach dem Platzen der Dotcom-Blase hektisch alle digitalen Investitionen bei Stern.de gekappt - ganz anders als Spiegel Online, das heute erfolgreich dasteht. Und als Vorstand (ab 2004) und CEO (seit 2009) hat er die Titelgruppen wohl zu lange ineffizient und ohne Regie im Digitalen werkeln lassen; erst ab jetzt führt G+J sein Digitalgeschäft zentral.

BITTE UMBLÄTTERN: Spekulationen über Buchholz' Nachfolge

Wird als Buchholz-Nachfolger gehandelt: Zeit-Manager Rainer Esser
Wird als Buchholz-Nachfolger gehandelt: Zeit-Manager Rainer Esser
Wie geht es also weiter? Hat Buchholz die Lust und die Energie, den Verlag ohne Aussicht auf Neugeschäft auf die beschriebene Weise auf kleinerer Flamme kosten- und Cash-optimiert weiter zu führen? Gerade jetzt, nach der Desavouierung durch Gütersloh (Investitionsstopp; Botschaften via „Manager Magazin")? Oder spornt ihn das erst Recht an? Lässt man ihn machen? Wie lange? Wohl nur zwei Männer wissen das derzeit: Rabe und Buchholz.

Derweil spekulieren Mitarbeiter und Verlagskenner schon über mögliche Nachfolger. Genannt werden vor allem vier Namen. Den Betreffenden wird das unangenehm sein, weil man ja glauben könnte, sie hätten sich selbst ins Spiel gebracht. Nein, haben sie nicht (das wäre auch dumm). Und nochmals: Es sind reine Marktspekulationen (HORIZONT.NET hat dazu mit keinem von ihnen gesprochen) - die man aber mit Plausibilitäten versehen kann.

Ove Saffe, Geschäftsführer der Spiegel-Gruppe: Dort steht Saffe vor der Herausforderung, dem Haus eine Zukunfts- und Investitionsstrategie zu verpassen und Print mit Online zu versöhnen. Gefragt sind Visionen, Konfliktfähigkeit und Machtworte - das muss nicht jedem liegen. Der Auftrag als CEO eines wie beschrieben neu aufgestellten G+J wäre wegen der kurzen Gütersloher Leine vielleicht nicht einfacher - aber klarer formuliert. Zudem kennt Saffe, zuvor „Stern"-Geschäftsführer, G+J und das Zeitschriftengeschäft wie kaum ein zweiter.

Rainer Esser, Geschäftsführer des „Zeit"-Verlags: Seit über 12 Jahren macht er diesen Job, mit großem Erfolg auch bei Line-Extensions, Digital und Nebengeschäften. Auch wenn Esser seit Mai 2011 zugleich als Geschäftsführer der Holtzbrinck-Holding firmiert - nach so langer Zeit könnte er Lust auf neue Herausforderungen verspüren, zumal bei der „Zeit" weitere Erfolge nun schwerer zu erreichen sind. Selbst für einen Top-Verlagsmanager wie Esser.

Torsten-Jörn Klein, seit 2004 G+J-Auslandsvorstand. Er war bereits nach dem Abtritt des früheren G+J-Chefs Bernd Kundrun zum Jahreswechsel 2008/09 im Rennen, unterlag dann aber gegen Buchholz. Eine Erfolgsbilanz seitdem ist schwer zu ziehen, vor allem im von der Finanzkrise so gebeutelten Spanien-Geschäft. Ihm gelang der Einstieg in die Zukunftsmärkte China und Indien, dagegen stehen der Rückzug aus Russland und Turbulenzen in Österreich.

Thomas Hesse, seit Februar 2012 Bertelsmann-Vorstand für Unternehmensentwicklung und Neugeschäfte. Beobachter, die seinen Namen nennen, weisen darauf hin, dass er längst auch im G+J-Aufsichtsrat sitzt und daher Einblick ins Geschäft habe. Dagegen spricht, dass Hesse, zuletzt Leiter globales Digitalgeschäft und Strategiechef von Sony Music Entertainment in New York und früher mal Stratege bei RTL, bisher kaum operative Management-Erfahrung mitbringt und von Rabe eigentlich für Bertelsmanns digitales Wachstum verpflichtet wurde. rp

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