Digitalgeschäft: G+J geht den harten Weg / Relativierung der Pläne mit Fachinformation?

Donnerstag, 29. März 2012
Wählt nicht den einfachsten Weg: G+J-Chef Bernd Buchholz
Wählt nicht den einfachsten Weg: G+J-Chef Bernd Buchholz


Warten auf Gütersloh: Die Bertelsmann-Zeitschriftentochter Gruner + Jahr relativiert vorerst ihre Pläne, angesichts bestenfalls stagnierender Magazinmärkte und nur auf kleiner Basis wachsender Digitalumsätze künftig mit digitaler Fachinformation ("Professional Publishing") eine ganz neue Geschäftssäule aufzubauen. Das ließ G+J-Vorstandschef Bernd Buchholz bei der Bilanzpressekonferenz des Verlages in Hamburg durchblicken - wohl notgedrungen. Man erinnere sich: Seit 2009, also seit drei Jahren, spricht Buchholz mit wachsender Verve davon, mit digitaler Fachinformation eine ganz neue Umsatzsäule aufbauen zu wollen Durch Akquisitionen. Auf manchen Pressekonferenzen war das ein eigenes Thema, es gab Charts mit vielen Zahlen und guten Begründungen. Rund 500 internationale B-to-B-Firmen hat man gescannt, sich auf 50 als mögliche Übernahmeziele konzentriert - und stand wohl schon zweimal, 2010 und 2011, kurz vor Kaufabschlüssen. Spätestens 2014/2015 jedenfalls wollte G+J mit Professional Publishing einen höheren dreistelligen Millionenumsatz generieren. „Wir wären hier als Vorstand gerne jetzt schon weiter", so Buchholz heute.

Und nun? Fachinformation sei ein mögliches Neubaufeld für G+J, auch andere seien denkbar, sagte Buchholz auf gezielte Nachfragen. Bei diesem rhetorischen Herunterschalten dürfte es sich aber weniger um einen Strategieschwenk handeln - das würde ja bedeuten, dass G+J drei Jahre in die falsche Richtung marschiert wäre -, sondern eher um eine Konzession an den Mehrheitsgesellschafter Bertelsmann, der seit dem Antritt des neuen CEO Thomas Rabe mitten in der Strategiediskussion steckt. Man werde das alles im Bertelsmann-Vorstand entsprechend erörtern, so Buchholz diplomatisch.

Am Mittwoch dieser Woche hatte Rabe seinen ersten großen Auftritt, bei Bertelsmanns Bilanzvorstellung. Dort hat er „Wachstumsplattformen" definiert, und „Information Services" sind auch mit dabei. So nennt Bertelsmann in etwa das, was bei G+J zuvor Professional Publishing hieß. Digitale Fachinformation. Die große Frage ist nur: Darf G+J hier akquirieren - oder will Bertelsmann eine Ebene höher selber ran? Aus Äußerungen Rabes in Interviews und auf der Pressekonferenz kann man hier durchaus einen eigenen Gestaltungswillen herauslesen. Doch ohne nennenswerte Investitionen bliebe bei G+J alles wie gehabt: kaum Wachstum, allein durch rigides Sparen ordentliche Renditen. Eine Cash-Cow, die gemolken wird, solange es geht.

Denn andere Digitalgeschäfte schließt G+J für sich grundsätzlich aus. E-Commerce wie Erzrivale Burda, der sich auch für einen Tierfutter-Onlinehändler nicht zu schade ist und damit zumindest beim Umsatz exorbitant wächst? „G+J definiert sein Business über das Kerngeschäft mit Inhalten und nicht über artfremde zugekaufte Digitalaktivitäten", sagt Buchholz, ohne Burda oder andere Verlage zu nennen. Und möglicherweise mit Gedanken an seine Investitionsfesseln, die selbst auferlegten Grundsätze und die Rücksichten auf Bertelsmann, fasst Buchholz die Situation so zusammen: „Es ist nicht der einfachste Weg, den wir gehen. Es gibt keine Blaupausen und keine Erfolgsgarantie." rp

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